Unverblümt stark
„Auf jeden Fall wollte ich schon immer etwas machen, bei dem ich etwas bewegen kann“. © Luise Blumstengel
Interview mit Sheila de Liz
Sheila de Liz hat es sich als Gynäkologin zur Aufgabe gemacht, Frauen jeden Alters über ihren Körper, ihre Gesundheit und ihre Sexualität aufzuklären. Denn wer kompetent informiert ist, navigiert besser durch herausfordernde Lebensphasen. Pubertät und Wechseljahre sind ihre Schwerpunktthemen als Sachbuchautorin. Diesen Monat erscheint ihr neues Buch „Light my Fire“ über Sexualität im Alter. Wir haben Sheila de Liz in Frankfurt am Main getroffen.
alverde: Du kamst mit 15 Jahren nach Deutschland. Kennst Du Dr. Sommer, der Teenager bis in die 1980er-Jahre in der „Bravo“ aufklärte?
Sheila de Liz: Ja! Er war Kult. Als ich herkam, konnte ich nur wenig Deutsch: guten Tag, auf Wiedersehen, Apfelsaft. Da ich mich für Popkultur interessierte – ich fand Boy George toll –, gab ich mein ganzes Taschengeld für Zeitschriften aus. Damit konnte ich auch ein bisschen Deutsch lernen. Als ich das mit Dr. Sommer gesehen habe, war ich geschockt. In den USA bin ich in einem ziemlich prüden Umfeld aufgewachsen. Die Vagina war schon ein Rätsel. Aufklärung gab es bei uns zu Hause nicht. Meine Mutter hatte die einfache Regel: Bleib weg von Jungs. Punkt. Was die Leute für Fragen und Sorgen mit Dr. Sommer teilten, hat mich dann aber immer stärker fasziniert.
alverde: Wolltest Du damals schon Frauenärztin werden?
Sheila de Liz: Ich wusste schon vage, dass ich Medizin studieren möchte. Auf jeden Fall wollte ich schon immer etwas machen, bei dem ich etwas bewegen kann. Ich fand auch Jura spannend: Menschen zu verteidigen, die sich nicht selbst verteidigen können. Ich hatte aber einen ganz tollen Hausarzt, der mich total inspiriert hat. Wir sind heute noch sehr gute Freunde. Ich stand in seiner schicken Praxis und dachte: So eine will ich auch mal haben. Aber keine Hausarztpraxis, sondern eine mit vielen Frauen als Patientinnen und der Möglichkeit, dass sie ihre kleinen Kinder mitbringen. Als ich dann tatsächlich sehr gute Noten hatte und Medizin studieren konnte, habe ich in alle Fachbereiche hineingeschaut, aber in der Gynäkologie fühlte ich mich zu Hause.
alverde: Herrscht heute immer noch so viel Unwissenheit unter Teenagern wie früher?
Sheila de Liz: Es wird viel über Sex geredet, aber es kursieren viele Halbwahrheiten. Junge Menschen werden auf Social Media mit Infos konfrontiert, die sie oft nicht richtig gewichten oder einordnen können. Das habe ich auch über meine Tochter und ihre Freundinnen mitbekommen. Aufklärung ist immer noch sehr wichtig. Deshalb engagiere ich mich auch unter @doctorsex auf Tiktok. Meine Tochter findet das gut.
alverde: Was haben Pubertät und Wechseljahre gemeinsam?
Sheila de Liz: Beide Male werden wir von einer hormonellen Veränderung überrascht, die aber bei jeder Person anders ist. Als Gesellschaft wissen wir, dass wir die Kinder durch die Pubertät begleiten müssen. Aber durch die Wechseljahre begleitet einen keiner. Wir Frauen sind auf sie deutlich schlechter vorbereitet als auf die Pubertät. Ich finde die Diskrepanz erstaunlich, zwischen dem, was in den Wechseljahren passiert, was es darüber zu wissen gibt, und den wenigen Informationen, die man bekommt. Als wäre alles im toten Winkel und wir würden alle nicht darüber reden. Das war für mich der Antrieb, das Buch „Woman on Fire“ zu schreiben.
© Luise Blumstengel
alverde: Wo bleibt aktuell die Aufklärung bezüglich Hormonen, darüber, was da in den Wechseljahren passiert und was man gegen Beschwerden tun kann?
Sheila de Liz: Manche Frauen haben lästige Beschwerden bis hin zu Problemen, die ihnen die Arbeit erschweren. Die höchste Suizidrate gibt es bei Frauen zwischen 50 und 60. Früher hat man gesagt, Grund kann nur das „Empty-Nest-Syndrom“ sein. Das ist eine Sichtweise aus den Achtzigerjahren. Hormonelle Veränderungen kommen da als Ursache für psychische Veränderungen nicht vor. Das Wissen darüber ist spärlich und Informationen wenig verbreitet. Testosteron zum Beispiel ist bei Frauen ein zentrales Hormon für den Antrieb und die psychische Gesundheit. Hinter Depressionen kann ein Mangel stecken.
alverde: Hast Du deswegen die Hormone Online Clinic gegründet?
