Appetit auf Erinnerungen

Bettina Rust ist Journalistin, Moderatorin und Podcasterin. © Luise Blumstengel
Interview mit Journalistin Bettina Rust
Seit mehr als drei Jahrzehnten prägt ihre Stimme die deutsche Radiolandschaft – dunkel, warm und unverwechselbar. Bettina Rust nutzt sie, um kluge Fragen zu stellen. Dass sie um gute Antworten ebenso wenig verlegen ist, erleben wir im Interview.
Bettina Rust probiert sich beim alverde-Shooting durchs orientalische Fingerfood, will sofort den Namen des Caterers wissen. Im Gespräch sind wir schnell beim Du – sie ist so nahbar, wie man es auch aus ihren Sendungen kennt. Diese Mischung aus Neugier und Vertrautheit macht sie zur idealen Gastgeberin, die in ihrem Podcast „Toast Hawaii“, unterstützt von dmBio, Essen als Türöffner für Erinnerungen nutzt.
alverde: Hat das titelgebende Gericht für den Podcast auch in Deiner Biografie eine prägende Rolle gespielt?
Bettina Rust: Als Kind habe ich es ein paar Mal gegessen, allerdings ohne Kirsche und meist auch ohne Ananas. Ich habe den Titel gewählt, weil Toast Hawaii ein Symbol für ein Gericht der Vergangenheit ist. Die meisten von uns haben sofort ein Bild vor Augen, diese Farben, diese 70er-Kochbücher. Er steht stellvertretend für Mahlzeiten, die einen sofort wieder ins Damals katapultieren: die Mortadella auf dem Pausenbrot, der Pfannkuchen bei Oma oder die Tütensuppen in der WG. Essen ist ein Ticket zu unseren Erinnerungen.
alverde: In Deiner Sendung „Hörbar Rust“ ist der rote Faden die Musik. Manche Gäste waren in beiden Formaten – welche Unterschiede gab es in den Gesprächen?
Bettina Rust: Es überrascht mich manchmal, welche Seiten ich noch an Menschen entdecke, mit denen ich bereits lange Interviews geführt habe, sobald es ums Kochen und Essen geht. Sei es, dass einige viel genussfreudiger sind, als man es von ihrem Image her meint, oder andere das Alleinsein und die Ruhe beim Kochen brauchen. Man lernt bekannte Menschen noch einmal neu kennen.
alverde: Mit Essen verbinden wir Genuss, aber oft auch selbst auferlegte Regeln. Wie erlebst Du diese Spannung?
Bettina Rust: Gegenfrage: Wie viele Menschen kennen wir, die eine unkomplizierte Haltung zu Ernährung und Genuss haben? So viele sind das ja leider nicht. Gerade Frauen fühlen sich aus einer Reihe bekannter Gründe oft unwohl in ihren Körpern und reagieren zum Beispiel mit Essstörungen, Diäten oder OPs. Kaum jemand ist komplett frei davon, auch ich nicht. Aber inzwischen schaue ich auf vieles entspannter – und gleichgültiger. Und es freut mich wie irre, wenn mir Hörerinnen schreiben, die oft ja sehr lustigen und offenen Gespräche bei Toast Hawaii würden sie dazu ermutigen, neue Rezepte und Lebensmittel auszuprobieren und dem Thema Essen noch mal eine neue Chance zu geben.
alverde: Und wie ist das bei Dir? Wie oft finden die kulinarischen Anregungen der Gäste den Weg in Deine Küche?
Bettina Rust: Das ist einer der besten Nebeneffekte des Podcasts! Wir gehen auseinander und ich denke: „Milchreis mit Kirschen habe ich ewig nicht gegessen“, und dann koche ich ihn mir am nächsten Tag.
alverde: Du kochst gern für Dich allein?
Bettina Rust: Absolut. Ich möchte ja schließlich, dass es mir gut geht. Wer das labeln will, kann es gerne „Selfcare“ oder Selbstfürsorge nennen – und darum sollte sich jeder kümmern. Sie nimmt der Liebe und Fürsorge für andere Menschen nichts weg. Natürlich gehe ich auch mal essen oder freue mich, wenn ich einfach nur etwas vom Vortag aufwärme. Da bin ich als Alleinlebende allerdings auch in einer privilegierten Situation: Ich kann kochen, muss es aber nicht. Viele Menschen – oft sind es Frauen – haben nicht die Wahl, weil sie täglich die Mahlzeiten für ihre Familien auf den Tisch stellen müssen. Und dafür längst nicht immer die nötige Anerkennung erhalten.

