Friedhof voller Leben

v.l.: Eva Schmid (NABU), Wolfgang Haraschin (Betriebsmeister der FriedhofsgÀrtnerei), Artur Bossert (NABU) und alverde-Redakteurin Ulrike Burgert

v.l.: Eva Schmid (NABU), Wolfgang Haraschin (Betriebsmeister der FriedhofsgĂ€rtnerei), Artur Bossert (NABU) und alverde-Redakteurin Ulrike Burgert. Âč 

Unterwegs auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe

Der Hauptfriedhof in Karlsruhe beherbergt eine ungeahnte Vielfalt an Tieren. Ein engagiertes Team sorgt dafĂŒr, dass die Oase der BiodiversitĂ€t mitten in der Stadt gedeiht. Davon konnte sich alverde-Redakteurin Ulrike Burgert bei einem Spaziergang selbst ein Bild machen.

Über eine Kastanienallee, vorbei an einem plĂ€tschernden Brunnen, betreten wir eine beschauliche Welt. Auf dem historischen, 35 Hektar großen Areal mit uralten Baumriesen ist es gleich einige Grad kĂŒhler, Vögel zwitschern, Insekten schwirren umher. Die hektische Stadt ist plötzlich weit weg. Hier auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe treffen wir Artur Bossert und Eva Schmid von der hiesigen Ortsgruppe des Naturschutzbund Deutschland (NABU). MatthĂ€us Vogel, Leiter des Friedhof- und Bestattungsamts, und der Betriebsmeister der FriedhofsgĂ€rtnerei Wolfgang Haraschin stoßen dazu. Zusammen sind sie ein eingespieltes Team und ziehen zum Wohl der hier beheimateten Tiere und Pflanzen an einem Strang.

Flora und Fauna netzwerken im Stillen

Der heiße Sommertag erinnert an jenen 2017, als Eva Schmid die ursprĂŒngliche Idee zum Projekt „Lebendiger Friedhof“ in Karlsruhe hatte. Die pensionierte Gymnasiallehrerin wohnt in der Nachbarschaft des Friedhofs im Osten der Stadt. Sie erzĂ€hlt, wie in jenem DĂŒrresommer sogar die Vögel auf dem Friedhof unter der Trockenheit litten, und wie sie deshalb Wasserschalen aufstellte. „Auf einem Spaziergang mit meiner Nichte kam mir dann der Gedanke, auf dem Friedhof dauerhaft etwas fĂŒr Tiere anzubieten“, erzĂ€hlt Eva Schmid. Sie wandte sich an den NABU – und trat dem Verein kurzerhand selbst bei. Artur Bossert bot damals schon vogelkundliche FĂŒhrungen auf dem Hauptfriedhof an. MatthĂ€us Vogel und Wolfgang Haraschin waren schnell mit im Boot. „Das war von Anfang an eine tolle Kooperation“, sagt Eva Schmid. Das Projekt des NABU „Lebendiger Friedhof“ gab es da bereits in anderen deutschen StĂ€dten, sodass das hiesige Projekt-Team auf deren Konzepte und Erfahrungen zurĂŒckgreifen konnte.

„Wir haben frĂŒher nicht so bewusst wahrgenommen, welchen Naturreichtum wir hier auf dem Friedhof haben“, meint MatthĂ€us Vogel vom Friedhof- und Bestattungsamt. „Durch den Austausch mit dem NABU haben wir angefangen umzudenken.“ Er zeigt auf die Beetbepflanzung als ein Beispiel. Um den geschĂ€tzt 150 Wildbienenarten hier ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum im Jahr Nahrung zu bieten, stellten die FriedhofsgĂ€rtner auf eine Heidekrautart um, die von Dezember bis April blĂŒht. Statt WechselblĂŒher zu pflanzen, die zudem viel Wasser benötigen, entschied man sich fĂŒr klimaresistente heimische Stauden. Sie bieten Insekten Lebensraum und Nahrung. Heimische Tiere und Pflanzen bilden Netzwerke: Zu jeder Pflanze gehören eine oder mehrere Insektenarten, die sich von deren Nektar, Beeren oder BlĂ€ttern ernĂ€hren. Bei Pflanzen, die hier nicht ursprĂŒnglich heimisch sind, fehlen solche passgenauen Partner. Sie haben deshalb keinen oder nur einen geringen Nutzen. FĂŒr eine insektenfreundliche Grabbepflanzung will die FriedhofsgĂ€rtnerei auch Angehörige von Verstorbenen sensibilisieren.

„Was viele Menschen fĂŒr Unkraut halten, ist fĂŒr Insekten ein gedeckter Tisch.“ – Artur Bossert

Der kleine vom NABU angelegte Teich auf dem Karlsruher Friedhof wird regelmĂ€ĂŸig von Algen befreit. Âč 

Moos und Efeu dĂŒrfen bleiben

Der Friedhof bietet durch seine GemĂ€uer, Hecken, BĂ€ume und GrĂŒnflĂ€chen eine ideale „Infrastruktur“ fĂŒr viele Arten von Tieren. Das wird verstĂ€rkt, indem Wiesen seltener gemĂ€ht, Moos und Efeu nicht entfernt werden. Moosbedeckte Mauern bilden feuchte LebensrĂ€ume fĂŒr Amphibien. Dichte Hecken und Efeu an alten Grabsteinen und BĂ€umen bieten den 44 Vogelarten, die es auf dem Friedhof gibt, Spinnen, KĂ€fern und Kleintieren Unterschlupf und Nahrung. „Hier hat sich sogar der Eichenheldbock angesiedelt, ein extrem seltener, unter Schutz stehender großer KĂ€fer“, sagt Eva Schmid.

