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Wie meinen?

Frau in weißer Bluse und weißer Hose sitzt auf braunem Ledersofa, gestikulierend, mit gelbem und gemustertem Kissen neben sich; rechts im Bild eine Person im Vordergrund unscharf, oben rechts lila Sprechblase mit dem Wort „Schlagfertigkeit“

Wie sage ich es am besten? Schlagfertig zu sein kann man üben. ¹⁾

Die Kunst der treffsicheren Worte

Der Umgangston ist rauer geworden. Im Alltag wie auf Social Media. Wie kann man dagegenhalten? Seine Interessen wahren? Haltung zeigen, ohne selbst im Empörungsstrudel unterzugehen? Trainerin Nicole Staudinger hat ein paar Ideen.

Ein Parkhaus im Frankfurter Bahnhofsviertel. Nicht gerade der schönste Ort für eine Frau. Zum Glück gibt es gut beleuchtete Frauenparkplätze direkt am Ausgang. Doch auf den letzten stellt sich gerade ein SUV. Am Steuer sitzt ein Mann. Die Frau auf Parkplatzsuche steigt aus, geht zu ihm hin und sagt: „Sie haben es vielleicht nicht bemerkt, aber das hier ist ein Frauenparkplatz. Es wäre schön, wenn Sie sich woanders hinstellen könnten.“ Und der Mann? Der antwortet: „Das geht Dich einen Scheiß an!“ Erlebnisse wie diese bestätigen, was auch die Zahlen zum Thema belegen: Der Umgang ist deutlich ruppiger geworden.

Souveränität zurückerobern

Auch auf Social Media scheinen zunehmend mehr Menschen damit beschäftigt, einander auf die Palme zu wüten. Wie soll man bei all der Aufgeregtheit noch seine Interessen vertreten? Auf die Schnelle das passende Argument finden? Der eigenen Meinung einen souveränen Auftritt verschaffen? Fragen, die sich auch die „Schlagfertigkeitsqueen“, Trainerin und Speakerin Nicole Staudinger für ihr neues Buch Time for Tacheles gestellt hat. Sie sagt: „Schlagfertigkeit ist für mich die Kunst, mir wertvolle Lebenszeit nicht durch Ärger klauen zu lassen. Mir meine Souveränität wiederzuholen. Aber auch, Klarheit, Mut, Präsenz und Haltung zu zeigen.“ Die Grundvoraussetzung dafür sei ein Verständnis von uns selbst, „dass wir da sein dürfen, dass unsere Stimme zählt“.

Klare Ansagen machen

Das klingt nach einer großen Aufgabe. Und es ist eine enorm wichtige. Schließlich geht es auch darum, den Brüllaffen, den Ruppigen, den Harschen nicht das Feld zu überlassen. Und so „mit Worten die Welt ein wenig besser zu machen“. Entgegen anderslautenden Vermutungen sei Schlagfertigkeit kein Instrument zur Vernichtung des Gegenübers. Jedenfalls, solange es noch Verhandlungsspielraum gibt. Um den für sich optimal zu nutzen, sollte man sein „Was will ich?“ kennen. 

Für mich persönlich und für die Beziehung zu meinem Gegenüber.“ Hat die Kollegin einen etwa bei der Urlaubsplanung übergangen, muss man sich entscheiden: Will ich nicht mehr übergangen werden oder will ich den jetzt schon belegten Zeitraum für mich haben? „Dann haben Sie eine Zielrichtung für ein gutes Gespräch.Eine weitere Strategie: sich kurzfassen. Klare Ansagen machen. Statt „Ich glaube, das wäre vielleicht eine Idee?!“, sagt man besser, überzeugender und ja auch den Fakten gemäß: „Das ist meine Idee!

Debattierklub gründen

Nicole Staudinger rät, sich nicht dauernd zu rechtfertigen für eine Meinung, ein Bedürfnis, einen Anspruch. Das wirke unsicher und schwäche berechtigte Einwände und gute Argumente. „Halten Sie es lieber, wie einst die Queen: Never complain, never explain. Niemals beschweren, niemals erklären.Um in Übung zu kommen, sei ein Debattierklub sehr wirksam. Den könne man auch spontan einfach in der Familie gründen. Suchen Sie sich ein Thema aus, das Sie in Ihrem Alltag beschäftigt.“ Etwa „Sollten Handys bei Tisch erlaubt sein?“ oder „Kann nicht jeder einfach essen, wann er hungrig ist?“ 

Man vereinbart pro Person eine Redezeit und am Schluss wird darüber abgestimmt, wer die besten Argumente hatte. Auch der Besuch von Poetry-Slams, den Schöne-Worte-Wettbewerben, kann die Redegewandtheit befeuern. Und Entspanntheit. Klartext reden zu können bedeutet nicht, davon auszugehen, dass nur die eigene Meinung zählt. Es bedeutet, mit aller Klarheit zu sagen, wo man steht, und dabei auch in den Austausch zu gehen. Um sagen zu können: „Da habe ich mich geirrt.“ Oder genauso: „Hier kommen wir nicht weiter.“ Und dann geht jeder seines Weges. Aber ich habe meinen Punkt gesetzt.

