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Wollen wir Freunde sein?

Gemeinsam lachen: Freundschaften sind Anker im Leben. Sie brauchen Zeit, um zu wachsen und uns glücklich zu machen. ¹⁾

Im Gespräch mit Wirtschaftspsychologe Felix Wunnike

Freundschaften gehören zu den wichtigsten Beziehungen im Leben und entstehen heute oft anders als früher. Wie aus Begegnungen echte Verbindungen werden – darüber haben wir mit dem Wirtschaftspsychologen Felix Wunnike gesprochen.

Gute Gespräche, gemeinsames Lachen, das Gefühl, verstanden zu werden. Freundschaften sind Anker im Leben. Dass sie unser Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen, ist wissenschaftlich belegt. Die Harvard Study of Adult Development³⁾ zeigt: Menschen mit stabilen sozialen Beziehungen sind zufriedener, gesünder und fühlen sich langfristig stärker verbunden. Kurz: Freundschaften sind lebenswichtig.

Knapp zwei Drittel der Deutschen haben laut YouGov einen besten Freund²⁾ – jeder Dritte keinen. Viele erleben, dass neue Freundschaften im Erwachsenenleben schwerer entstehen als in der Kindheit und Jugend. Das Leben wird komplexer, Verpflichtungen häufen sich, und es bleibt weniger Raum für den persönlichen Austausch, der aus Begegnungen echte Bindungen wachsen lässt. „Als Kinder sind wir automatisch mit Gleichaltrigen in der Schule zusammen – wir verbringen jeden Tag Zeit miteinander. Freundschaft braucht Wiederholung“, erklärt Psychologe Felix Wunnike. Menschen werden vertrauter, je öfter wir ihnen begegnen – das nennt man Mere-Exposure-Effekt. 

Schön zu sehen in Sitcom-Serien wie „Friends“ oder „How I Met Your Mother“. Sie erzählen von Beziehungen, die wachsen, weil die Figuren jeden Tag Zeit miteinander verbringen, Alltag teilen und gemeinsame Rituale entwickeln. Felix Wunnike erzählt: „Das ist total schön, ich habe die Serien selbst geliebt. Aber es erzeugt auch ein unrealistisches Bild – ich habe nicht jeden Tag Zeit für Stunden in der Bar mit allen Freunden auf einem Haufen. Das kann unter Druck setzen, weil man denkt: Bei mir ist das nie so perfekt, wird es auch nie sein.Im echten Leben braucht es mehr Planung, um solche engen Kreise zu pflegen.

Wo wir uns heute begegnen 

Wir kommen an vielen unterschiedlichen Orten zusammen – nicht nur im direkten Alltag, sondern zunehmend auch über digitale Wege. Gerade wenn spontane Kontakte im Berufs- oder Familienleben seltener werden, können Online-Plattformen erste Berührungspunkte schaffen. Felix Wunnike nennt Plattformen wie Bumble Friends, eine App speziell zum Knüpfen neuer Freundschaften, sowie Meetups oder Spontacts, über die sich Menschen zu gemeinsamen Aktivitäten und Interessen verabreden. Sie bieten niedrigschwellige Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen – besonders für Menschen, denen der erste Schritt im echten Leben schwerfällt. Über Social Media lassen sich Kontakte über Distanz hinweg pflegen, und neue Menschen können sich überhaupt erst finden. Drei meiner engsten Freunde hätte ich ohne Social Media nie kennengelernt“, sagt Felix Wunnike.

„Freundschaft braucht Wiederholung.“ – Felix Wunnike

Alles kann, nichts muss 

Doch nicht aus jeder Begegnung entsteht automatisch Nähe und das muss es auch nicht. Gerade diese Erkenntnis nimmt Druck raus. Freundschaften dürfen sich entwickeln. Felix Wunnike spricht in diesem Zusammenhang von der Goldgräber-Methode: „Wer Gold finden will, dreht nicht nur einen Stein um, sondern viele. Übertragen auf Freundschaften heißt das: Nicht jede Begegnung wird sofort passen und nicht jeder Kontakt muss vertieft werden.

Und wie gehe ich damit um, wenn sich die eine Person mehr Nähe wünscht als die andere Person geben kann? Hier hilft Souveränität: Offen die eigenen Gefühle kommunizieren, ohne die andere Person zu verletzen. Gut zu wissen: Eine Handvoll Freunde reicht aus. Der Anthropologe Robin Dunbar hat herausgefunden, dass unser Gehirn im engsten Kreis maximal fünf enge Beziehungen bewältigen kann. Mehr als das stresst und mindert die Zufriedenheit.

Ob aus einer Begegnung mehr wird, zeigt sich oft schneller, als wir denken. Gemeinsame Interessen und Werte wirken wie ein Klebstoff – sie geben Sicherheit und Gesprächsstoff. Sportvereine, Kochkurse oder Laufgruppen bieten daher wunderbare Chancen, neue Leute mit gemeinsamen Leidenschaften kennenzulernen. „Gemeinsamkeiten erleichtern Nähe“, sagt Felix Wunnike. Ehrlichkeit und Authentizität erleichtern das Kennenlernen: „Wenn wir uns zeigen, wie wir sind, finden wir Menschen, die zu uns passen“, erklärt Felix Wunnike. „Nähe braucht keine perfekte Version von uns, sondern eine echte.

