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Mächtig: die Mutter-Tochter-Beziehung

Zwischen Müttern und Töchtern entsteht oft eine ganz besondere Nähe. ¹⁾

Interview mit Sozialpsychologin Sarah Trentzsch

Der einen ist sie engste Vertraute, der anderen ihr größtes Rätsel und für manch eine die härteste Enttäuschung sowie Kern vieler Therapiesitzungen. Die Beziehung zu unserer Mutter ist die erste, die wir eingehen, und zugleich eine, die uns ein Leben lang prägt. Durch ihre Reibungen, Auseinandersetzungen, Leerstellen und Verletzungen, die uns im besten Fall dazu ermächtigen, unseren Platz im Leben zu finden. Oder wie es Sozialpsychologin Sarah Trentzsch in ihrem Buch beschreibt: „In der Beziehung zur eigenen Mutter liegt für Frauen ein Schlüssel zu Freiheit und Eigenwilligkeit; mehr noch, zu dem zentralen Gefühl, sich nicht anpassen zu müssen, um in Beziehung sein zu können.“

So innig wie konfliktreich 

Diese Beziehung ist so anders als alle, die wir pflegen. Zu Beginn bedeutet die Mutter für die Tochter die Welt. Doch was als überlebenswichtige Symbiose beginnt, löst sich mit jeder Autonomiephase der Tochter ein Stück mehr. Ein natürlicher wie gesunder Prozess, aber für viele Mütter kein einfacher. Sie müssen loslassen und immer wieder neu in Beziehung treten zu ihrer Tochter, die allmählich zur Frau wird in einer Welt, in der Frauen noch immer den Großteil der Sorgearbeit schultern und um Gleichberechtigung kämpfen. Da steckt ganz schön viel Bewegung drin.

Wie die Mutter, so die Tochter

So steht es bereits in der Bibel geschrieben. Ein Paradoxon. Spätestens wenn sich Mädchen an ihre Weiblichkeit herantasten, beginnt das Podest zu wackeln, auf das sie ihre Mutter gestellt haben. Sie vergleichen, hinterfragen, grenzen sich ab, kritisieren. Damals wie heute. Und all das vor dem Hintergrund, dass sich das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft stark gewandelt hat. Dass die Gewalt an Frauen zunimmt, ebenso die Doppelbelastung von Mutterschaft und Beruf und leider auch die Zahl psychischer Erkrankungen von Frauen wie Mädchen, die Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Michael Schulte-Markwort dazu veranlasst hat, ein Buch über „mutlose Mädchen“ zu schreiben.

Warum die Beziehung zwischen Mutter und Tochter so ambivalent ist, lässt sich auf individueller Ebene allein daher nicht beantworten. 

„Zum einen findet aufgrund der Gleichgeschlechtlichkeit und emotionalen Nähe eine sehr starke Identifikation zwischen Mutter und Tochter statt – weshalb die Mutter ein Vorbild ist“, sagt Sarah Trentzsch. 

„Zum anderen geht es darum, wie zufrieden eine Mutter im Leben ist. Mädchen spüren, wie es der Mutter geht, bekommen ihre persönlichen Konflikte mit, sehen ihre Zerrissenheit zwischen Beruf und Familie – und fühlen sich für ihr Glück zuständig.“

In ihren Beratungsgesprächen mit Müttern und ihren erwachsenen Töchtern wird immer wieder deutlich, wie früh Töchter Verantwortung übernehmen mussten, sich um ihre jüngeren Geschwister kümmerten, der Mutter eine Freundin waren, ihr zuhörten, sich um sie sorgten. 

„Doch erst wenn diejenige, auf die wir angewiesen sind, deren Nähe wir brauchen und mit der wir uns identifizieren wollen, keine Bedingungen daran knüpft, erlangen wir die Freiheit, uns die Welt anzueignen, ohne durch Schuldgefühle ausgebremst zu werden“, betont die Sozialpsychologin.