Nachts ist der Friedhof verschlossen und die Natur unter sich, dann schlĂ€gt die Stunde der Nachtvögel wie dem Waldkauz. FĂŒr FledermĂ€use hat der NABU an BĂ€umen Sommerquartiere in Form von flachen KĂ€sten angebracht. Igel können sich ungefĂ€hrdet bewegen und finden genug Nahrung. Artur Bossert zeigt auf NistkĂ€sten fĂŒr Vögel, die offensichtlich bewohnt sind. Es zwitschert und summt. Große, uralte BĂ€ume verdunsten hier viel Wasser, geben Sauerstoff ab, mildern die Trockenheit und reinigen die Luft von Schadstoffen. Den Ă€ltesten Baum schĂ€tzt MatthĂ€us Vogel auf 400 Jahre. Auf der Bank darunter lĂ€sst sich die Hitze an dem Tag besonders gut aushalten.

Wir sind an der ersten naturnah umgestalteten FlĂ€che angekommen, die in anderthalbjĂ€hriger Teamarbeit von Ehrenamtlichen des NABU, stĂ€dtischen und privaten FriedhofsgĂ€rtnern 2024 entstand, das Projekt „Lebendiger Friedhof“. Etwas abgeschieden von den Grabfeldern dĂŒrfen hier auch Brennnesselstauden gedeihen. „18 Schmetterlingsarten haben die Brennnessel als Wirtspflanze und legen ausschließlich darauf ihre Eier ab“, erklĂ€rt Artur Bossert, der dem NABU seit Jahrzehnten angehört und heute Ehrenvorsitzender ist. Einige Falter flattern um uns herum, wie um das Gesagte zu unterstreichen. 

„Was viele Menschen fĂŒr Unkraut halten, ist fĂŒr Insekten ein gedeckter Tisch“, sagt er. Inmitten einer bunten Blumenwiese steht ein Wildbienenhaus fĂŒr Hohlraumnister, wĂ€hrend ein Sandarium bodennistenden Wildbienen Unterschlupf bietet. Ein Florfliegenkasten ist eigens fĂŒr die filigranen grĂŒnen Fliegen, die BlattlĂ€use vertilgen, am Insektenhotel angebracht. Im Erdgeschoss hat es sich nachts wohl ein Igel gemĂŒtlich gemacht. Ein kleiner Teich dient als Trinkstation und Lebensraum: Teichmolche und Libellen haben das GewĂ€sser erobert. Der besonders naturnahe Abschnitt des Friedhofs wird von Mauern und Stauden, Reisig- und Totholzhaufen eingesĂ€umt. Rotkehlchen und Zaunkönig bauen ihre Nester hinein. Die „Reptilienburg“ beherbergt selten gewordene Reptilien und Eidechsen.

Zuflucht fĂŒr FledermĂ€use im Sommer: An den BĂ€umen hĂ€ngen einige solcher KĂ€sten. (links) Das „Insektenhotel“ ist gut besucht. Vor allem Wildbienen finden hier Unterschlupf. (rechts) Âč 

Naturnahe Wiesen werden nur selten gemÀht

An angrenzenden LehrgrĂ€bern und bei der Mitarbeit im naturbelassenen Areal lernen die Auszubildenden zum FriedhofsgĂ€rtner viel ĂŒber Bepflanzung und Pflege, die sich an ökologischen GrundsĂ€tzen orientiert, wie Wolfgang Haraschin, der die Friedhofspflege koordiniert, erzĂ€hlt. Naturnahe RasenflĂ€chen mit einheimischen GrĂ€sern und Wiesenblumen wie wildem Salbei lĂ€sst er hier nur noch selten mĂ€hen. Zu wichtig ist ihr Nahrungsangebot fĂŒr Insekten. 

Das Team ist auch schon dabei, ein zweites naturnahes Areal auf dem Friedhof umzugestalten, mit dem Ziel, dass auch das sich weitgehend selbst trĂ€gt. „Das Projekt ist ein wichtiger Baustein fĂŒr den Erhalt und die Förderung der Artenvielfalt in der Stadt, aber wir hoffen auch, dass viele Menschen hierherkommen und Anregungen dafĂŒr mitnehmen, wie sie ihre GĂ€rten naturnaher gestalten können.“ Auf dem Friedhof im Stadtteil Durlach sind ebenfalls naturnahe Bereiche geplant. Weitere Friedhöfe sollen folgen. „Wir leben in Zeiten der ErderwĂ€rmung. Da ist es ein Gebot der Stunde, Friedhöfe als natĂŒrliche LebensrĂ€ume und RĂŒckzugsorte auch fĂŒr Menschen zu schĂŒtzen“, sagt MatthĂ€us Vogel. An diesem heißen Tag zahlt sich das aus.

SchĂ€tzen den Schatten eines 400 Jahre alten Baumes: MatthĂ€us Vogel, Eva Schmid, Artur Bossert und alverde-Redakteurin Ulrike Burgert (v.l.) Âč