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Gelassenheit im Alter

Ein gelassener Blick auf Neues kann nach und nach zur Haltung werden. Âč 

Inspirationsthema mit Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello 

VerĂ€nderungen fallen vielen von uns schwer, aber sie sind der Anfang von etwas Neuem. Je gelassener wir ihnen begegnen, desto leichter gehen wir damit um. Eine Haltung, die ein jeder von uns gewinnen kann – auch schon mit 40.

Altern heißt loslassen lernen – von Gewohnheiten, Erwartungen, manchmal auch von Bildern, die wir lange von uns hatten. Mit Gelassenheit fĂ€llt genau das leichter. Wie Sie die bei all den Abschieden finden, haben wir Psychologin Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello gefragt.

Ein lebenslanger Lernprozess

Pasqualina Perrig-Chiello beschreibt Gelassenheit als „eine CharakterstĂ€rke und eine innere Haltung, die uns ermöglicht, unter Druck nicht sofort zu reagieren“. Sie beschreibt den Unterschied zwischen impulsivem „lageorientiertem“ Handeln, wenn Stress, Ärger oder Erschöpfung uns antreiben, und „handlungsorientiertem“ Verhalten, das erst nach einem kurzen inneren Stopp möglich ist. Gelassenheit schenkt diesen Abstand. Sie hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und sich nicht von jeder Anforderung mitreißen zu lassen. Diese ruhige Klarheit mag zwar oft mit den Jahren wachsen, ist jedoch kein automatisches Geschenk des Alters. Vielmehr ist sie das Ergebnis bewusster Lebenserfahrung und ein Lernprozess, der in jedem Lebensabschnitt aktiv gefördert werden kann. Manche finden Gelassenheit im Gehen, andere im GesprĂ€ch, wieder andere in kleinen Ritualen, die dem Tag Ruhe geben.

Gelassenheit stÀrkt unsere Gesundheit

Stress begleitet viele Menschen ĂŒber Jahrzehnte und wirkt dabei oft wie ein unsichtbarer Mitbewohner. Dauerhafte Anspannung erhöht die AusschĂŒttung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin. Wenn Stress zum Dauerzustand wird, folgen hĂ€ufig Schlafstörungen, gedrĂŒckte Stimmung, Verspannungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Genau hier wirkt Gelassenheit wie ein biologischer Ausgleich. Pasqualina Perrig-Chiello erklĂ€rt: „Gelassenheit hĂ€lt die Stresshormone im Zaum – weniger Cortisol und weniger Adrenalin.“ Das wirkt in den gesamten Organismus hinein: „Das Immunsystem stabilisiert sich, der Blutdruck sinkt, die Amygdala, unser inneres Alarmsystem, beruhigt sich.“

Auch unsere Einstellung zum Altern beeinflusst die Gesundheit. Menschen, die ihrem Alter mit Zuversicht begegnen, zeigen weniger Stress und mehr Wohlbefinden.ÂČ  Wer das Altern als Entwicklung statt als Verlust begreift, erlebt: Er wird ausgeglichener. Damit wĂ€chst das GefĂŒhl, das eigene Leben bewusst gestalten zu können. So bleibt man offen und neugierig. „Das hĂ€lt den Kopf fit und hilft, kognitive Reserven aufzubauen, die im Alter sogar vor Demenz schĂŒtzen können“, erklĂ€rt die Psychologin.

„Gelassenheit ist eine CharakterstĂ€rke und eine innere Haltung, die uns ermöglicht, unter Druck nicht sofort zu reagieren.“

Resilienz – die starke Schwester

Gelassenheit steht in enger Verbindung mit einer weiteren inneren Ressource: Resilienz. Sie beschreibt die FĂ€higkeit, innere StabilitĂ€t zu bewahren, auch wenn Lebenskrisen uns fordern. Resilienz wĂ€chst selten in Zeiten, in denen alles glattlĂ€uft, sondern entsteht dort, wo wir lernen, uns anzupassen. Grundlage dafĂŒr ist die Bereitschaft, zwischen dem zu unterscheiden, was wir beeinflussen können, und dem, was außerhalb unserer Reichweite liegt. „Wenn ich den Anspruch habe, perfekt zu sein und alles unter Kontrolle zu haben, dann ist die Krise vorprogrammiert“, so Pasqualina Perrig-Chiello.

