Weniger tragen, leichter leben

Im Bällebad: Viele Vorsätze entspringen dem Wunsch nach mehr Unbeschwertheit im Leben. ¹⁾
Inspirationstalk mit Coach und Autorin Karin Kuschik
Hinter vielen Vorsätzen steht oft ein großer Wunsch: mit leichtem Gepäck leben. Unausgesprochene Annahmen, verschwiegene Bedürfnisse, falsche Rücksichtnahme – all das wiegt schwer. Manchmal braucht es nur einen souveränen Satz oder eine ehrliche Frage, um die Perspektive zu wechseln. Solche Gamechanger-Formulierungen sind die Spezialität von Coach und Bestseller-Autorin Karin Kuschik.
Oft sind es nicht die äußeren Umstände, die uns beschweren, sondern das, was wir innerlich tragen. Karin Kuschik begleitet Menschen seit über 20 Jahren im Coaching und sieht bei vielen Konflikten dieselben Muster: „Wir nehmen allzu vieles persönlich, sind ständig damit beschäftigt, das Verhalten anderer zu deuten.“ Die perfekten Zutaten für Grübelschleifen und Kopfkino.
Die Schlüsseltechnik, um aus dem „selbst inszenierten Drama“ herauszufinden, ist, nachzufragen statt zu interpretieren. „Wir glauben, die Motive und Wünsche des anderen zu kennen, und liegen erstaunlich oft daneben“, sagt Karin Kuschik. Ein einfaches „Wie hast Du das gemeint?“ oder „War das ein Vorwurf oder Interesse?“ oder „Warum hast Du das getan?“ kann Spannungen lösen, bevor sie sich verfestigen.
Vielleicht stellt sich heraus: Der andere hatte gute Absichten oder Motive, die mit uns nur am Rande zu tun haben. Und selbst wenn die Antwort unbequem ist, wissen wir, woran wir sind. „Fast immer ist es für beide Seiten eine Erleichterung, den Elefanten im Raum zu benennen“, so der Coach.
Ebenso entlastend ist es, die eigene Verantwortung anzuerkennen – für die eigenen Gefühle und die eigenen Handlungen. Fehler zuzugeben oder schlicht zu seinen Entscheidungen zu stehen, wirkt fast immer entwaffnend. Und selbst so etwas Komplexem wie unseren Gefühlen sind wir nicht ausgeliefert.
Im ersten Moment mag es erleichtern zu denken: „Weil Du dieses oder jenes getan hast, fühle ich mich schlecht.“ Tatsächlich geben wir anderen Menschen damit aber zu viel Macht. „Die Lösung ist nicht, zwanghaft positiv zu denken“, betont Karin Kuschik. „Ärger, Kränkung, Überforderung werden immer wieder auftauchen – aber wie lang wir an ihnen festhalten, ist unsere Entscheidung.“
Selbstverantwortung hört dort auf, wo die Verantwortung des anderen beginnt. „Wenn ich Aufgaben übernehme oder mir Probleme zu eigen mache, halte ich den anderen klein“, sagt Karin Kuschik. Auch hier kann eine Frage helfen, etwa: „Was brauchst Du von mir, damit es für Dich weitergeht?“ Solche Fragen bringen Bewegung ins Gegenüber. Sie zeigen: Ich sehe Dich, aber ich löse Dein Problem nicht für Dich. Das gilt im Job genauso wie in Beziehungen oder in der Familie.
„Wir müssen gar nicht abweisend werden, um Grenzen zu setzen“, sagt sie. „Wenn wir in Verbindung bleiben, übernehmen beide Seiten Verantwortung – jede für ihren Teil.“ Letztlich geht es für sie um eine Haltung: freundlich, klar und eigenverantwortlich. Ein Leben mit leichtem Gepäck heißt nicht, dass alles mühelos wird. Aber dass wir weniger tragen, was gar nicht zu uns gehört – und offen ansprechen, was uns bewegt.
Unsere Expertin: Karin Kuschik, Coach und Autorin

© Manfred Johan
Eine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen und ein messerscharfer Blick auf Kommunikation ziehen sich als roter Faden durch ihr Berufsleben: Karin Kuschik war Journalistin, Moderatorin, Songschreiberin, bevor sie sich als Business-Coach selbstständig machte. 2022 gab sie mit „50 Sätze, die das Leben leichter machen“ ihr Wissen unterhaltsam verpackt ans große Publikum weiter. Der Titel wurde ein internationaler Bestseller und auch der Ratgeber-Nachfolger stieg im vergangenen Oktober sofort auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein.
Und wie gelingt Leichtigkeit im Alltag?
Diese Merksätze und Fragen von Karin Kuschik helfen, das innere Gepäck leichter zu machen und Beziehungen klarer.
Wer mich ärgert, bestimme immer noch ich.
Dieser Satz eignet sich als inneres Mantra. Er erinnert daran, dass wir entscheiden können, wie lange wir uns im Ärger aufhalten. Statt Energie in endlose Schleifen zu stecken, eröffnet er die Möglichkeit, souverän weiterzugehen. Im Alltag könnte das so klingen: „Ich habe keine Lust, mich aufzuregen. Wie gehen wir konkret vor?“ Wir gewinnen an Souveränität und lenken das Gespräch zugleich in eine konstruktive Richtung.
Wollen ist wie müssen, nur freiwillig.
