Die Kunst des Loslassens
Judoka Anna-Maria Wagner hat klare Vorstellung vom Leben: „Irgendwann erreichst Du einen Punkt, an dem Du Dich neu sortieren musst.“ © Luise Blumstengel
Interview mit Weltmeisterin Anna-Maria Wagner
In ihrem Sport Judo hat Anna-Maria Wagner alles erreicht: Sie gewann olympische Medaillen und Weltmeistertitel. Mit 29 wagte sie jetzt den Start in ein neues Leben, in dem andere Dinge zählen: ihr Studium, Freunde und Familie. Viel Zeit zu haben, die sie sich frei einteilen kann, bereitet ihr große Freude.
Schon als Sportlerin nahm Anna-Maria Wagner jede Herausforderung an. Als das Auto-Navi sie auf dem Weg zum alverde-Interview in Rottweil über unwegsames Gelände lotste, befand sie nach kurzer Prüfung des Weges: Das schaffe ich. Mit großer Zuversicht blickt die Judo-Weltmeisterin auch auf ihren neuen Lebensabschnitt.
alverde: Du hast 2025 mit dem Leistungssport aufgehört. Wie hat sich Dein Leben seither verändert?
Anna-Maria Wagner: Ich habe mehr Zeit für Freunde, Familie und mein Studium. Vor einiger Zeit bin ich von Köln in die Nähe von Villingen-Schwenningen zu meinem Freund gezogen, in eine ländliche Gegend, in der das Leben ruhiger, entschleunigter ist. Er war Radsportler und hat genau wie ich, zweimal an den Olympischen Spielen teilgenommen. Kennengelernt haben wir uns bei der Bundeswehr, wo wir beide als Sportsoldaten aktiv waren. Ich lebe jetzt auch näher bei meiner Familie. Es tut gut, mehr Zeit mit Menschen zu verbringen, die zuletzt sehr zurückstecken mussten.
alverde: Du warst die erfolgreichste deutsche Judo-Kämpferin. Ist Dir der Abschied schwergefallen?
Anna-Maria Wagner: Nicht sehr. Viele Jahre habe ich jeden Tag alles gegeben: 150 Prozent. Anfang des letzten Jahres bemerkte ich, dass es mir schwerer fiel, immer wieder an meine Grenzen zu gehen. Mir wurde klar, dass ich nicht mehr alles dem Leistungssport unterordnen wollte. Ich war bereit für etwas Neues und wollte mein Studium – Betriebswirtschaft und Hotelmanagement – wieder aufnehmen. Zwar habe ich es auch während meiner aktiven Zeit weitergeführt, doch sobald Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften bevorstanden, lag es auf Eis.
alverde: Du hast große Erfolge gefeiert: Bei den Judo-Weltmeisterschaften 2021 in Budapest hast Du Gold geholt, anschließend bei den Olympischen Spielen in Tokio Bronze. Danach hast Du eine Krise erlebt und offen darüber gesprochen. Wie war diese Zeit für Dich?
Anna-Maria Wagner: Es ging mir damals schleichend immer schlechter. Ich zog mich zurück. Die Traurigkeit wurde immer intensiver. Ich war antriebslos, wollte am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen. Manchmal weinte ich ohne erkennbaren Grund. Ich arbeitete damals schon mit einem Sportpsychologen. Er sagte mir: Anna, ich glaube, Du steckst in einer Post-Olympia-Depression. Es war erleichternd, eine Erklärung zu haben für das, was mit mir geschah. Ich hatte mein bisheriges Leben meinem Kindheitstraum von den Olympischen Spielen untergeordnet.
Ich hatte alles dafür getan und dann alles erreicht: Medaillen bei den Olympischen Spielen und den Weltmeistertitel. Ich hatte kein Ziel mehr. Ich musste für mich rausfinden, wo ich stehe, wo ich hinwill. Du kannst ja auch nicht immer Vollgas geben. Irgendwann erreichst Du einen Punkt, an dem Du durchatmen und Dich neu sortieren musst. Das Schwierigste war, nicht zu wissen, wann dieses Tief vorbei ist.
