Zu Besuch auf dem Land

Eckart von Hirschhausen hält Heu und steht dicht neben einem gefleckten Pferd, das eine lila Fliegenmaske mit Netz vor den Augen trägt

Eckart von Hirschhausen ist gern dort, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen und Pferde gegen Fliegen am Auge liebevoll gebastelte Schutzmasken bekommen. ¹⁾

Kolumne von Eckart von Hirschhausen

Liebe alverde-Lesende,

wo sind Menschen glücklicher? In der Stadt oder auf dem Land? Spannende Frage. Haben Sie das für sich schon herausgefunden? Bei mir ändert sich die Antwort immer wieder in den verschiedenen Lebensphasen – und Wochentagen! Ich genieße heute mehr als früher Zeit mit und in der Natur. Und gleichzeitig nerven mich dann lange Wege zu Arbeit, Einkaufen oder Freunden. Deshalb gerne unter der Woche mit S-Bahnanschluss. Am Wochenende ohne Wecker, aber mit Vogelgesang ab vier Uhr. Und Ohrstöpseln.

Das Foto oben habe ich aufgenommen, weil ich schmunzeln musste über die Kopfbedeckung des Pferdes. Wie überall, wo Tiere und Pflanzen leben, leben auch Insekten, als Teil des Kreislaufes. Sie sind wichtig fürs Reststoff-Recycling, die Bestäubung. Aber Fliegen können nerven. Weil das Pferd sich schlechter mit den Hufen wehren kann als wir Menschen mit den Händen, hat ein mitfühlender Mensch diesen Maßanzug gefertigt, aus einem Stück Stoff, das noch übrig war.

Seit fünf Jahren verbringe ich regelmäßig Zeit in einem Dorf. Ich arbeite gerade an meinem nächsten Buch über mentale Gesundheit und schreibe am liebsten mit Blick ins Grüne, aber Fliegen kann ich dabei auch nicht brauchen. Viele Städter träumen vom Grünen, und viele, die auf dem Land leben, zieht es in die Stadt. Das Gras ist bekanntlich immer woanders grüner.

Wo leben Sie lieber? Kleinstadt? Großdorf? Sind Sie Pendler zwischen den Welten? Viele Menschen sind durch die absurden Mieten gezwungen, rauszuziehen aufs Land. Aber wenn viele nur zum Schlafen ins Dorf kommen, schläft das Dorfleben ein. Allein in den wenigen Jahren, in denen ich den ländlichen Raum aus der Nähe erlebe, haben viele Gaststätten dicht gemacht. So fehlen „dritte Orte“, wo man neben Arbeit und Wohnen beisammen ist. In Berlin könnt ihr über eine autofreie Stadt nachdenken. Mein Dorf ist frei von Bussen! Und aus der Bahnstrecke wurde vor Jahrzehnten ein Radwanderweg. Wie soll ich bitteschön von A nach B kommen? Mit Lastenrad?

„Das Landleben hat viele positive Perspektiven. Der Schreiner kommt auch am Wochenende mit seiner Säge, wenn ein Baum auf der Straße liegt.“

Was ich immer wieder sehr positiv erlebe: Wie Gemeinschaft in kleinen Gemeinden funktioniert. Von der spontanen nachbarschaftlichen Hilfe bis zu den Institutionen wie der freiwilligen Feuerwehr, dem Schützen- und Karnevalsverein bis zu den „Junggesellen“. Die Rollenverteilung und die Erwartung wie man zu sein hat, sind auf dem Land bisweilen weniger bunt. Es hält sich vielerorts der Brauch, dass eine Frau, wenn sie bis zum 30. Lebensjahr keinen Mann hat, vor dem Rathaus die Treppe kehren muss. Als ob das beim Dating helfen würde. Und als ob es nicht auch möglich sei, anders leben und lieben zu wollen.

Ledige Männer kehren nie mit 30 die Treppe. Das ist die „Kehrseite“ des sozialen Zusammenhalts. Die Erwartung, sich an traditionelle Rollen anzupassen, wenn man dazu gehören will. Eine Bekannte erzählte mir, wie sie nach der Trennung von ihrem Freund für ihre neue Wohnung eine Fußmatte suchte. In einem Einrichtungshaus fand sie eine mit Regenbogenmuster, die ihr spontan gefiel. Ihre Freundin riet ihr ab, denn die Farbenfreude könnte als politisches Signal für Vielfalt, für die LBGTQ-Community verstanden werden. Aus Angst vor den Reaktionen der Rechtspopulisten im Dorf, hat sie dann eine unauffällige Matte gekauft. Engstirnigkeit gibt es genauso auch in der Stadt – aber da kann man ihr besser aus dem Weg gehen.

Das Landleben hat viele positive Perspektiven und bietet eine Chance, Rollenvielfalt zu entdecken. Ein Freund von mir ist Schreiner aus dem Dorf nebenan. Ralf kommt auch am Wochenende mit seiner Säge, wenn ein Baum auf der Straße liegt. Und wenn jemand stirbt, baut er den Sarg und organisiert die Bestattung. Dem Kreislauf des Lebens ist man auf dem Land näher. Und auch als Städter habe ich jetzt endlich verstanden: Ach, die ganzen Lebensmittel, die waren vor dem Supermarkt erst mal im Boden! Wie heißt es so schön: Das Denken sollte man den Pferden überlassen, die haben die größeren Köpfe …

Ihr
Eckart von Hirschhausen