Kritik – die Kunst der klaren Worte
Wenn es um kritische Anmerkungen geht, ist Taktgefühl wichtig. ¹⁾
Im Interview mit Expertin Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier
Wir brauchen sie, um weiterzukommen. Und doch fällt es uns oft schwer, sie auszuhalten. Dabei gibt es durchaus Wege, Kritik nicht nur erträglich, sondern zu einem wahren Gewinn zu machen.
Eigentlich ist sie rundum wunderbar: Durch Kritik erhalten wir wertvolle Hinweise, wie wir immer besser werden können. Sie sorgt so für persönliches, aber auch gesellschaftliches und wirtschaftliches Wachstum. Darüber hinaus ist sie ein Akt der Fürsorge. Denn wie sollen die anderen sonst erfahren, wo sie Fehler machen? Aber lohnt es sich, durch Kritisieren unsere Nerven und die Beziehung zu strapazieren?
Ja, denn Kritik ist ein mächtiges und wirkungsstarkes Instrument. Eines, das enorm viel zum Positiven bewegen kann. Trotzdem hat sie einen schweren Stand bei uns, denn niemand hört gern, dass er etwas falsch gemacht hat. Und aus diesem Wissen heraus fällt es umgekehrt vielen schwer zu kritisieren. Könnte ja sein, dass der andere genauso betroffen ist.
Wir sind soziale Wesen und wünschen uns Harmonie
Die Sorge ist durchaus berechtigt, weiß Eva-Lotta Brakemeier. Die Psychologie-Professorin der Universität Greifswald, die aktuell Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) ist, erklärt: „Wir sind von der Evolution darauf programmiert, dass wir auf die Gruppe angewiesen sind und deshalb soziale Ablehnung unbedingt vermeiden sollten.“ Wie stark der Impuls ist, zeige sich schon daran, dass „unser Gehirn auf Kritik ganz ähnlich reagiert wie auf körperlichen Schmerz“. Es verarbeitet das kritisch Geäußerte genauso wie eine Verletzung, die man sich zugezogen hat.
Auf der anderen Seite, so die Expertin, war der Evolution genauso daran gelegen, dass wir uns weiterentwickeln. „Ohne Korrektur geht das schlecht.“ Deshalb sei Kritik immer auch von dem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach ehrlicher Rückmeldung und dem Bedürfnis nach Harmonie begleitet.
Negatives oder vermeintlich Schlechtes speichern wir eher
Dafür sorgt oft auch eine weitere evolutionäre Altlast: Der sogenannte „Negativity-Bias“. Der Umstand nämlich, dass wir Negatives immer stärker beachten, weil es vor Jahrtausenden aus Überlebensgründen einmal sinnvoll war, Gefahren schnell zu erkennen. Deshalb speichert unser Gehirn vermutlich noch heute vermeintlich Schlechtes besser ab als Gutes. Das bedeutet: Vorwürfe wie „Du könntest das Geschirr auch mal in die Geschirrspülmaschine stellen!“ vermeiden und stattdessen als Wunsch formulieren. „Dabei hilft es, sich vorzustellen, man verfasse ein Drehbuch und beschreibe ganz sachlich eine Szene“, erklärt Eva-Lotta Brakemeier. Sie empfiehlt dazu das „SEW-Schema“. Es bedeutet „Situation, Emotion, Wunsch“.
Als Erstes betrachtet man die Situation: Ich sehe, dass das Geschirr wieder auf der Maschine steht. Dann die Emotion: Das ärgert mich! Schließlich, was man sich wünscht: „Ich wünsche mir, dass Du das Geschirr hineinstellst.“ Eva-Lotta Brakemeier erläutert: „Meine Patienten merken sich das Schema mit der Übersetzung: Sag-Endlich-Was.“ Wenn man es mit Menschen zu tun bekommt, die eine fragwürdige Feedbackkultur ähnlich der Dieter Bohlens haben, lässt sich das Schema genauso anwenden. Also Situation beschreiben: „Wie Sie hier hereinplatzen und mit ‚So ein Mist‘ meine ganze Arbeit in die Tonne treten.“ Die Emotion erklären: „Ich fühle mich verletzt. Es macht mich wütend.“ Dann den Wunsch äußern: „Ich wünsche mir, dass meine Arbeit nicht so pauschal kritisiert wird.“
Für die Beziehung: abwechselnd loben und kritisieren
Dann gibt es da noch die sogenannte „Sandwich-Regel“, eine Art Kompass, Kritik verdaulicher zu machen. Also erst Lob zu äußern, dann die Kritik, dann wieder ein Lob. Der amerikanische Eheforscher John Gottmann gab sogar die Empfehlung, fünfmal zu loben, einmal zu kritisieren. Er hatte in seinen Studien³⁾ herausgefunden, dass glückliche Beziehungen dieses Verhältnis aufweisen. Das bedeutet aber nicht, so Eva-Lotta Brakemeier, dass man zählen muss, wann man lobt und wann kritisiert. Denn im Grunde geht es um eine positive und wertschätzende Atmosphäre. Die braucht die Kritik, um nicht als Angriff missverstanden, sondern konstruktiv angenommen zu werden. Die brauchen wir, um das Feedback für uns als Einladung zur Reflexion und Selbstüberprüfung nutzen zu können.