Irgendwann beschloss ich, wieder mit Judo anzufangen. Es war wichtig, wieder in eine Routine reinzukommen. Ich brauchte wieder einen Grund, um aufzustehen. Stück für Stück ging es mir besser. Die schlechten Tage wurden weniger, die guten Tage mehr. Es war aber ein langer Weg.
alverde: Was würdest Du Menschen raten, die in einer ähnlichen Situation sind?
Anna-Maria Wagner: Es ist wichtig, sich jemandem anzuvertrauen. Man sollte sich trauen, zu einem Psychologen zu gehen. Das bedeutet nicht, dass man krank ist. Meine Depression hätte aber klinisch werden können, wenn mir der Sportpsychologe nicht geholfen hätte. Je früher Du Hilfe suchst, desto schneller schaffst Du es wieder raus aus dem Tief.
alverde: Du hast auch große Glücksmomente erlebt. An welche erinnerst Du Dich besonders gern?
Anna-Maria Wagner: Ich erinnere mich sehr gerne an meine olympische Medaille zurück. Dieser Moment nach dem Schlussgong war surreal. Ich konnte es gar nicht fassen, dass ich wirklich meinen Kindheitstraum erfüllen konnte.
alverde: Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2024 in Paris durftest Du die Fahne des deutschen Teams tragen. War auch das ein Höhepunkt?
Anna-Maria Wagner: Ich fand es unglaublich, dass die Wahl auf mich gefallen war. Immerhin ist Judo eine Randsportart. Die Bootsfahrt des deutschen Teams und ich mit der Fahne in der Hand, das war ein toller Moment.
© Luise Blumstengel
alverde: Du hast mit sieben Jahren mit Judo angefangen. Was hat Dich gerade an diesem Sport begeistert?
Anna-Maria Wagner: In der zweiten Klasse wurde eine Judo-AG angeboten. Den Zweikampf und das direkte Duell mit anderen fand ich spannend. Judo gibt einem ein gutes Körpergefühl. Man muss sein Gleichgewicht halten, schnell sein. Du darfst Dich auch nicht scheuen, Körperkontakt zu haben. Nach einem Jahr meldete ich mich beim Verein KJC Ravensburg an.
alverde: Was hat der Verein für Dich bedeutet?
Anna-Maria Wagner: Ich habe total schöne Erinnerungen daran. Wir waren eine richtig coole Trainingsgruppe und sind immer zusammen zu Turnieren gefahren. Ohne den Grundstein, der damals gelegt wurde, wäre ich jetzt nicht da, wo ich heute bin. Dem Verein verdanke ich, dass ich überhaupt so weit gekommen bin. Egal, wo ich in der Welt war oder trainiert habe, war der Verein immer ein Stück Heimat. Es war mir auch klar, dass ich ihn nie wechseln würde.
alverde: Wie wichtig ist es aus Deiner Sicht für ein Kind, einem Sportverein beizutreten?
Anna-Maria Wagner: Durch den Verein lernt man neue Leute mit unterschiedlichen Hintergründen kennen. In dem Moment, in dem sie zusammen Sport machen, verfolgen alle Kinder ein gemeinsames Ziel. Es entwickelt sich daraus ein sehr schönes Gemeinschaftsgefühl. Wenn ich mal Mutter bin, möchte ich auf jeden Fall, dass meine Kinder Sport in einem Verein machen.
alverde: Bewegung ist auch gut für die Gesundheit …
Anna-Maria Wagner: Ich bin ab und zu in Schulen, von Grundschulen bis zu weiterführenden Schulen. Dabei bin ich teilweise schon schockiert darüber, wie wenig Bewegungsgefühl viele Kinder haben. Manche haben gar keines. Einige können nicht auf einem Bein stehen. Gerade im Kindesalter lernen wir unglaublich viel und legen die Grundlage für das Erwachsenenalter. Natürlich darf man nicht alle Kinder über einen Kamm scheren, aber es ist schon krass zu sehen, wie körperlich eingeschränkt viele Kinder heute sind.
alverde: Judo ist mehr als ein Kampfsport. Der Erfinder, Jigoro Kano, sah darin eine Lebensschule. Das Ziel war, Körper und Charakter gleichermaßen zu entwickeln. Hast Du es so erlebt?
