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Wenn Worte wirken

Clara Lösel ist Poetry Artist und teilt auf Social Media ihre Poesievideos. © Luise Blumstengel

Interview mit Poetry Artist Clara Lösel

Clara Lösel schreibt Gedichte, die berühren. Mit feinem Gespür für Sprache und einer sensiblen Beobachtungsgabe findet sie Worte für das, was viele bewegt. Im Gespräch mit alverde erzählt sie, wie sie mit Lyrik Menschen erreicht und motiviert, ihren Weg zu gehen und nie aufzugeben.

In ihrer Instagram-Story kündigte Clara Lösel am Abend vor dem alverde-Titelshooting bereits an: „Morgen mache ich etwas zum ersten Mal und ich freue mich schon riesig!“ Diese Freude war auch beim Interview deutlich spürbar, in dem sie offen und mit großer Leidenschaft von ihrem Herzensprojekt erzählte.

alverde: Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Clara Lösel: Schreiben war immer mein Ventil. Mein verstorbener Opa war der Anfang von allem. Er hat sich Geschichten ausgedacht und erzählt. Diese Liebe zum Erzählen hat er mir mitgegeben. Es hat dann zwar noch einige Jahre gedauert, bis ich nach dem Studium meine Gedichte veröffentlicht habe, aber der Grundstein war da. Die 100-Tage-Challenge, eine Aktion, bei der ich mir vorgenommen hatte, 100 Tage lang jeden Tag einen Text auf Social Media zu posten, war ein Wendepunkt. Ich habe einfach losgelegt und plötzlich habe ich Menschen erreicht.

alverde: Wie sieht dein Schreibprozess aus – brauchst du ein bestimmtes Umfeld?

Clara Lösel: Das kommt ganz darauf an, in welchem Stadium ich bin. Ideen habe ich überall – in der Dusche, in der S-Bahn, mitten in einem Gespräch. Dann schreibe ich schnell etwas ins Handy. Wenn es aber ums eigentliche Schreiben geht, also das Ausformulieren, dann brauche ich Ruhe. Ich schreibe gerne umgeben von vielen Büchern – zu Hause oder in Bibliotheken.

Längere Texte schreibe ich meistens am Laptop, weil ich dann viel hin- und herschiebe. Tagebuch schreibe ich eher mit der Hand. Beides hat seinen Platz.

alverde: Lyrik verbinden viele mit dem Schulunterricht. Du bringst sie zurück ins Leben – was glaubst du, macht deine Texte heute so zugänglich?

Clara Lösel: Ich bekomme oft Nachrichten von Menschen, die sagen, dass sie durch meine Texte wieder Zugang zum Lesen gefunden haben, obwohl sie früher dachten, das sei nichts für sie. Viele schreiben, dass sie seit der Schule kein Gedicht mehr gelesen haben und jetzt plötzlich wieder Worte für Dinge finden, die sie lange nicht benennen konnten. Das berührt mich sehr. Ich achte beim Schreiben sehr darauf, dass meine Sprache verständlich bleibt und nah an der Lebensrealität. Ich schreibe so, wie ich auch sprechen würde. Oft entstehen die Texte in einem Moment echter Emotion. Ich glaube, das spürt man. Sprache darf berühren, darf leicht sein und trotzdem tief gehen.

„Lass dir nicht einreden, dass deine Gefühle weniger wert sind, nur weil du jung bist.“

alverde: Du hast Lehramt studiert – was hat dich an diesem Beruf gereizt?

Clara Lösel: Ich habe Lehramt gar nicht unbedingt wegen meiner Fächer studiert, sondern weil ich junge Menschen toll finde. Ich wollte so eine Lehrerin sein, wie manche sie vielleicht mal hatten: jemand, der nicht nur Mathe unterrichtet, sondern sich wirklich für die Schüler interessiert. Ich wollte jungen Menschen Hoffnung machen, ihnen zeigen, dass ihre Stimme wichtig ist. Und wenn ich das heute mit meinen Texten schaffe, bin ich gar nicht so weit weg von dem, was ich damals vorhatte, und kann sogar noch viel mehr Menschen erreichen.

alverde: Viele sehen dich als Sprachrohr der Generation Z. Fühlst du dich selbst als Stimme deiner Generation?

