Wo hat Erinnerung Platz?

Person hält vor dem Oberkörper eine weiße Urnenbox mit goldfarbener Taubenzeichnung, Kleidung: dunkle Jacke und blaues Spitzenoberteil

Eine Urnenbestattung ist heute weit verbreitet, während die Sargbestattung lange als selbstverständlich galt. ¹⁾

Drei Perspektiven auf einen Ort, an dem nichts für die Ewigkeit ist

Die Antwort auf diese Frage war lange eindeutig: auf dem Friedhof mit einem Grabstein. Heute sind viele Gräber schlichter, Abschiedsformen werden individueller und enden nicht an den Friedhofsmauern.

Mehr Möglichkeiten, aber nicht genug Spielraum

alverde: Herr Keldenich, Ihr Verein Aeternitas e. V. beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit Verbraucheranliegen rund um die Bestattung. Welche Wünsche werden aktuell häufig an Sie herangetragen?

Christoph Keldenich: Insgesamt wünschen sich viele Menschen seit Langem mehr Vielfalt bei den Bestattungsmöglichkeiten. Die Friedhöfe haben darauf reagiert und ihr Angebot erweitert. Trotzdem wird der Friedhof oft noch als zu reglementiert erlebt. Ein Beispiel: Menschen entscheiden sich zwar bewusst für die pflegefreie Grabform eines Gemeinschaftsgrabes, möchten aber trotzdem gelegentlich etwas Persönliches wie Blumen oder eine Engelsfigur ablegen. Genau das ist in der Regel nicht vorgesehen und wird entfernt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Laufzeit der Gräber.

alverde: Diese liegt zwischen 20 und 25 Jahren. Keine Ewigkeit also …

Christoph Keldenich: Trotzdem für viele eine zu lange Zeit. Die Fristen stammen aus einer Epoche, in der Familien über Generationen an einem Ort gelebt haben. Eine 80-jährige Witwe kann nicht 20 Jahre das Grab ihres Mannes pflegen und die Kinder, die vielleicht in einer anderen Stadt leben, auch nicht. Ich begleite öfter Satzungsänderungen von Friedhöfen. Dabei geht es fast immer um verkürzte Laufzeiten, eine Verlängerung habe ich noch nie erlebt.

alverde: Welche Rolle spielen die Kosten bei der Gestaltung der Bestattung?

Christoph Keldenich: Vor dem Trauerfall wissen die meisten gar nicht, was eine Bestattung tatsächlich kostet, und sind dann überrascht. Die Kosten werden daher oft als hoch und zudem intransparent empfunden. Für die Entscheidung, wie jemand bestattet wird, sind sie aber meist nicht ausschlaggebend.

alverde: Was müsste sich aus Ihrer Sicht konkret ändern?

Christoph Keldenich: Der wichtigste Punkt ist mehr Freiheit bei der Wahl des Bestattungsortes, also die Friedhofspflicht für Urnen sollte aufgehoben werden. Für Verstorbene, die nicht verbrannt werden wollen, sollte die Bestattung in einem Tuch möglich sein – momentan ist sie in den meisten Bundesländern nur aus religiösen Gründen erlaubt. Der zweite wichtige Punkt ist die zeitliche Flexibilität: Die Fristen für die Bestattung sollten verlängert werden, denn hier müssen Angehörige oft innerhalb weniger Tage gewichtige Entscheidungen in einem emotionalen Ausnahmezustand treffen. Und drittens sollten für die Laufzeiten der Gräber kürzere Fristen als bisher erlaubt sein.

Trauer wird sichtbarer und mobiler

alverde: Eine verbreitete These ist, dass unsere Gesellschaft den Tod verdrängt. Sie sehen das anders. Woran machen Sie das fest?