Anna-Maria Wagner: Im Judo wird vermittelt, mutig und hilfsbereit zu sein, sich zu trauen, einen Überlegenen zum Kampf aufzufordern und Unterlegene respektvoll zu behandeln.
alverde: Würdest Du einem Erwachsenen empfehlen, Judo zu lernen?
Anna-Maria Wagner: Das ist sicher eine Herausforderung. Aber man lernt im Judo einiges, was einem das ganze Leben hilft: zum Beispiel die Kunst, richtig zu fallen. Wenn Du im Alter hinfällst oder ausrutschst, dann fällst Du mit Judo-Erfahrung intuitiv richtig.
alverde: Ist Judo-Sport auch gut fürs Selbstbewusstsein?
Anna-Maria Wagner: Ganz sicher. Ich war früh sehr groß, größer als alle Jungs in der Klasse, und habe darunter schon ein bisschen gelitten. Wenn ich mich zu den Mädels gestellt habe, habe ich mich kleiner gemacht. Ich hatte eine schlechte Haltung. Durch Judo habe ich gelernt, aufrecht zu gehen, die Schultern nach hinten zu ziehen und stolz auf meinen sportlichen Körper zu sein.
alverde: Jetzt hat für Dich ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Warum hast Du Dich für ein Studium des Hotelmanagements entschieden?
Anna-Maria Wagner: Meine Familie besitzt ein Biohotel in der Nähe des Bodensees. Mit diesem Ort verbinde ich sehr schöne Kindheitserinnerungen. Mein Opa war viel draußen, auch in der Landwirtschaft. Er hat uns zum Beispiel in die Schaufel des Traktors gesetzt, uns am Johannisbeerstrauch hochgefahren, und wir Kinder haben die Beeren gepflückt. Einmal war ich im Sommer mehrere Wochen dort. Ich half in der Küche aus, machte Betten und schenkte abends an der Theke Getränke aus. Damals ist mein Traum entstanden, einmal im Hotel zu arbeiten.
alverde: Bist Du gerne Gastgeberin?
Anna-Maria Wagner: Ich bin gern unter Leuten und achte darauf, dass es allen gutgeht. Insofern bin ich gerne Gastgeberin. Ich fand aber auch die Vielseitigkeit der Tätigkeiten in einem Hotel schon immer sehr reizvoll.
Steckbrief Anna-Maria Wagner
Mit Bodenhaftung
Die Ravensburgerin fing im Kindesalter mit Judo an. Sie wurde zweimal Weltmeisterin und gewann bei den Olympischen Spielen in Tokio zwei Bronzemedaillen. Nach dem Gewinn des deutschen Meistertitels 2025 nahm sie mit 29 Jahren ihren Abschied vom Profisport. Im vergangenen Jahr erschien der Bildband „Am Ende zahlt sich alles aus. Anna-Maria Wagners Weg zu den Olympischen Spielen 2024“ mit Fotografien von Lorraine Hoffmann.
- Lieblingsorte
Ravensburg, wo ich aufwuchs, Köln, weil dort viele Freundschaften entstanden, Tokio, weil Japan das Geburtsland des Judo-Sports ist und ich dort häufig an Trainingslagern teilnahm. Ich liebe zudem japanisches Essen. - Lieblingslektüre
Bodo Schäfer: Die Gesetze der Gewinner. Eigentlich ist das ein „Business-Buch“, aber man kann eine Menge daraus auf den Sport übertragen. - Kleine Schwäche
Bestimmte Schokopralinen mit Karamell und Nougatcreme