Clara Lösel: Ich bin ein Teil meiner Generation, aber ich kann nicht für alle sprechen. Die Lebensrealitäten in unserer Generation sind sehr unterschiedlich. Was ich allerdings feststelle, ist, dass sich viele Menschen in meinen Texten wiederfinden – auch solche, die viel älter oder jünger sind. Es sind oft universelle Gefühle, die ich beschreibe. Ich glaube, ich bin eher eine Stimme meiner Zeit als die einer bestimmten Generation.

alverde: Social Media ist ein Ort zwischen Inspiration und Vergleich. Was hilft dir, auf den Plattformen du selbst zu bleiben?

Clara Lösel: Das ist wirklich nicht immer einfach. Es gibt so viele Stimmen und Erwartungen. Ich versuche, mich immer wieder auf das zu besinnen, was mir wirklich wichtig ist. Ich frage mich: Warum teile ich das gerade? Fühlt es sich für mich ehrlich an? Wenn ich einen Text poste, dann muss ich auch innerlich komplett dahinterstehen. Diese Rückversicherung hilft mir, mich nicht zu verlieren. Wenn ich nichts zu sagen habe, dann sage ich halt auch einfach mal nichts. Manchmal denke ich, vielleicht müsste ich mir eine dickere Haut wachsen lassen – einfach, um weniger angreifbar zu sein. Aber dann könnte ich wahrscheinlich nicht mehr so schreiben, wie ich es tue.

alverde: Viele junge Menschen erleben Zeiten der Unsicherheit und fühlen sich unter Druck gesetzt. Wie gelingt es dir, hoffnungsvoll zu bleiben?

Clara Lösel: Das ist für mich eine tägliche Herausforderung. Ich beschäftige mich intensiv mit der Frage, wie man sich in dieser Welt nicht von Hoffnungslosigkeit lähmen lässt. Daraus entstand für mich das Wort „Hoffnungspflicht“. Es bedeutet: Ich habe eine Verantwortung, nicht nur mir selbst gegenüber, sondern auch gegenüber den Menschen, die vor mir gekämpft haben, und jenen, die nach mir kommen. Es ist ein Auftrag, sich der Welt nicht zu entziehen. Hoffnung ist für mich nichts Passives, sie entsteht durch Bewegung, Austausch, Schreiben und kleine Taten, die zeigen: Ich kann etwas bewirken.

alverde: Dein Buchtitel „Wehe du gibst auf“ soll ermutigen. In welchen Situationen brauchst du diesen Satz selbst?

Clara Lösel: In ganz vielen Momenten. Wenn ich mich von Weltschmerz überwältigt fühle oder wenn ich mit Hass konfrontiert bin, gerade im digitalen Raum. Dann brauche ich diese Erinnerung, dass es sich lohnt, weiterzumachen. Dass es wichtig ist, nicht zu verstummen, sondern an das zu glauben, was ich tue. Der Satz ist so etwas wie ein inneres Versprechen an mich selbst.

alverde: Was würdest du deinem 14-jährigen Ich heute sagen?

Clara Lösel: Ich würde ihr sagen: Du hast schon etwas zu sagen – du musst nicht warten, bis du „genug erlebt“ hast. Lass dir nicht einreden, dass deine Gefühle weniger wert sind, nur weil du jung bist. Deine Stimme zählt.

„Ich glaube, ich bin eher eine Stimme meiner Zeit als die einer bestimmten Generation.“ © Luise Blumstengel

Steckbrief Clara Lösel – 
Lyrik mit Haltung

Clara Lösel, 1999 in Gießen geboren, ist Poetry Artist, Autorin und Stimme auf Social Media. Mit ihren Poesievideos auf TikTok und Instagram erreicht sie ein Millionenpublikum. Ihre Texte kreisen um gesellschaftliche Gerechtigkeit, Selbstakzeptanz und mentale Gesundheit. 2025 erschien ihr Buch „Wehe du gibst auf“, das zum Spiegel-Bestseller wurde und mit dem sie 2026 auf gleichnamige Live-Tournee geht.

  • Mein perfekter Sonntag
    Ich arbeite fast immer, auch am Wochenende. Ich bin sehr viel unterwegs und extrem schlecht im Pausenmachen, aber ich arbeite daran. Wenn ich mir einen perfekten Sonntag träumen dürfte: draußen sein, Natur, Tiere – ich liebe Hunde und Pferde – und Zeit mit meinen liebsten Menschen.
  • Was mich zum Lachen bringt
    Ich liebe die Serien „How I Met Your Mother“ und „Modern Family!“.
  • Mein Lieblingsgedicht 
    „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke

Infos zu Clara Lösels Live-Tournee gibt es hier: Clara Lösel Live-Tournee