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Apr 18, 2011

„Wir dürfen nie von uns ausgehen“

dm-Gründer Götz W. Werner über Anthroposophie und wieso das Bewusstsein, mit dem man eine Aufgabe ergreift, so wichtig ist.
 

„Wir dürfen nie von uns ausgehen“ Bild 1 

Was ist Anthroposophie?

Anthroposophie ist eine Wissenschaft. Während die Naturwissenschaft sich mit Gegebenheiten der physischen Welt befasst, beschäftigt sich die Anthroposophie mit der seelisch-geistigen Welt; sie erweitert die Naturwissenschaft um die Erkenntnisse von Kräften, die aus dem geistigen Bereich in unsere Welt wirken. Ich erlebe oft, dass Menschen meinen, Anthroposophie sei eine Religion oder eine Ideologie, die Glaubenssätze vorgibt, die es zu leben gilt. Das ist nicht der Fall. Mit den Erkenntnissen kann ich mir Wissen über die Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung von Menschen und Gemeinschaften erarbeiten.

 

Wieso beschäftigen Sie sich mit Anthroposophie?

Für mich ist die Anthroposophie eine Quelle, die mich befähigt, besser zu Erkenntnissen zu kommen und daraus zu handeln. Ich habe erlebt, dass ich durch die Beschäftigung mit Anthroposophie die Welt und die Menschen zutreffender begreifen kann. Je besser ich die Menschen verstehe, umso besser kann ich ihnen dienen.

 

In den Medien wird dm oft als anthroposophisches Unternehmen dargestellt. Warum stimmt das nicht?

Wenn Anthroposophie zur Ideologie erhoben wird, dann richtet sie Unheil an. Die Gefahr ist, dass etwas, was ich für mich als richtig erkannt zu haben glaube, fortan alles andere eingrenzt. Das gilt für jede Idee, Wissenschaft oder Methode. Dann verliert man die Realität und insbesondere die Menschen aus dem Blick.

 

Anthroposophie ist für Sie also eine Methode, mit der Sie sich beschäftigen, die jedoch nicht Zweck sein darf?

Ja. Lassen Sie mich zur Erläuterung ein Schlüsselerlebnis erzählen. Vor 25 Jahren besuche ich abends kurz vor Ladenschluss eine Filiale und treffe nur noch eine Kollegin. Ich stelle mich vor und frage sie: „Als was sind Sie denn bei uns tätig?“. Sie sagt: „Ich bin nur eine Geringfügig Beschäftigte.“ Jetzt stellen Sie sich vor, Sie kommen als Kunde in den dm-Markt und treffen auf unsere Kollegin, dann ist sie für Sie die Chefin, sie ist die wichtigste, weil im Augenblick die einzige Person bei dm. Damals ist mir klar geworden, dass wir die Dinge konsequent vom Kunden her sehen müssen – wir dürfen nie von uns ausgehen.

 

Und da dm kein anthroposophisches Unternehmen sein kann, auf was kommt es dann an?

Das Beispiel der Kollegin in der Filiale zeigt, dass es darauf ankommt, mit welchem Bewusstsein wir unsere Aufgabe ergreifen. Das macht den Unterschied! Immer wenn ich mich wissenschaftlich betätige, kommt es darauf an, aus welchem Bewusstsein heraus ich das tue – ist es mir wirklich ein inneres Bedürfnis und bleibe ich dabei voraussetzungslos und ergebnisoffen?

 

Wenn die innere Haltung stimmt, kann dann jeder davon profitieren?

So würde ich es nicht ausdrücken, sondern so, dass man sehr wahrscheinlich die Welt und die Menschen zutreffender begreifen kann. Wie man jedoch seine Erkenntnisse umsetzt, dazu gibt die Anthroposophie keine Hinweise. Was gebraucht wird: aus Erkenntnis handelnde Menschen. Denn es braucht Einsichten und Können, Initiative und Geistesgegenwart.