 „Dazu gehört als Mutter, die eigenen Bedürfnisse nach Nähe, Bestätigung und versorgt werden in erwachsenen Beziehungen zu befriedigen, um die Tochter davor zu schützen, sich immer zuerst für andere verantwortlich zu fühlen, bevor sie ihre eigenen Anliegen verfolgt.“

„Die Beziehung zur Mutter beschreibt eine Leerstelle, die das eigene In-der-Welt-Sein berührt.“

Botschaft an die Töchter 

Wer sich besonders nah steht, vermag sich tief zu verletzen. Und oft geht die Wunde im Erwachsenenalter auf – beispielsweise wenn man selbst Mutter wird und erkennt, wie hoch die Ansprüche damals an einen waren. Und zu welchem Glaubenssatz sie führten. Ich bin zu laut, zu schusselig, zu mittelmäßig, zu unangepasst, zu gefühlig. Dann überkommt einen diese Wut. Und die Mutter versteht nicht, warum. Das alles liegt doch so viele Jahre zurück. Aber genau dahin schaut die Sozialpsychologin in ihren Beratungen und schafft einen Raum, miteinander zu sprechen. „Und zwar anders, als sie es sonst tun. Die meisten denken, sie kennen sich eh schon, und hören oft gar nicht das Bedeutsame. Und das ist etwas, was sie lernen können, auch wenn sie schon älter sind: einander neugierig zuzuhören, offene Fragen zu stellen.“ Erfährt man von den Erfahrungen und Prägungen der Kindheit der Mutter, erkennt man auch, wie sich Verhaltensmuster und Erwartungshaltungen wiederholen. Denn meist ist uns selbst gar nicht bewusst, wie stark in der Vergangenheit Gelerntes und Gewohntes heute noch wirkt.

Von der Qualität des Abstands 

Wie wir diese unguten Muster auflösen und den Kreislauf für die nächste Generation durchbrechen? Mit Wohlwollen, Konfliktliebe und der Bereitschaft, zu verstehen. „Sowie der notwendigen Distanz“, betont Sarah Trentzsch. „Ich stelle in meinen Gesprächen immer wieder fest, dass die verloren geht. Aber nur so können wir uns vom ‚Wollen‘ der Mutter emanzipieren und folglich auch vom ‚Wollen‘ anderer wichtiger Menschen, wie dem des Partners oder der besten Freundin.“ Ein wichtiger Punkt, wenn man sich das Leben vieler erwachsener Töchter heute anschaut. Sie wollen eine gleichberechtigte Partnerschaft führen, Erfolg im Job haben, gut aussehen, sich bedürfnisorientiert um ihre Kinder kümmern. Sie werden allem gerecht, nur nicht sich selbst.

Nein aus Liebe zu Dir und mir 

Der Familientherapeut Jesper Juul veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Nein aus Liebe“, womit er das empathische, souveräne Nein zum Schutz des Kindes aber auch zum Schutz eigener Bedürfnisse beschreibt. „Oft schenkt man seiner Tochter mehr, wenn man ihr sagt: ‚Ich habe jetzt keine Zeit.‘ Weil Mütter in der Regel viel geben. Daraus kann sich gerade in Mutter-Tochter-Beziehungen eine Eigendynamik entwickeln, die andere Bereiche zwischenmenschlicher Beziehung erstickt. Statt nur umeinander zu kreisen, ist es wichtig, gemeinsam den Blick auf die Welt da draußen zu richten.“ Darin sieht Sarah Trentzsch die transformierende Kraft der Mutter-Tochter-Beziehung, gesamtgesellschaftlich etwas zu bewegen.

Vulnerable Phase: die Pubertät

Trotzphase, Pubertät, erste Beziehung, Mutterschaft – all diese biografischen Wendepunkte erzählen vom eigenen Wollen der Tochter. Ganz egal wie stark dieses von dem der Mutter abweicht, ist das Bedürfnis der Tochter nach Nähe in all diesen Lebensetappen groß. Nehmen wir die Pubertät, in der es häufig zu Konflikten kommt. „Zur Zeit der einsetzenden Menstruation der Tochter können die Wechseljahre der Mutter beginnen, oder zumindest schwindet ihre eigene Jugendlichkeit“, so Sarah Trentzsch. 

„Mit wie viel Leidenschaft die Mutter in diese neue Lebensphase eintritt, die eine Befreiung von Normen, Tätigkeiten und Anforderungen sein kann, beeinflusst nicht nur das Selbstbewusstsein der Tochter, sondern zugleich auch ihre Unabhängigkeit von äußeren Bewertungen.“ Der wohlwollende Blick der Mutter auf die Tochter schützt diese langfristig davor, sich den männlichen Bewertungen zu unterzuordnen. Damit eine Mutter ihrer Tochter diese Anerkennung und Wertschätzung geben kann, braucht auch sie den Abstand zu ihr. 

