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Die Kraft der Freundlichkeit

Ein lächelnder Mann sitzt seitlich im Vordergrund, im Hintergrund eine Frau mit floralem Kleid auf einer Parkbank, rechts Text in lila Blase: „Gutes Miteinander“

Bitte lächeln! Freundlichkeit kann Türen öffnen und für Erfolg wertvoll sein. ¹⁾

Inspirationsthema über gutes Miteinander

Es ist ein Schlüssel zu mehr Glück und Zufriedenheit: mit sich selbst und anderen freundlicher umzugehen. Gemeinsam mit der Psychologin Nora Blum beleuchten wir, wie es gelingen kann.

Umfragen bestätigen, was viele im Alltag wahrnehmen: Der Umgangston ist rauer geworden. „Unfreundlichkeit bedeutet, sich voneinander abzuwenden“, sagt Nora Blum. Die Psychologin ist anderen Menschen gegenüber offen und zugewandt. Als Investoren sie bei einer Geschäftsidee nicht unterstützen – weil sie zu freundlich sei –, ist das für sie ein Schlüsselmoment. Nora Blum beginnt, zum Thema zu forschen. Ihre Erkenntnisse hat sie jetzt in ihrem Buch „Radikale Freundlichkeit – Wie sie dein Leben revolutioniert“ veröffentlicht. Radikal ist an ihrem Buch rein gar nichts. „Radikal“ steht hier vielmehr für „konsequent“. Die 34-Jährige hat beschlossen, noch bewusster eine wohlwollende und empathische Grundhaltung gegenüber anderen Menschen zu leben.

Auch zu sich selbst freundlich sein

Freundlichkeit hat das Zeug, die Welt zu verbessern: Denn sie ist ansteckend. Es geht nur darum, selbst damit anzufangen – diese Botschaft kann man aus ihrem Buch herauslesen. Evolutionär gesehen, liegt es tatsächlich manchmal näher, unfreundlich zu sein: „Behandelt uns jemand unfreundlich, löst das in uns einen tiefen Impuls aus, zurückzukämpfen, und verleitet uns dazu, uns aggressiv zu verhalten“, erklärt Nora Blum. „Ganz wichtig ist, dass wir das Verhalten des Gegenübers dann nicht persönlich nehmen und den Raum zwischen Reiz und Reaktion betreten, also kurz innehalten, tief durchatmen und bewusst entscheiden, uns anders zu verhalten.“ 

Oft lösen sich in dem Moment unangenehme Situationen von alleine, hat die Psychologin beobachtet. „Es ist danach ein viel schöneres Gefühl für beide Seiten, wenn man dem ersten Wutimpuls widersteht und freundlich bleibt.“ Ein großer Gegner von Freundlichkeit ist Stress. „Wir geraten in einen Tunnelblick, sind im Überlebensmodus und nur auf uns selbst fokussiert“, erklärt die Psychologin. 

Was tun? Anderen aus dem Weg gehen oder sie über sein Stresslevel informieren, ist eine Möglichkeit. „Profis“ wie Nora Blum gelingt es durch Atem-, Bodyscan- und Achtsamkeitsübungen, Stress zu reduzieren. Gereiztheit nachzugeben und andere anzublaffen, steigert den Stress, Freundlichkeit senkt ihn hingegen. Und Nora Blum räumt mit einem Mythos auf: „Um Ärger über eine andere Person rauszulassen, powern sich viele sportlich aus. Doch alles, was den Puls hochtreibt, befeuert Ärger weiter. Es ist wirkungsvoller, wenn wir einfach dasitzen, bewusst atmen oder Yoga machen.“

Wie schnell unser Nervensystem auf Unfreundlichkeit gepolt wird, zeigt eine Studie²⁾, wonach wir allein schon durch die Beobachtung einer unfreundlichen Interaktion zwischen Menschen anschließend selbst aggressivere E-Mails verfassen. Umso wichtiger ist es, sich bewusst für Freundlichsein zu entscheiden. Es als Wert und Grundhaltung für sich zu definieren. Freundlichsein stimmt uns selbst positiv, nicht nur die Menschen, denen wir freundlich begegnen. Wir schütten Glückshormone aus, unser Immunsystem wird gestärkt, wir fühlen uns selbstwirksam und zufrieden. 

„Freundlich zu sein ist gut für die eigene Lebenszufriedenheit. Ich erlebe es am eigenen Körper: Ich habe viele Glücksmomente am Tag. Das liegt daran, dass ich hier und da kleine Gespräche mit netten Menschen führe, mir viel zurückgelächelt wird, weil ich tiefere Beziehungen führe und ich mich viel weniger über andere Menschen ärgere.“ Sich vorzunehmen, Menschen auf dem Weg zur Arbeit anzulächeln, kann eine erste kleine Übung sein. „Die meisten lächeln zurück“, ist Nora Blums Erfahrung. „Wir Menschen sind soziale Wesen. Es tut uns einfach gut, angelächelt zu werden, und es ist schön.“

Freundlich Konflikte ansprechen

Freundlichkeit bedeutet jedoch nicht, dass wir uns immer zurücknehmen sollen. Es gehört dazu, in sich reinzuspüren und sich zu fragen, was brauche ich gerade? Was sind meine Bedürfnisse und habe ich noch Lust auf diese Konversation oder nicht? Der Trugschluss der Investoren, die Nora Blum für zu freundlich hielten: Freundlichkeit ist Schwäche. Weit gefehlt: Sie erfordert Selbstbewusstsein und Klarheit. Die Voraussetzung dafür ist, seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu kennen, um freundlich Grenzen zu setzen. „Ich spreche auch Kritisches an, aber tue es freundlich und nicht erst, wenn sich mein Ärger aufgestaut hat“, erklärt sie. 

Da es nicht darum geht, dem Gegenüber die Meinung zu sagen, gehört es zum freundlichen Miteinander immer dazu, andere bewusst wahrzunehmen, zuzuhören und sich in sie hineinzuversetzen. Im Beisein anderer lässt Nora Blum dafür ihr Smartphone in der Tasche, um nicht abgelenkt und ganz Ohr zu sein.

Unsere Expertin – Nora Blum, Psychologin und Autorin

© Lina Retzlaff

Die gebürtige Hamburgerin studierte in York und Cambridge Psychologie. Als Gründerin der Online-Therapieplattform Selfapy wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie forscht zum Thema Freundlichkeit und Stressbewältigung und ist eine gefragte Speakerin. Nora Blum lebt in Berlin.

5 Tools für mehr Freundlichkeit

  1. Selbstreflexion: Wenn wir uns selbst besser kennenlernen, können wir unsere Reaktionen anderen gegenüber verstehen und diese, wenn nötig, anpassen.
  2. Achtsamkeit: Wir können ein ehrliches und freundliches Miteinander leben, wenn wir unsere Mitmenschen und unsere Gefühle wahrnehmen.
  3. Impulskontrolle: Kurz innehalten und den ersten Ärgerimpuls an uns vorbeiziehen lassen. Tiefes Atmen in den Bauch hilft.
  4. Empathie: Die Gefühle, Gedanken und Perspektiven anderer verstehen und nachempfinden. Versuchen, Verständnis dafür aufzubringen.
  5. Klare Entscheidung: Freundlichkeit erfordert, einen Entschluss zu treffen: Wie will ich mich verhalten?

Tipp: Probieren Sie doch mal, beim Einkaufen die Person an der Kasse bewusst freundlich anzulächeln.