Norbert Fischer: Daran, dass Trauer heute im öffentlichen Raum sichtbarer geworden ist. Ein Beispiel sind die Kreuze und Gedenkorte an Unfallstellen, die seit den 1980er-Jahren deutlich zugenommen haben. Sie sind öffentlich sichtbare Zeichen der Erinnerung, oft sehr persönlich gestaltet. Auch die zunehmende Zahl von Trauer-Selbsthilfegruppen ist ein Zeichen dafür, dass Trauer gelebt wird. Der Eindruck der Verdrängung ist meiner Ansicht nach entstanden, weil der Umgang mit dem Leichnam distanziert bis scheu ist. Das Waschen der Verstorbenen oder Tragen des Sarges waren früher Aufgabe der Familie oder des unmittelbaren Umfelds. Heute sind sie an Profis ausgelagert.

alverde: Trotz sichtbarer Trauer sind Bestattungen heute oft schlichter. Wie passt das zusammen?

Norbert Fischer: Es gibt nicht den einen Trend, sondern mehrere Entwicklungen parallel. Wir sehen bewusst einfache Formen: zunächst die anonymen Gräber, heute eher die Gemeinschaftsflächen. Aber genauso individuellere Grabgestaltungen. Hier sind die schon erwähnten Unfallkreuze, aber auch die Gräber von Kindern eine Inspirationsquelle für reguläre Gräber: Fotos, persönliche Gegenstände, die dort abgelegt werden, tauchten später auch auf klassischen Gräbern auf. Ein deutlicher Trend sind zudem die Naturbestattungen beispielsweise im Wald. Sie sind im Grunde die konsequente Steigerung des naturnah gestalteten Parkfriedhofs aus dem 19. Jahrhundert.

alverde: Was bedeutet das alles für die Rolle des Friedhofs?

Norbert Fischer: Der Friedhof verliert seine Sonderstellung als alleiniger Ort des Gedenkens. Ein entscheidender Treiber ist Feuerbestattung als dominante Bestattungsform. Die Asche ist mobil: Anders als ein Leichnam lässt sie sich an unterschiedliche Orte bringen oder auch aufteilen. Das passt zu einer Gesellschaft, in der Menschen weniger ortsgebunden leben. Noch hat die Urne einen festen Platz auf dem Friedhof oder auf ausgewiesenen Waldflächen. Aber die Seebestattung wird in Norddeutschland immer populärer. In Rheinland-Pfalz, das ein liberales Bestattungsgesetz auf den Weg gebracht hat, darf die Asche in der Mosel ausgebracht werden. Der Standort der Urne und das Verteilen der Asche wird sich weiter auffächern.

Der Friedhof wird immer offener

alverde: Menschen wünschen sich andere Bestattungsformen. Wie gehen Sie auf Ihren Friedhöfen damit um?

Kerstin Hartmann: Es hat sich schon vor Jahrzehnten abgezeichnet, dass die klassischen Reihengräber kaum noch nachgefragt werden. Gleichzeitig wollten wir aber eine Alternative zu den eher ungestalteten anonymen Gräbern bieten. Deshalb haben wir uns gefragt: Was brauchen Hinterbliebene eigentlich? Aus unserer Erfahrung sind das vor allem vier Dinge: ein fester Ort für die Trauer, eine Kennzeichnung mit Namen, die Option, gemeinsam mit geliebten Menschen beigesetzt zu werden, und möglichst wenig Pflegeaufwand. Daraus sind neue Grabformen entstanden. Statt enger Reihen haben wir offene, parkähnliche Flächen gestaltet, mit Stauden, Bäumen und unterschiedlichen Symbolen – von Engelsflügeln bis zum Regenbogen. Viele Angehörige beraten wir direkt und merken so unmittelbar, wie unsere Angebote angenommen werden. Auch im Friedhofsalltag schauen wir genau hin: Wenn wir merken, dass Menschen etwa auf Gemeinschaftsflächen doch Blumen ablegen wollen, versuchen wir, dafür Lösungen zu finden – und räumen sie nicht einfach ab. So entwickeln sich die Anlagen Schritt für Schritt weiter.

alverde: Ist der Friedhof heute eigentlich noch nur für die Trauer da oder sehen Sie ihn eher als Park mit Pietät?