Sheila de Liz: Absolut, um zu versuchen, eine Lücke zu füllen. Wir sind aktuell neun Kolleginnen. Wir führen ausführliche Gespräche, stellen die Hormone individuell ein und begleiten die Frauen. Ähnlich wie bei Diabetes.
alverde: Welche Rolle spielt Longevity in der Hormonersatztherapie?
Sheila de Liz: Eine Hormonersatztherapie kann sehr gut Alterskrankheiten verhindern. Osteoporose ist ein enorm wichtiges Thema. Wenn wir sehen, wie viele ältere Frauen spontan eine Wirbelfraktur erleiden oder sich relativ einfach einen Oberschenkelhalsbruch zuziehen, das nehmen wir als Gesellschaft einfach so hin. Arteriosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind häufige Todesursachen bei Frauen. Wenn man mit einer Hormonersatztherapie anfängt, wenn die Gefäße noch nicht verkalkt sind, kann man diesen Zustand erhalten.
alverde: Frühere Studien warfen ein schlechtes Licht auf Hormonersatztherapien. Sie würden das Brustkrebsrisiko erhöhen.
Sheila de Liz: Diese Studien sind längst wissenschaftlich zerrissen worden. Es ist ganz schwer, diesen Geist wieder in die Flasche zurückzustopfen. Hormone sind sehr wertvoll in der Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden. Bei Hitzewallungen, die so beeinträchtigend sein können, dass Betroffene sagen: Ich weiß nicht, wie ich überhaupt arbeiten soll. Oder bei Konzentrationsstörungen – gerade Frauen, die in Schlüsselpositionen sitzen und mir sagen: Ich bin Richterin, ich kann nicht mitten im Satz vergessen, was ich sagen wollte. Es ist vieles so einfach vermeidbar, dass es mich wütend macht, dass wir immer wieder darüber sprechen müssen, ob Hormonersatztherapie schädlich ist und ob sie wirklich sein muss.
alverde: Was bedeuten die Wechseljahre für Dich selbst im besten Sinn?
Sheila de Liz: Ich habe meine Prioritäten geändert, ich habe zum Beispiel meine Frauenarztpraxis nicht mehr. Ich habe das Gefühl, ich kann mit meinen anderen Tätigkeiten, dem Bücherschreiben und der Aufklärungsarbeit mehr voranbringen und meine Zeit besser einteilen. Du kommst als Frau in den Wechseljahren in Deine Kraft hinein. Diese Lebensphase bringt eine unheimliche Klarheit mit sich. Man sieht auf einmal, was man will, was einem wichtig ist und was man nicht mehr bereit ist zu akzeptieren. Es fällt wie ein Schleier von den Augen: Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin.
Ich sehe diese Verwandlung immer wieder bei Frauen. Als ich selbst noch nicht in den Wechseljahren war, dachte ich, Frauen werden durch sie schwächer, und sie werden unsichtbar. Es ist genau das Gegenteil. Ich erlebe die Wechseljahre als eine spannende Lebensphase: Frauen werden sichtbarer, vielfältiger, mehrdimensionaler und interessanter.
alverde: Dein Buch „Light my Fire“ handelt von Sex im Alter. Warum ist Dir das Thema ein Anliegen?
Sheila de Liz: Ich möchte darüber aufklären, dass Menschen mit 50+ deutlich besseren Sex haben als davor. Wir wissen, dass eine Frau mit 50 mit einem Partner mehr Orgasmen hat als mit 20. Sexualität kann sich immer weiter entfalten. Es gibt keinen Peak und danach wird mit der Zeit alles schlechter. Der bessere Sex kommt später. Sexualität ist ein Biomarker der Gesundheit: Ist jemand verantwortungsbewusst sexuell aktiv, ist er oft weitestgehend gesund, hat seltener Krebs, eher niedrigen Blutdruck, weniger Entzündungszeichen im Blut und ist insgesamt aktiver.
Steckbrief – Dr. med. Sheila de Liz
Wichtige Auszeiten
Sheila de Liz wurde 1969 in New Jersey (USA) geboren. Ihr Vater starb, als sie 13 Jahre alt war. Sie zog daraufhin mit ihren beiden älteren Schwestern und ihrer deutschen Mutter nach Frankreich, dann nach Deutschland. In Mainz studierte sie Medizin und hatte bis 2025 ihre eigene Frauenarztpraxis. 2022 gründete sie die Hormone Online Clinic. Die 57-Jährige hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Wiesbaden und auf Malta.
- So sag ich’s meinem Kind
Ein offizielles Aufklärungsgespräch mit seinem Kind führen? Bloß nicht! Ich rate Eltern, lieber zwischendurch offen für Fragen zu sein. Das ist meine Erfahrung: Solche Dinge kann man gut im Auto besprechen. Einer fährt, einer guckt aus dem Fenster. Man weiß, die Autofahrt geht irgendwann zu Ende. Dann ist das Thema auch schon durch. - So schalte ich ab
Wir haben eine Regel zu Hause: Von Freitag- bis Samstagabend machen wir nichts. Die Handys sind aus, wir nutzen kein Internet. Wir haben 24 Stunden, in denen wir aus der Welt auschecken, und das ist schön.