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Sie möchte berühren

„Alles, was ich in der Natur an Bewegung sehe, Wind, Wasser, Feuer, bewegt auch etwas in meinem Kopf“. © Ramona Reuter

Interview mit Schauspielerin Michaela May

Mit der bayerischen Komödie „Ein Münchner im Himmel – der Tod ist erst der Anfang“ von David Dietl, die am 23. April 2026 in die Kinos kommt, kehrt Michaela May zu ihren Wurzeln zurück. Mit dem Vater des Regisseurs, Helmut Dietl, und den „Münchner Geschichten“, „Monaco Franze“ oder „Kir Royal“ hatte sie in den 70er- und 80er-Jahren ihre Karriere als erwachsene Schauspielerin begonnen.

Auf bestimmte Rollen hat sich Michaela May nie festlegen lassen. Offenheit für Themen und Menschen ist ihr wichtig. Sie möchte geduzt werden – das Fotoshooting und Interview mit der 73-Jährigen sind geprägt von ihrer energiegeladenen, sonnigen Art, ganz im Hier und Jetzt präsent zu sein.

alverde: Der Film „Ein Münchner im Himmel – der Tod ist erst der Anfang“ geht auf eine Satire von Ludwig Thoma von 1911 zurück. Sie neckt die Identität der Münchner. Fühlst Du Dich als Münchner Original?

Michaela May: Wir Münchner haben einen großen Hang zur Geselligkeit, darin finde ich mich vor allem wieder. Beim „Polizeiruf 110“, in dem ich bis 2009 acht Jahre die Münchner Kommissarin Jo Obermaier spielte, bekam ich zum Beispiel das Drehbuch mit den Worten überreicht: „Mach’ es Dir so ein bisschen münchnerisch.Das war nicht so einfach, weil es ja nicht nur die Sprache einfärbt. Der Münchner ist karger, spricht weniger, sagt „A ge“, während Norddeutsche sagen: „Das finde ich aber nicht gut.“ Der Münchner ist ein „Bazi“, das meint hintergründig und schlitzohrig.

alverde: Du hast mit Helmut Dietl in legendären Serien zusammengearbeitet. Wie war es nun, mit seinem Sohn zu drehen?

Michaela May: Ich hab mich wahnsinnig gefreut, dass er mich für „Ein Münchner im Himmel“ angefragt hat. Für mich schließt sich damit ein bisschen der Kreis: Helmut war am Beginn meiner Erwachsenenkarriere maßgeblich beteiligt. Bei David habe ich oft gedacht, Helmut kommt durch die Tür. Im Gegensatz zu ihm, der eine Grundnervosität ausgestrahlt hat, ruht David aber ganz in sich.

alverde: Die Welt ist seit Ludwig Thoma viel weltoffener geworden. Funktioniert das Spiel mit regionalen Identitäten da noch?

Michaela May: Eine Weile war das Bayerische gar nicht gefragt: Als Kind musste ich es ganz schnell sprachlich ausradieren und zum Sprachunterricht gehen. Ich wurde im Film synchronisiert. Nach den „Münchner Geschichten“ in den 70er-Jahren wollte man plötzlich wieder Bayerische Identität haben. Ich glaube, es gibt ein paar Dialekte, die gesamtdeutsch funktionieren, und da gehört Bayerisch dazu. Aktuell wird wieder ganz stark das Regionale gemocht. Ich glaube generell: Je stärker man sich auf seine Identität besinnt, desto mehr Kraft hat man aus sich heraus. Mich auf meine Stärken als Frau zu besinnen, ist mir auch wichtig. Dafür haben wir in den 1968er-Jahren wahnsinnig gekämpft, wo man „nur“ eine Frau war.

alverde: Welche Rollen würdest Du gern noch verkörpern? Bekommst Du als Frau Ü70 die Chance dazu?

Michaela May: Da hat sich zum Glück viel getan. Es ist toll, dass wir mit 70 drehen und Theater spielen dürfen, egal ob ernste, komödiantische Rollen oder Krimis. In den 90er-Jahren herrschte eine Weile der Jugendwahn. Da waren die Großmütter höchstens 50, die Mütter 20 und die ersten Lieben waren 14 Jahre alt. Inzwischen hat man sich fürs Alter wieder geöffnet. Ich wünsche mir einfach, Geschichten zu erzählen, die die Seelen der Menschen berühren. „Ein Münchner im Himmel“, finde ich eine ganz berührende Geschichte. Ich spiele darin mehr die komische Figur in Form einer Esoterikerin. Die Idee, dass sie in meinem Alter Social Media bedient, hat mich sofort für die Rolle eingenommen. Ich würde aber auch gern öfter ans Eingemachte gehen, wie in meinem aktuellen Theaterstück „Der Abschiedsbrief“. Es ist eine Tragikkomödie, die ziemlich tief reingeht und sich um die Lebensbilanz dreht.

„Den positiven Blick bewahren und das Schöne sehen, obwohl man Wunden in sich trägt, das kann gelingen.“

Das Motto von Michaela May: Je stärker man sich auf seine Identität besinnt, desto mehr Kraft hat man aus sich heraus. © Ramona Reuter

alverde: In Deiner Autobiografie „Hinter dem Lächeln“ thematisierst Du 2022 erstmals den Suizid Deiner drei Geschwister, als Du selbst noch jung warst. Wie geht es Dir heute damit?

