Sie erzählt vom Danach

Regisseurin Jacqueline Jansen beschäftigt sich in ihrem neuen Film mit dem Thema Tod. ¹⁾
Im Interview mit Regisseurin Jacqueline Jansen
Mit ihrem Debütfilm „Sechswochenamt“ über Trauer hat Jacqueline Jansen dieses Jahr internationale Festivals erobert. Ein Erfolg gegen jede Wahrscheinlichkeit. Denn der Film wurde mit kleinem Budget und ohne Fördergelder gedreht.
Filmfigur Lore muss sich zwischen Sargmodellen entscheiden, mit dem Pfarrer Preise für Möbel aus der Haushaltsauflösung verhandeln und mitten in der ersten Coronawelle eine Trauerfeier organisieren. Ausnahmezustand – und gleichzeitig geht der Alltag weiter. Regisseurin Jacqueline Jansen erzählt konsequent aus der Perspektive der Angehörigen: über unterschiedliche Trauer-Vorstellungen in der Familie und den Umgang mit Regeln und Bürokratie. „Ich habe selbst erfahren, dass es verschiedene Arten gibt, mit Trauer umzugehen“, sagt sie. „In dem Moment, in dem man anerkennt ‚Ich sehe, dass Du einen anderen Weg brauchst‘, geht man schon wieder ein Stück aufeinander zu.“
Lehr- und Wanderjahre am Filmset
Der Film „Sechswochenamt“ (der Titel bezieht sich auf eine traditionelle katholische Messe, die sechs Wochen nach dem Tod gefeiert wird) ist autofiktional: Auch Jacqueline Jansens Mutter starb, als Corona begann, das Leben umzukrempeln. Die Idee, sich filmisch damit auseinanderzusetzen, verfolgte sie erst, als es mit einem anderen Projekt plötzlich nicht weiterging. „Kann ich mich Filmemacherin nennen, wenn ich noch keinen eigenen Spielfilm gedreht habe?“, war die Frage, die sie mit Ende 20 umtrieb. Sie wollte ein sichtbarer Teil der Filmbranche sein. Im Hintergrund wirkte sie schon lange mit.
Gleich nach dem Abitur an einer Waldorfschule machte sie die ersten, unbezahlten Praktika. „Mich hat einfach alles interessiert.“ Sie fand heraus, dass weder Schauspiel noch die organisatorische Arbeit in der Produktion ihr Ding sind, sondern „Geschichten zu erzählen und mit anderen Figuren zu entwickeln“. Ihr Handwerk lernte Jacqueline Jansen als Regieassistentin bei nationalen und internationalen Produktionen. Sie drehte eigene Kurzfilme und einen Dokumentarfilm.
Spielfilme sind noch einmal eine andere Liga. So kostspielig, dass fast kein Film ohne staatliche Fördergelder gedreht wird – und alle greifen auf dieselben Töpfe zu. „Mir ist klar, dass die Fördergremien eine Auswahl treffen müssen. Aber ich wünsche mir, dass kleine, nicht-kommerzielle Produktionen, die das Geld wirklich brauchen, bessere Chancen haben“, sagt Jacqueline Jansen.
Von der Ablehnung der üblichen Finanzierer lässt sie sich aber nicht entmutigen, sondern sucht eigenständig nach Sponsoren. Bei rund 200 Unternehmen – vor allem aus ihrer rheinischen Heimat, wo der Film auch gedreht wird – spricht sie vor und findet so genügend Unterstützung, um den Film zu finanzieren. Aber auch das funktioniert nur, weil alle Mitwirkenden auf ihre Gage verzichten. Für sie ein Geschenk und zugleich die schwierigste Entscheidung, da sie die prekären Arbeitsverhältnisse in der Branche nur zu gut kennt. „Die Menschen sind dabeigeblieben, weil sie sich mit dem Thema identifizierten. Niemand wusste, ob der Film überhaupt in die Kinos kommt.“ Das ist in diesem Sommer passiert, vorher lief er schon auf vielen Festivals, im Oktober erscheint er auf DVD.
Ein Nebenjob im dm-Markt
Logisch, dass auch Jacqueline Jansen sich kein Gehalt überwies. Ihr eigenes Drehbuch, in dem eine von Lores Freundinnen bei dm arbeitet, brachte sie auf eine Idee: Eine Teilzeit-Stelle in einem Berliner dm-Markt ermöglichte ihr, den Film vorzubereiten und ihre Miete zu bezahlen. „Es war nur als Job gedacht und wurde dann so viel mehr. Ich hatte interessante Begegnungen mit Menschen, die ich in der Film-Bubble nie getroffen hätte. Und ich habe erlebt, dass man mir von Anfang an viel zugetraut und Verantwortung übertragen hat.“
Ein Arbeitsklima getragen von Respekt und Wertschätzung ist der Regisseurin auch bei ihren eigenen Projekten wichtig. „Jemand muss Entscheidungen treffen, aber es gibt am Set oft Hierarchien und Umgangsformen, die müssen nicht sein.“ Heute, mit Anfang 30, merkt sie, wie stark die Werte, die ihr Eltern und Großeltern mitgaben, sie prägen. Mit ihrem nächsten Film will sie zu einem Ort ihrer Kindheit, einem landwirtschaftlichen Betrieb, zurückkehren. Dann hoffentlich mit einem Budget, mit dem sie nicht nur den Film, sondern alle Beteiligten bezahlen kann.