Kurze Pause, klare Sicht

Viele Menschen erleben gerade in der Lebensmitte eine Phase, in der frĂŒhere Rollenbilder brĂŒchig werden. Berufliche Wege verĂ€ndern sich, Kinder werden selbststĂ€ndiger, die eigenen Eltern brauchen vielleicht mehr UnterstĂŒtzung und gleichzeitig stellt sich die Frage: Wer bin ich eigentlich jenseits dieser Rollen? Hier hilft es, sich in Ruhe und ganz entspannt neu zu orientieren. Statt alles perfekt zu machen, sich erlauben, gut genug zu sein. Statt fremden Erwartungen zu folgen, die eigenen MaßstĂ€be bewusst zu wĂ€hlen. Die Psychologin beschreibt diese Zeit als „Phase, in der die IdentitĂ€t neu definiert werden muss“ – ein Prozess, der Mut verlangt und gleichzeitig eine große Chance ist. Denn viele Menschen entdecken gerade in diesem Umbruch, was ihnen wirklich am Herzen liegt: TĂ€tigkeiten, die nicht aus Pflicht entstehen, sondern aus Interesse. Ob beim Ehrenamt, Reisen oder in anderen Dingen, die sie schon lange machen wollten.

Gelassenheit kann dabei helfen, bei sich selbst anzukommen und die eigene IdentitĂ€t zu definieren. Sie wĂ€chst in Momenten, in denen wir uns erlauben, innezuhalten. „Menschen nehmen sich in der Lebensmitte in der Regel kaum Zeit fĂŒr sich selbst. Aber es lohnt sich auf die Dauer“, so die Psychologin. Diese bewusste Pause holt uns aus der emotionalen Sofortreaktion und öffnet Raum fĂŒr neue Perspektiven. Reflexionsfragen helfen dabei, Orientierung zu geben.

Erfahrung wird zu StÀrke

Im hohen Alter geht es vielen Menschen nicht mehr darum, ihr Leben grundlegend zu verĂ€ndern, sondern das Beste aus den gegebenen UmstĂ€nden zu machen. Diese Haltung ist kein Zeichen von Resignation, sondern Ausdruck innerer StĂ€rke und Lebenserfahrung. „Was wir von vielen Hochaltrigen lernen können, die oft mit gesundheitlichen und sozialen EinschrĂ€nkungen leben, ist das Akzeptieren des Schicksals“, sagt Pasqualina Perrig-Chiello. Besonders beeindruckend findet sie die FĂ€higkeit, trotz Widrigkeiten Sinn zu entdecken und diesem Sinn im Alltag Gestalt zu geben.

„Gelassenheit hĂ€lt die Stresshormone im Zaum – weniger Cortisol und weniger Adrenalin.“

Reflexionsfragen fĂŒr innere Ruhe:

  • Was berĂŒhrt mich gerade wirklich?
  • Reagiere ich auf diesen Moment oder auf vieles, was sich angestaut hat?
  • Worauf habe ich Einfluss und was darf ich loslassen?
  • Wird das in einem Monat noch dieselbe Bedeutung haben?
  • Was ist mir wirklich wichtig?
  • Womit tue ich mir jetzt gut?
  • Orientiere ich mich an meinen eigenen MaßstĂ€ben oder an denen anderer?

Diese kleinen, aber wirksamen Schritte können die Gelassenheit im Alltag stÀrken:

  • Nein sagen: wenn der Kalender zu voll ist oder es im Kopf zu laut wird.
  • Pausen machen: kurze AtemzĂŒge, ein Spaziergang oder ein Moment Stille.
  • Kleine Achtsamkeitsrituale: Ein bewusster Tee am Morgen, eine Minute mit geschlossenen Augen oder ein kurzes Dehnen wirken wie Mini-Anker im Tag.
  • Humor: ĂŒber eigene Missgeschicke lachen zu können, nimmt Druck aus dem Alltag.
  • Vergebung: reduziert die innere Last – ob uns selbst oder anderen gegenĂŒber.

Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello

© Matthias Aschauer

Sie ist Psychologin, Psychotherapeutin und Professorin fĂŒr Entwicklungspsychologie an der UniversitĂ€t Bern. Pasqualina Perrig-Chiello widmet sich seit vielen Jahren der lebenslangen Entwicklung des Menschen. Ihre Expertise liegt in der Erforschung von Resilienz, der BewĂ€ltigung kritischer Lebensereignisse und der Förderung von Lebenszufriedenheit im Alter.