„Das erfordert, dass sich die Mutter mit ihren Wünschen, Ängsten und dem bisherigen eigenen Leben auseinandersetzt: den nicht erfüllten Hoffnungen und entgangenen Möglichkeiten, die Quelle von Neid auf die Tochter sein können“, sagt Sozialpsychologin Sarah Trentzsch. „Viele Mütter sind in einer Welt mit wenig Freiheit und Wertschätzung groß geworden. Sich damit abzufinden ist eine Entscheidung.“ Den wohlwollenden Blick nicht nur auf die Gemeinsamkeiten, sondern das Anderssein der Tochter zu richten ebenso. So erfährt diese, dass sie sich in ihrer Beziehung unterscheiden dürfen und dennoch verbunden bleiben.

„Eine Person, die Dich im Nu auf die Palme bringt. Von der Du Dir die Freiheit und Anerkennung für Deinen eigenen Weg wünschst. Und Liebe lebenslang. Mama.“

Freie Töchter brauchen freie Mütter 

In ihren Gesprächen mit Müttern und ihren erwachsenen Töchtern stellt die Sozialpsychologin immer wieder fest, dass viele an denselben Punkten hängen bleiben. Dass die Töchter eine Wut gegenüber ihrer Mutter in sich tragen, die sie selbst nicht einzuordnen wissen. Und dass die Mütter traurig darüber sind, weil sie ihre Töchter vermissen. Im gemeinsamen Blick zurück wird oft klar, wie stark sich die Töchter dem Wollen der Mütter als Mädchen unterworfen haben. 

Und dass sie sich heute nicht anders abzugrenzen wissen, als auf Distanz zu gehen. In den Beratungsgesprächen lernen beide, einander zuzuhören. „Es gibt aber auch welche, die das nicht können. Dann gilt es, auch das zu akzeptieren. Und das ist schmerzhaft“, sagt Sarah Trentzsch. „Es ist wichtig, anzuerkennen, dass es eine notwendige Grenze zwischen Mutter und Tochter sowie zwischen den Generationen gibt. Darin liegt die Freiheit, nicht alles haben und sein zu können und sich ehrlich zu fragen: ‚Was will ich?‘“

Unsere Expertin: Sarah Trentzsch

© Luzia Schmincke

Sarah Trentzsch ist Sozialpsychologin, Familienberaterin und Mediatorin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Beziehungsthemen, Krisen, Trennung, Veränderung und Neuorientierung sowie explizit für Frauen die Themen Widerstandsformen und Grenzen setzen. Seit nunmehr zehn Jahren berät sie Mütter und ihre erwachsenen Töchter in eigener Praxis, „weil ich diese Beziehung für aufschlussreich halte – dafür, wie Frauen in der Welt stehen und diese mitgestalten“. Sie ist Koordinatorin einer Interventionsstelle gegen Gewalt an Frauen und ihren Kindern.

Wofür Töchter ihre Mütter brauchen nach Sarah Trentzsch

  • Für Orientierung 
    Wie die Mutter lebt, ihre Ziele und Bedürfnisse verfolgt, sich in schwierigen Situationen Hilfe sucht, Fehler eingesteht, Konflikte austrägt und Freundschaften pflegt, ist für die Tochter beispielhaft.
  • Für Abgrenzung 
    Indem die Mutter ihrem Kompass folgt, keine Angst davor hat, auch mal anzuecken oder Konflikte einzugehen und für sich einzutreten, zeigt sie ihrer Tochter, wie man seine eigenen Grenzen wahrt.
  • Für Schutz und Sicherheit 
    Bis die Tochter ihre eigenen Grenzen kennt und schützen kann, steht ihre Mutter ihr zur Seite – nicht kontrollierend oder behütend. Dazu gehört auch ein ermutigender, enttabuisierender Umgang mit ihrer Körperlichkeit.
  • Für Freiheit 
    Eine Mutter muss die Ablösung der Tochter nicht nur aushalten, sondern aktiv fördern. Bleibt sie dabei souverän, statt traurig, gekränkt oder strafend, kann ihre Tochter frei von Schuldgefühlen ihren Weg gehen.