Das Wort „müssen“ drückt Zwang aus – wir erleben uns als Opfer der Umstände. Wer das „Müssen“ in ein „Wollen“ verwandelt, ändert sofort die innere Haltung – weil er ein inneres „Ja“ erkennt: Ich will meine Steuererklärung machen, weil ich sie vom Tisch haben und Geld zurückbekommen möchte. Ich will mich um meine Eltern kümmern, weil mir die Beziehung wichtig ist. Ein einziges Wort verschiebt das Gewicht von Druck hin zu Selbstbestimmung.
Wie könntest Du das Problem verschlimmern?
Die Frage klingt im ersten Moment absurd, ist aber enorm gewinnbringend, wenn wir vor einem Problem stehen, das uns schon länger begleitet – von zu viel Social-Media-Konsum bis zu sozialen Ängsten. Nämlich, indem wir das Gegenteil von dem tun, was unser Problem verschlimmern würde – und diese Antworten hat die Frage ja wunderbar ans Licht gebracht.
Ich habe mich umentschieden.
Wenn wir etwas zusagen und dann merken, dass wir uns damit übernommen haben, zieht schnell das schlechte Gewissen auf. Wir fühlen uns an unser Wort gebunden. Viele verheddern sich bei einer Absage daher in Ausreden oder endlosen Rechtfertigungen. Ein ehrliches „Ich habe mich umentschieden“ wäre für beide Seiten viel leichter. Wir übernehmen damit Verantwortung und sind ehrlich. Indem wir uns erlauben, eine neue Entscheidung zu treffen, vermeiden wir dieses innere Grollen, das entsteht, wenn wir aus purem Pflichtgefühl eine Sache durchziehen.
War das ein Vorwurf oder Interesse?
Oft sind es Zwischentöne, die ein Gespräch schwer machen. Ein Satz klingt harmlos, trägt aber einen Stachel. Oder eine Nachfrage wirkt kritisch, obwohl sie neugierig gemeint war. Wer nachfragt: „War das ein Vorwurf oder Interesse?“ oder „Du klingst genervt. Bist Du genervt?“, benennt, welche Wirkung der Satz auf den Empfänger hat. Der andere bekommt so die Chance, seine Absicht klarzustellen. Damit wird Missstimmung entschärft.
Können wir uns darauf einigen, dass …?
Dieser Satz ist eine Rückversicherung. Er wirkt besonders dann stark, wenn ein Thema schon mehrfach im Raum stand oder wenn man spürt, dass das „Ja“ des anderen nicht wirklich trägt. Mit „Können wir uns darauf einigen, dass …?“ bitten wir um ein klares Commitment. Es geht darum, Eindeutigkeit zu schaffen, damit nicht in der nächsten Runde alles wieder neu verhandelt werden muss.
Ich verstehe Dich absolut und ich möchte etwas anderes.
Das Zauberwort in diesem Satz ist das „und“. Wenn wir Sätze mit einem Aber verbinden, entwerten wir automatisch das zuvor Gesagte. „Und“ dagegen, lässt beide Satzteile stehen: das Verständnis für den anderen und den eigenen Wunsch. So entsteht ein Satz, der Empathie und eigene Ansprüche zugleich transportiert. Er zeigt: Ich sehe Dich, und ich bleibe bei mir.
Ich glaube, das ist Dein Thema.
Hinter Kritik oder Vorwürfen steckt oft weniger eine Wahrheit über uns als vielmehr ein Thema des Absenders: Unsicherheit, Frust oder vielleicht auch Neid. Mit dem Satz „Ich glaube, das ist Dein Thema“ wird genau das sichtbar. Er hilft, das Gesagte nicht vorschnell anzunehmen. Stattdessen bleibt das Gewicht dort, wo es hingehört – beim anderen. Hilfreich kann auch die Frage sein: „Was kann ich konkret tun, damit es für Dich weitergeht/besser wird?“ Manchmal wird dann schlagartig klar: gar nichts.
Ich fühle mich hier gar nicht zuständig.
Oft übernehmen wir Verantwortung, ohne dass es je unser Auftrag war – im Job, wenn Kollegen ihre Aufgaben abwälzen, oder privat, wenn wir automatisch Konflikte schlichten. „Ich fühle mich hier gar nicht zuständig“ markiert eine klare Grenze. Der Satz beendet unausgesprochene Erwartungen, bevor sie zur Last werden, und schafft Raum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Ist Freundlichkeit eine Option für Sie?
Klingt provokativ, ist aber viel konstruktiver als übliche Angriffe wie: „Sie sind aber unfreundlich“ oder Aufforderungen wie: „Bleiben Sie bitte höflich!“ Dadurch fühlt sich unser Gegenüber bloßgestellt, angegriffen und macht zu. Die Frage hingegen spricht das schlechte Benehmen an und eröffnet zugleich dem anderen die Möglichkeit, sich ohne Gesichtsverlust zu korrigieren.
Wie sag ich’s? Im Apfelschorlen-Ton
Alle diese Sätze und Fragen entfalten ihre Wirkung nicht durch Nachdruck, sondern durch Selbstverständlichkeit. Karin Kuschik rät, sie so beiläufig auszusprechen wie die Getränkebestellung im Restaurant. Je öfter wir sie sagen, desto leichter kommen sie uns über die Lippen.
Sei live dabei
Bestseller-Autorin und Coach Karin Kuschik hat noch eine Reihe von Fragen und Sätzen für mehr innere Souveränität auf Lager. Freuen Dich auf einen inspirierenden Talk voller Impulse, die im Alltag nachwirken. Gespräche mit Karin Kuschik sind so unterhaltsam wie augenöffnend: Sie schöpft aus einem großen Reservoir an Alltagsbeobachtungen und bringt ihre Erkenntnisse auf den Punkt.
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