Beim Shooting für das alverde-Magazin ist Bettina Rust gleich beim Du. © Luise Blumstengel
alverde: Viele erleben Podcasts als intimer als Radiosendungen und die Gesprächspartner als offener als in klassischen Interviews. Was ermöglicht diese Nähe?
Bettina Rust: Auf meine Situation bezogen, kann ich sagen, dass es noch mal einen Qualitätssprung gab, seit ich mir ein eigenes Studio in der Wohnung eingerichtet habe. Ich lade meinen jeweiligen Gast zu mir ein, das ist schon ein ganz anderes Warm-up: Wir trinken gemeinsam Kaffee, sprechen über die Bilder an der Wand, die Blumen auf dem Tisch und gehen dann gemeinsam in diesen kleinen, sehr gemütlichen Raum, der die Gesprächsatmosphäre sicherlich sehr positiv beeinflusst.
alverde: Es scheint, Du musst nur ein paar Meter vor die Tür gehen, und schon fällt Dir etwas Verrücktes oder Typisches auf und Du machst daraus zumindest ein kleines Instagram-Video. Wie hast Du diesen Blick fürs gewöhnlich Außergewöhnliche entwickelt?
Bettina Rust: Meine Wahrnehmung ist sehr geschärft – das kann Fluch und Segen sein. Als Kind lebte ich über einen längeren Zeitraum in einer sehr belastenden Konstellation. Wahrscheinlich entwickelte ich damals diese Antennen für Stimmungen, allein schon aus Selbstschutz. Oft nehme ich viele Dinge parallel zueinander wahr. Auch wenn der Anlass, diese Sensibilität zu entwickeln, kein positiver war, bin ich heute für diesen Radar dankbar. Und Instagram ist wie ein kleines Privattheater. Ich freue mich einfach, dass ich darüber meine Beobachtungen oder auch erfundene Geschichten teilen kann mit Menschen, die einen ähnlichen Humor haben.
alverde: Hast Du manchmal Angst, dass Dein kreativer Quell versiegen könnte?
Bettina Rust: Tja. Einerseits bin ich sehr strukturiert und diszipliniert, andererseits setze ich voll auf den Moment und meine Intuition. Aus dieser Kombi lässt sich eigentlich immer etwas rausholen. Nach so vielen Jahren in meinem Job weiß ich einfach, dass ich mich auf mich verlassen kann.
alverde: Gibt es noch andere Vorteile, die Du erst mit über 50 entdeckt hast?
Bettina Rust: Früher war es mir wichtiger, gemocht zu werden. Polarisiere ich zu stark? Wird mein Humor richtig interpretiert? Das ist mir auch heute nicht egal, aber ich hinterfrage mich nicht gleich grundsätzlich, wenn mal irgendwas unrund läuft. Und ich habe andere Maßstäbe für Freundschaften angelegt. Als vor zwölf Jahren meine Mutter starb und damit für mich das Konstrukt Familie endgültig wegkrachte, kam ich ganz schön ins Taumeln. Und stellte fest, dass einige der Freundschaften, die mir Halt geben sollten, verdammt morsch waren. Ein schlechter Zeitpunkt war das, um so enttäuscht zu werden. Aber ich nahm mir für die Zukunft vor, Menschen auf Abstand zu halten, die mir oder sich selbst gegenüber unaufrichtig und unempathisch sind. Die beste Idee ever! Ich habe mich von einigen Menschen verabschiedet, zu anderen lege ich einen größeren Abstand ein. Aber ich habe jetzt das sichere Gefühl, Menschen an meiner Seite zu wissen, auf die ich mich verlassen kann.
Steckbrief:
Kreativ und tief – Bettina Rust
Sie begann ihre journalistische Laufbahn in den frühen 90ern bei einem Hamburger Privatradio. Sie moderierte mit „0137“ Night-Talk die erste Call-in-Sendung im Fernsehen, in der sie live auf die Anrufe der Zuschauer reagieren musste. Sowohl im Fernsehen als auch im Radio war Bettina Rust seitdem in verschiedenen Talk- und Reportageformaten zu sehen. Deren Gemeinsamkeit: Spontaneität, Authentizität und Tiefgang. Aktuell moderiert sie wöchentlich „Hörbar Rust“ (im Radio auf Radio eins und als Podcast) und den Podcast „Toast Hawaii“. Die 58-Jährige lebt in Berlin.
Lieblingsessen ihrer Kindheit
war die Sachertorte ihrer Großmutter.Prägende Stimmen
Ihre akustischen Vorbilder in der Jugend waren Hanni Vanhaiden und Dagmar Berghoff.Immer dabei
hat sie die Bliss Balls Nougat von dmBio.