Wie Nähe entsteht 

Viele kennen diese Situation: Das Gespräch stockt kurz, eine kleine Pause entsteht und plötzlich rückt die eigene Unsicherheit in den Fokus. Was sage ich jetzt? Genau hier hilft die sogenannte Papagei-Methode: Dabei wird ein Gedanke des Gegenübers in eigenen Worten aufgegriffen und mit einer kurzen Rückfrage gespiegelt. Das signalisiert Aufmerksamkeit und bringt das Gespräch ganz natürlich wieder in Bewegung.

Statt gedanklich die nächste Frage vorzubereiten, hilft es, beim Gegenüber zu bleiben. So rückt der Fokus weg vom eigenen Auftreten hin zum gemeinsamen Moment. Blickkontakt, ein Lächeln oder eine offene Körperhaltung verstärken das Gefühl von Verbundenheit.

„Wenn wir uns zeigen, wie wir sind, finden wir Menschen, die zu uns passen.“ – Felix Wunnike

Schüchtern? Kein Problem 

Nicht alle Menschen gehen gern offen auf andere zu und das muss auch nicht sein. Felix Wunnike unterscheidet klar zwischen schüchternen und introvertierten Menschen. Introversion bedeutet vor allem, dass soziale Kontakte Energie kosten können – nicht, dass man sie nicht mag. Schüchternheit hat oft mit Unsicherheiten zu tun und lässt sich Schritt für Schritt abbauen, wenn man etwas daran ändern möchte. Wer introvertiert ist, darf Begegnungen genießen und sich danach bewusst zurückziehen. Und wer schüchtern ist, kann lernen, sich in kleinen Dosen mehr zuzutrauen. 

Ein alltagstauglicher Tipp von Felix Wunnike: „Immer einen Satz mehr sagen als nötig.An der Supermarktkasse oder beim Bäcker darf es neben „Hallo, mit Karte, danke“ ein zusätzlicher Satz sein – etwa zum Wetter oder zum Feierabend. Sozial sein lässt sich üben. Jeder kleine Austausch stärkt diesen Muskel, ohne tiefgehende Gespräche zu verlangen. Nicht jede Begegnung führt zu einer Freundschaft, aber jede macht es ein Stück leichter, in Kontakt zu treten. Was uns gleich zum nächsten Tipp führt: Werden Sie Stammgast. Wählen Sie Orte, die Sie regelmäßig besuchen, wie beispielsweise das Fitnessstudio oder das Lieblingscafé. „Dort fällt Konversation leichter, weil da häufig dieselben Leute sind“, erklärt Felix Wunnike. So baut man Stück für Stück einen kleinen sozialen Kreis auf.

In Gruppen ankommen 

Neu in einen Raum zu kommen, in dem sich scheinbar alle bereits kennen, kann erst mal überfordernd sein. Grüppchen wirken dann schnell geschlossen und können abschrecken. Häufig liegt die größte Hürde im ersten Moment des Dazukommens. Gruppen wirken von außen oft geschlossener, als sie tatsächlich sind. Felix Wunnike empfiehlt in solchen Situationen, gezielt nach einem sogenannten „Connector“ Ausschau zu halten – Menschen, denen es leichtfällt, andere einzubinden und Verbindungen herzustellen. Sie fungieren oft ganz selbstverständlich als Türöffner.

Beim Neue-Freunde-finden geht es weniger darum, etwas aktiv herzustellen, als Türen offen zu halten – für lockere Gespräche, zufällige Treffen und was sich dann ergibt.

Unser Experte Felix Wunnike

Er ist Wirtschaftspsychologe und hat Tipps, wie man auch im Erwachsenenalter neue Freunde finden kann: Felix Wunnike. © Adrijon Demiri

Unter dem Namen @felix.psychotipps erreicht er auf TikTok und YouTube mehrere Hunderttausend Menschen mit psychologischen Fakten und praktischen Tipps für den Alltag. In seinem Buch „Alles, was du übers Freundefinden wissen musst“ verbindet er wissenschaftliche Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen und zeigt, wie Freundschaften auch im Erwachsenenleben wachsen.

Aus Begegnung wird Freundschaft

  • Wenn ein Kontakt sympathisch ist, helfen ein paar einfache Schritte dabei, Nähe entstehen zu lassen:
  • Verletzlichkeit zeigen Es braucht Mut, um sich verletzlich zu zeigen, aber es lohnt sich. Es verwandelt flüchtige Begegnungen in tiefergehende Beziehungen.
  • Gemeinsamen Kontext schaffen Erlebnisse zu teilen verbindet – besonders solche, bei denen Gespräche entstehen können. Ein Spaziergang oder zusammen kochen bringt mehr Nähe als zwei Stunden im Kino.
  • Dranbleiben nach dem Treffen Nach einem schönen Treffen darf man sich gerne zeitnah melden. Die „Drei-Tage-Warten“-Regel hält Felix Wunnike weder beim Dating noch bei Freundschaften für hilfreich.
  • Gelassen bleiben, wenn Antworten dauern Nicht jede Nachricht wird sofort beantwortet.Wir Menschen sind alle beschäftigt“, sagt Felix Wunnike. Scheuen Sie sich nicht vor einem zweiten Nachhaken.