Haltung zeigen

So hat man wenigstens für Klarheit gesorgt. Gezeigt, dass es für verletzende Grobheiten eben keinen glatten Durchmarsch gibt. Dass wir aufeinander aufpassen. So wie es auch Nicole Staudinger vor Kurzem an der Käsetheke eines Supermarktes getan hat. Sie erzählt: Ein schon sehr alter Mann habe sich – offenbar irrtümlich – als nächster Kunde gewähnt. Sofort überzog ihn die Verkäuferin mit einer üblen Schimpftirade. „Dann kam der Sohn des Mannes und entschuldigte sich hundertmal. Sagte, dass sein Vater verwirrt sei. Aber die Verkäuferin hörte einfach nicht auf. Schließlich habe ich sehr höflich gesagt: ‚Der Mann hat ihnen nichts getan.‘ Eine andere Kundin meinte: ‚Das finde ich aber gut, dass Sie das sagen!‘ Doch die Verkäuferin ergänzte wütend: ‚Obwohl es Sie gar nichts angeht.‘“ Nicole Staudinger daraufhin zur Verkäuferin: „Wissen Sie, und ich glaube, diese Haltung können wir uns nicht mehr erlauben.

Grenzen ziehen

Die Trainerin räumt ein, dass nicht immer jeder in der Verfassung für einen Konter sei. So wie der alte Mann. Manchmal hätte man selbst nicht die Kraft dazu. Auch das sei in Ordnung. „Als ich damals mit 32 Jahren frisch die Diagnose Brustkrebs bekam, wäre ich sicher nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen, weil jemand in der Bahn seine Füße auf den Sitz legt.Umso wichtiger sei es, dass die, die es können, auch mal für andere Klartext sprechen. Einen für alle anderen ersichtlichen „imaginären Kreidestrich zu ziehen, der Grenzen sichtbar macht“. Der zeigt: So geht’s ganz und gar nicht. Wie im Parkhaus im Frankfurter Bahnhofsviertel. Eine zweite Frau kam zufällig dazu. Hörte, was der Mann pöbelte, und sagte zu ihm: „Wenn Sie sich so im Dunkeln fürchten, verstehen wir natürlich sehr gut, dass Sie hier vorne und nicht dahinten stehen können, wo Männer parken.“ 

Auch ein starkes „Was will ich?“ – nämlich Position beziehen. Dafür sorgen, dass Menschen mit Rücksichtslosigkeit nicht so einfach durchkommen. Aber man muss auch nicht immer und auf alles reagieren, nicht über jedes „Stöckchen“ springen, das einem hingehalten wird.Dafür sind die paar Jährchen, die wir haben, wirklich zu kurz“, sagt Nicole Staudinger: „Meine Großmutter und meine Mutter haben mir Folgendes mitgegeben: ‚Schatz, wie in der Hundeerziehung gilt auch hier: Unerwünschtes Verhalten muss ignoriert, gewünschtes muss gelobt werden.‘

Unsere Expertin: Nicole Staudinger

Nicole Staudinger ist Trainerin und Buchautorin. © Stefan Neumann

Nicole Staudinger ist Bestsellerautorin, Trainerin, Speakerin. Die Mutter zweier Söhne beschäftigt sich hauptberuflich mit Themen wie Resilienz, Glück, Kommunikation und Bewegung. Als selbst ernannte „Schlagfertigkeitsqueen“ ermutigt sie auch in ihrem neuen Buch „Time for Tacheles“ zu einem selbstbewussten Auftreten, klaren Worten und einer klaren Haltung.

Tipps für Tacheles

  • Ein Ziel definieren: Will ich einen Kompromiss? Einen Punkt machen? Grenzen ziehen? Streiten oder Frieden stiften?
  • Sich selbst etwas vorlesen. Das schult die Stimme und das Gefühl für Sprache.
  • Füllworte meiden. Solche wie „genau“, „tatsächlich“, „also“. Sie schwächen die Argumentation.
  • Auf den Punkt kommen. Umwege etwa über lange Erklärungen oder Rechtfertigungen meiden.
  • Seminare für Sprechen vor Publikum besuchen oder selbst eines mit Freunden veranstalten.
  • Sich selbst dabei filmen, wie man spricht, eine Rede hält.
  • Aufregung als wichtigen Bestandteil akzeptieren. Weil sich darin auch Respekt vor dem Publikum ausdruckt und vor dem Thema, das man vorbringt.
  • Der Aufregung aber nicht das Ruder überlassen. Es geht schließlich nicht, so Nicole Staudinger, um eine OP am offenen Herzen, sondern „nur“ um eine Ansage, eine Rede, ein Statement.