Jul 2, 2012
Toleranz lehren
Karin Eckenroth und Ingrid Meisner unterrichten an der inklusiven Rosenmaarschule in Köln. Ihre Schüler: Kinder mit und ohne Behinderung im Grundschulalter. Eine Herausforderung, die sich lohnt – darin sind sich beide Lehrerinnen einig. Sie erzählen, wie sie den Alltag meistern.
„Es ist manchmal irre, welche Freundschaften entstehen.“

Freundschaftliches Miteinander ist die Regel. Konflikte sind genauso häufig wie an jeder anderen Schule.
Inklusion – wie funktioniert das?
Ingrid Meisner: Inklusion bedeutet, dass Kinder mit und ohne Behinderungen in ein und demselben Unterricht zusammen lernen. In unsere altersgemischte Klasse, wir nennen sie Stammgruppe, gehen 25 Kinder. Vier davon haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Dieser ist bei allen ganz unterschiedlich, das gehört zum Konzept. Nur auf diese Art lässt sich Inklusion leben. Wenn alle Schüler gleich wären und nur einer anders, dann würde er immer rausfallen. Bei einem unserer Kinder liegt der Förderbedarf zum Beispiel im körperlich-motorischen Bereich, bei einem anderen Schüler in dem der Sprache. Ein Mädchen bei uns ist schwerstmehrfachbehindert und muss rund um die Uhr von einer Krankenschwester versorgt werden.

Mittendrin: Henris Rollstuhl ist kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Ist das für die anderen Kinder nicht eine Belastung?
Karin Eckenroth: Ja, das kann schon sein, aber wir reden offen darüber. Wir bitten auch die Eltern, uns Bescheid zu geben, falls ihre Kinder ihnen etwas erzählen, was wir nicht erfahren. Manche Kinder haben beispielsweise gedacht, dass die Behinderung ihrer Klassenkameradin ansteckend ist.
Sind die Berührungsängste unter den Kindern groß?
Karin Eckenroth: In Ausnahmefällen. Unsere Schule besucht auch ein Mädchen mit einer seltenen Krankheit, die starke Fehlbildungen im Gesicht mit sich bringt. Es hat Wochen gedauert, bis die anderen Kontakt zu dem Kind aufgenommen haben. Aber durch die Gewöhnung und indem man es thematisiert, wird es irgendwann auch akzeptiert. Dann sagen die Kinder: „Die sieht anders aus, aber wir kommen damit klar.“
Welche Voraussetzungen müssen Sie als Lehrer mitbringen?
Ingrid Meisner: Zuerst einmal muss man sich sagen: „Ich kann das, ich schaffe das und ich will das so.“ Man sollte keinerlei Berührungsängste kennen. Nur so kann man das auch den Kindern vermitteln. Sie spüren sofort, falls man selbst nicht dahintersteht, und bauen ebenfalls ein distanziertes Verhältnis zu dem Kind auf. Das geht nicht.

Karin Eckenroth (l.) und Ingrid Meisner unterrichten im Team 25 Kinder – davon vier mit Förderbedarf.
Wie gehen lernstarke Schüler mit den Förderkindern um?
Karin Eckenroth: Da jedes Kind an einem individuellen Lehrplan arbeitet und daher im Unterricht speziell auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Aufgaben löst, sind die Konflikte gering. Wir können auch die leistungsstarken Schüler angemessen fördern. Gerade für sie ist es aber auch eine Chance, zu sehen, dass nicht alle immer auf ihrem Niveau sind. Dadurch lernen sie, auch mal ein Stück zurückzurudern und sich auf die einzulassen, die schwächere Leistungen zeigen. Ich hatte kürzlich eine Rangelei zwischen zwei Kindern aus diesem Grund. Das kommt aber an jeder anderen Schule vor. Es ist immer möglich, das zu klären. Und dafür sind wir ja auch da.

Intensive Betreuung und individuelle Lehrpläne gehören zum Konzept der Rosenmaarschule.
Welche Vorteile haben Regelschulen für Förderkinder?
Ingrid Meisner: Sie sind nicht unter ihresgleichen, sondern in vielfältige Klassenstrukturen integriert. Sie machen die Erfahrung, dass sie so, wie sie sind, angenommen werden und positives Feedback bekommen. Es ist manchmal irre, welche Freundschaften entstehen.





