Kerstin Hartmann: Der Friedhof ist in erster Linie ein Ort der Trauer – das bleibt der wichtigste Maßstab. Gleichzeitig wird er stärker als öffentlicher Raum genutzt: Man sieht Spaziergänger oder Familien, die ihren Kindern das Radfahren beibringen, weil hier kein Verkehr ist. Die Empfindung, was auf einem Friedhof angemessen ist, verändert sich – darauf reagieren wir und halten nicht einfach Regeln aufrecht, die keiner mehr braucht. Umstritten ist etwa das Joggen, auf vielen Friedhöfen ist es nicht erlaubt – bei uns schon. Beim Sonnenbaden auf Grabfeldern oder Ballspielen ziehen wir aber eine klare Grenze.

alverde: Was würde fehlen, wenn Bestattung und Erinnerung stärker in den privaten Raum verlagert würden?

Kerstin Hartmann: Der Friedhof schafft eine besondere Form von Distanz: Man verlässt den Alltag bewusst, um zu trauern und zu gedenken. Gleichzeitig ist er ein Ort, der allen zugänglich ist. Erinnerung bleibt damit nicht privat oder im Besitz Einzelner, sondern wird sichtbar und teilbar. Diese Mischung aus Abstand und Öffentlichkeit macht den Friedhof aus.

Unsere Experten im Überblick

  1. Unser Experte – Christoph Keldenich, Vorsitzender von Aeternitas e.V.

    Der Rechtsanwalt verschafft Verbraucheranliegen rund um Bestattungen Gehör und berät Interessierte mit seinem Verein. Friedhofsverwaltungen ziehen ihn regelmäßig heran, wenn es darum geht, Satzungen bürgerfreundlicher zu gestalten.

  2. Unser Experte – Prof. Dr. Norbert Fischer, Sozial- und Kulturhistoriker

    Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Bestattungs- und Trauerkultur. Damit war er selbst in der Forschung ein „Sonderling“, heute ist seine Expertise auch bei Praktikern gefragt. Aktuell lehrt er an der Universität Hamburg.

  3. Unsere Expertin – Kerstin Hartmann, Bereichsleiterin Friedhof und Bestattung in Magdeburg

    Die studierte Landschaftsarchitektin arbeitet seit 1989 in der Friedhofsverwaltung. Heute ist sie für alle 16 städtischen Magdeburger Friedhöfe verantwortlich. Ihr Herz schlägt für die kreative und stilvolle Gestaltung der Friedhofsflächen.

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Friedhofslexikon

Friedhofszwang: In Deutschland gilt: Verstorbene müssen auf einem Friedhof beigesetzt werden. Ausnahmen werden zunehmend diskutiert, bisher ist Rheinland-Pfalz das einzige Bundesland, das diese Regelung 2025 in größerem Umfang gelockert hat.

Bestattungswald: Die Urne wird in einem speziell ausgewiesenen Waldgebiet beigesetzt. Auch diese Fläche zählt rechtlich als Friedhof.

Anonymes Grab: Die Grabstelle ist nicht gekennzeichnet, der Name wird nirgends vermerkt. Diese Form hatte Ende des 20. Jahrhunderts ihre höchste Popularität, mittlerweile hat sie jedoch an Bedeutung verloren – zugunsten von Gemeinschaftsgräbern.

Gemeinschaftsgräber: Mehrere Verstorbene werden in einem gemeinsam gestalteten Grabfeld beigesetzt. Das steht meist unter einem Motto – von speziellen für die Fans eines Vereins bis zu allgemein anschlussfähigen wie „Schmetterlingsgarten“. Oft gibt es Stelen oder Gedenksteine, auf denen zumindest die Namen der Toten aufgelistet sind.

Erdbestattung: Der Leichnam wird in einem Sarg in der Erde beigesetzt. Jahrhundertelang war die Erdbestattung in christlich geprägten Ländern die übliche Bestattungsform, heute wird sie kaum noch gewählt.

Feuerbestattung: Der Körper wird eingeäschert, die Asche in einer Urne beigesetzt oder, je nach gesetzlicher Regelung, verstreut. Sogar die Verarbeitung der Asche zu Schmuck ist teilweise möglich.

Seebestattung: Die Asche wird in einer wasserlöslichen Urne im Meer beigesetzt. Ein fester Ort des Gedenkens entfällt; teilweise entstehen stattdessen symbolische Erinnerungsorte an Land.