Dafür sollte Kritik gerade auch in Unternehmen immer auf Verbesserung, nicht auf Schuldzuweisung ausgerichtet sein. Sie sollte ohne Verallgemeinerung und Zuschreibungen wie „Sie sind eben ein Chaot“ auskommen. Bei Kollegen wie bei Vorgesetzten. Denn natürlich nimmt eine gute Feedbackkultur auch Führungskräfte nicht aus. Im Gegenteil. Erlebt man an ihnen, dass sie sich aufgeschlossen für Kritik zeigen, respektvoll mit Fehlern umgehen und auch positive Rückmeldung geben, hat das Strahlkraft auf die gesamte Feedbackatmosphäre. Und es lohnt sich: Studien²⁾ bestätigen, dass Mitarbeiter sich in solch einem Arbeitsumfeld höhere Ziele setzen, motivierter und zufriedener sind.
Kritik in den sozialen Medien: eine Einbahnstraße
Und wenn man den Ärger einfach mal herunterschluckt? Nichts zu sagen und niemals eine Kritik zu äußern – wenn man das doch im Grunde möchte, ist in keinem Fall eine gute Idee. Eva-Lotta Brakemeier erläutert: „Daraus können sich psychische Probleme entwickeln, bis hin zum Burn-out.“ Es sei meistens gut, dem anderen mitzuteilen, was einen stört – ebenso, zurückzumelden, wie die Kritik angekommen ist. „Aber nicht vor anderen und möglichst in Ruhe.“ Möglichkeiten, die einem im Netz und ausgerechnet bei den sozialen Medien verwehrt bleiben. Dort ist Kritik – mit Daumen hoch, Daumen runter – längst zu einer Einbahnstraße geworden.
Ein Problem, so die Expertin. Gerade die Likes – algorithmische Belohnungssysteme – haben den Effekt, dass junge Menschen ständige Bestätigung erwarten. Und die Anonymität erleichtert destruktive, auch hasserfüllte Kommentare. Das verzerrt das Verständnis von Kritik, weil sie im Netz nicht mehr dialogisch ist. In diesem Kontext ist eine Säule der Kritikfähigkeit besonders relevant: ein stabiles Selbstwertgefühl. Die Überzeugung, dass es nicht um den Menschen geht. Selbst, wenn das Gegenüber persönlich wird.
Kritikfähigkeit braucht auch die Erfahrung von Misserfolg
Diese Gewissheit lässt sich idealerweise schon möglichst früh vermitteln. Etwa von Eltern, die vorleben, wie man nicht stets alles großartig am anderen findet. Aber die immer ein Urvertrauen vermitteln, auch wenn mal etwas ziemlich schiefgegangen ist. Weil sie sich mit Respekt und Offenheit begegnen, nicht verletzend werden und sich über alle Gräben, die sich bisweilen auftun, verständigen können. Aber genauso, indem man Kindern „das menschliche Grundbedürfnis nach Achtung und Selbstwert“ erfüllt. Das erreiche man allerdings nicht dadurch, Kindern möglichst das Erleben von Misserfolgen zu ersparen, sie etwa bei Gesellschaftsspielen immer gewinnen zu lassen und alltägliche Selbstverständlichkeiten übermäßig zu loben, betont Eva-Lotta Brakemeier. Wichtig sei vielmehr, die Anstrengung zu honorieren: das Üben, das Trainieren, den Versuch. Unabhängig davon, ob am Ende eine Bestleistung stehe. Zudem sollte jede Kritik grundsätzlich von einem klaren Grundgefühl begleitet sein: „Das Verhalten, das Du gerade gezeigt hast, finde ich zwar nicht optimal. Aber das heißt nicht, dass Du ein schlechter Mensch bist.“
Unser Grundbedürfnis nach Achtung und Selbstwert
Genau das sollten sich auch Menschen öfter selbst sagen, die von ihren Eltern vor allem eines mit auf den Weg bekamen: Du bist nicht gut genug. Du schaffst das sowieso nicht. Für sie stehen sicher ein paar mehr Hürden auf dem Weg zu einem gelasseneren Umgang mit Kritik. „Diese Hürden lassen sich jedoch überwinden“, sagt die Expertin. Durch Selbstreflexion über alte Prägungen, durch bewusstes Eigenlob wie „Das habe ich wirklich gut gemacht!“, durch das Wissen, dass Kritik in den meisten Fällen eines voraussetzt: Da ist jemand, der sich für uns interessiert, uns ernst nimmt und möchte, dass wir unsere Möglichkeiten voll ausschöpfen – statt wiederholt dieselben nicht hilfreichen Verhaltensweisen zu zeigen.
Unsere Expertin Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier
© Roman Pfeiffer
Die Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald sagt, als Psychotherapeutin habe sie schon viele Menschen behandelt, „die tiefgehende Schwierigkeiten haben, Kritik anzunehmen“. Gleichzeitig stelle sie sich selbst als Mensch immer wieder die Fragen: Wie geht es mir, wenn ich kritisiert werde? Wie kritisiere ich? „Ich leite ein großes Team, da ist wichtig, eine gute Fehler- und Rückmeldekultur zu gestalten und ein Arbeitsklima zu schaffen, in dem Kritik nicht verletzt, sondern weiterbringt.“
Konstruktive Kritik-Kommunikation: 7 Tipps
- Zeitnah reagieren. Nicht nach einem Jahr eine große Abrechnung präsentieren im Sinne von „schon damals hast Du immer …“.
- Ruhe bewahren. Nicht dem ersten Impuls, der - vielleicht negativen - Emotion das Ruder überlassen.
- Sachlich bleiben. Es geht um ein Thema, nicht um den Charakter des Menschen.
- Positives Feedback gern vor anderen, konstruktives unter vier Augen äußern.
- Keine Verallgemeinerungen, sondern konkret und auf den Punkt formulieren.
- Dem Feedback Feedback geben und erklären, welche Emotionen es auslöst. Ruhig nachfragen, ob man es richtig verstanden hat.
- Immer aus der „Ich“-Perspektive argumentieren und niemals sagen: Die anderen finden das auch!