Michaela May: Es war gut für mich, dieses Trauma in einem Buch zu verarbeiten. So konnte ich loslassen. Ich habe den Tod meiner Geschwister, die an Depressionen litten, bis zum Tod meiner Eltern mit mir herumgetragen. Sie wollten nie darüber sprechen. Ich habe davon erzählt, um zu zeigen: In mir steckt noch etwas anderes als die immer fröhliche und lächelnde starke Frau, die ich auch sehr oft spiele. Den positiven Blick zu bewahren und das Schöne zu sehen, obwohl man Wunden in sich trägt, das kann gelingen. Das ist, glaubʼ ich, das Wichtigste, was mein Buch vermittelt. Dass es für viele ein Haltegriff sein würde, habe ich so aber nicht erahnt.

alverde: Rollen zu spielen half Dir über die Trauer hinweg. Du schreibst aber auch, man muss besessen sein, um die Herausforderungen des Schauspielberufs auszuhalten. Was meinst Du damit?

Michaela May: Es gibt manchmal zwei, drei Jahre Leerlauf und manchmal dauert es sehr lange, bis man Erfolg hat. Dieses Durchhalten macht bei manchen die Seele kaputt. Man muss kreativ werden und andere Dinge anpacken, versuchen, selbst etwas zu schreiben, Stoffe zu finden und anzubieten, Lesungen zu machen, Hörbücher. Man muss rausgehen und mit einer unheimlichen Energie herausfinden, was kann ich gut, wo möchte ich hin, und dahinein muss man seine ganze Energie stecken.

alverde: Du hast auch eine Ausbildung zur Kindergärtnerin gemacht – war das Plan B?

Michaela May: Ende der 60er-Jahre war eine ganz merkwürdige Filmzeit, da gab es wenige Arten von Filmen: seichte Komödien, Karl-May-Filme, „Lümmelfilme“ – da hab ich noch einen gemacht: „Pepe der Paukerschreck“ – und seichte Sexfilmchen. Das wollte ich nicht. Da hab’ ich die Ausbildung zur Kindergärtnerin, wie es damals hieß, gemacht – und zwischendurch gedreht, um die Schauspielerei nicht abreißen zu lassen. Als ich fertig war mit der Ausbildung, kam Helmut Dietl mit den „Münchner Geschichten“ auf mich zu. Danach hab ich beschlossen, bei der Schauspielerei zu bleiben, und ging mit 22 auf die Schauspielschule.

alverde: Du unterstützt RETLA e. V. als Schirmherrin, was ist Dir dabei wichtig?

Michaela May: Elmar Wepper hat mich 2019 gefragt und meinte, es gehe bei RETLA – rückwärts für ALTER – um die Unterstützung einsamer alter Menschen. Es sei sehr schwer, jemanden zu finden. Ich unterstütze seither gerne, soweit ich es zeitlich schaffe. Ich besuche zum Beispiel Seniorenheime und bringe gespendete Laptops mit. Was mich irrsinnig rührt ist, wenn mir Menschen schreiben: „Ihr Autogramm steht auf meiner Kommode, ich begrüße Sie mit einem guten Morgen und spreche mit Ihnen.Wir brauchen uns gegenseitig, wir müssen füreinander da sein, aufeinander aufpassen, mit offenem Blick anderen auch mal zulächeln. Schon allein das ist ein kleiner Freudenfunke.

(retla.org, Telefon: 089/18 91 00 25)

„In mir steckt noch etwas anderes als die immer fröhliche und lächelnde starke Frau, die ich auch sehr oft spiele.“

Steckbrief Michaela May – Weltoffen

Die Münchnerin ist in Bayern verwurzelt, andere Länder, Menschen und Gebräuche kennenzulernen ist ihr aber genauso wichtig – so reiste sie mit Freunden ein Jahr durch Afrika. Schon ihre Eltern liebten es, Sketche aufzuführen. Michaela May wirkte früh in Werbe- und Kinderfilmen mit – bis sie in den 70er-Jahren als Erwachsenendarstellerin durchstartete. Am 23. April 2026 kommt „Ein Münchner im Himmel – der Tod ist erst der Anfang“ mit ihr in die Kinos. Und sie ist auch mit dem Theaterstück „Der Abschiedsbrief“ in Hamburg und Berlin zu sehen.

  • Ihr Bauerngarten:
    Kräuter, Beerensträucher, Obstbäume und Blumenbeete: Gleich morgens geht sie in ihren Garten, um zu schauen, was blüht, und um ein bisschen zu „garteln“. Im Sommer pflückt sie die Früchte für ihr Müsli direkt vom Strauch.
  • Die Anführerin:
    Mit elf Jahren spielte sie 1963 im Film „Robinson soll nicht sterben“ die Anführerin einer Kinderbande – noch heute kann sie durch vier Finger pfeifen, dass Umstehenden die Ohren klingeln, wie sie im Interview bewies.