Zwischen Set und Schreibtisch
„Ich will meiner Tochter ein realistisches Körperbild vorleben.“ © Luise Blumstengel
Interview mit Buchautorin Judith Hoersch
In ihrem neuen Roman „Niemands Töchter“ spürt Judith Hoersch auf vielschichtige Weise Mutter-Tochter-Beziehungen nach. Das Thema Mutterschaft steht auch im Mittelpunkt der Hebammen-Serie „Lena Lorenz“, in der sie die Titelrolle spielt. Nicht die einzige Gemeinsamkeit ihrer beiden beruflichen Passionen.
Das alverde-Interview findet einige Stunden vor Judith Hoerschs Flug in den Thailand-Urlaub statt. Ein großer Rucksack reiche für sie und ihre Tochter, sagt sie. Einziger Luxus im Gepäck sind vier Bücher – am Abend zuvor war sie noch einmal in einer Buchhandlung und konnte nicht widerstehen. Die Frau, die die meisten als Schauspielerin kennen, schreibt seit ihrer Jugend und ist eine leidenschaftliche Leserin.
alverde: In Ihrem Roman geht es um Mutter-Tochter-Beziehungen. Warum ist das ein so dankbares Themenfeld?
Judith Hoersch: Wir haben alle eine Mutter und selbst wenn das Verhältnis schlecht ist, ist sie eine der prägendsten Figuren im großen Schachspiel Leben. Als ich selbst Mutter wurde, ist mir bewusst geworden, dass es einige Dinge gibt, die ich auflösen darf, damit meine Tochter befreiter leben kann. Die transgenerationalen Themen – dass wir Sachen wiederholen, die unsere Mütter gemacht haben – waren die Initialzündung für den Roman. Außerdem wollte ich die Vielfalt der Mutter-Tochter-Beziehungen zeigen. Deshalb habe ich vier Figuren erschaffen, die über 40 Jahre miteinander verstrickt und verwoben sind.
alverde: Auf dem Muttersein liegen viele innere und äußere Erwartungen. Von welchen machen Sie sich bewusst frei?
Judith Hoersch: Als Mutter spüre ich wenig Erwartungsdruck. Ich bin eher von mir selbst überrascht, dass es mir so leichtgefallen ist, bei vielen Dingen zurückzustecken. Da mein Freund viel im Ausland arbeitet, bin ich oft monatelang quasi alleinerziehend. Abends nicht weggehen zu können, hat mir erstaunlich wenig ausgemacht. Ich bin aber viel kritischer gegenüber den Anforderungen, die in unserer Gesellschaft an Frauenkörper gestellt werden – nach dem Motto „Schauspielerinnen müssen dürr sein, damit sie vor der Kamera gut aussehen“. Da mache ich nicht mehr mit, weil ich meiner Tochter ein realistisches Körperbild vorleben will. Und auch den mehrheitlich weiblichen Zuschauern von „Lena Lorenz“: Sie sehen eine Frau, die sich wohl in ihrem Körper fühlt, sportlich ist und eine normal schlanke Figur hat.
alverde: Ihre Romanfiguren wie auch Ihre Serienrolle erzählen von Lebenswegen, die nicht geradlinig verlaufen. In Ihrem Leben gibt es durch „Lena Lorenz“ eine große Konstante. Wie gelingt es Ihnen, die künstlerische Arbeit an der Serie innerlich frisch zu halten?
Judith Hoersch: Das ist tatsächlich eine Herausforderung, die ich in dem Ausmaß vorher nicht kannte: Wo nehme ich die Inspiration her, wenn mein Kind krank ist oder ich gerade keine Lust habe? Ich schaue dann: Was interessiert mich an der Szene? Was an meinem Gegenüber? Es geht darum, den Muskel der Schauspielerin immer wieder zu bewegen. Als Hauptdarstellerin mit viel Erfahrung spüre ich auch eine Verantwortung für die Stimmung am Set. Es macht einen Unterschied, wenn ich mit der Haltung komme: „Wir haben jetzt alle einen tollen Tag zusammen“. Und es beruhigt die jungen Schauspielerinnen, die aufgeregt sind, weil sie noch nie eine Geburt gespielt haben, wenn ich ihnen die Hand auf die Schulter lege und sage: „Hey, das klappt schon.“
„Die Muse küsst einen nicht täglich.“ © Luise Blumstengel
alverde: Die Serie greift sensible, kritische Themen auf, hat aber trotzdem den leichten Ton und die Alles-wird-gut-Gewissheit der klassischen Familienserie – ist das ihr Erfolgsgeheimnis?
Judith Hoersch: Ich glaube, die Menschen sind dankbar, eine Alternative zu den vielen Krimis im TV zu haben. Die Hebamme ist der Mensch, der Familien in der Startphase hilft. Sie und ihre Themen sind relevant und vermutlich deshalb kommen wir auch bei jungen Zuschauern so gut an. Wir versuchen jetzt, immer mal wieder Geschichten zu erzählen, die einen offenen Ausgang haben. Aber viele Zuschauer wollen, dass am Ende alles gut wird. Das zu bedienen und gleichzeitig zeitgemäß und wahrhaftig zu bleiben, ist oft ein Spagat.
alverde: Stichwort Spagat: Sie teilen sich Ihre Zeit zwischen Berlin und dem Drehort Berchtesgaden auf. Was verändert der Ortswechsel?
Judith Hoersch: In Berchtesgaden sind meine Tochter und ich ein Stück weit entspannter. Das Grün, die Berge, und wir haben einen Bauernhof vor der Tür. Der Satz „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ bewahrheitet sich hier mehr. Wenn ich länger drehen muss, findet sich oft jemand, der Tilda mit ins Schwimmbad oder zum Spielen nimmt. Gleichzeitig liebe ich Berlin, vor allem mit seinem Kulturleben. Also im Moment könnte ich mich nicht zwischen beiden entscheiden, sondern genieße das Beste aus zwei Welten.
alverde: Zwei Welten sind auch die Dreharbeit und das Schreiben: Am Set ist alles organisiert, fürs Schreiben braucht es viel Selbstdisziplin. Wie leicht fällt sie Ihnen?
Judith Hoersch: Ich bin relativ stur und Fan des Satzes von Ernest Hemingway, der sinngemäß lautet: „Wenn Du schreiben willst, setz Dich auf Deine vier Buchstaben.“ Die Muse küsst einen nicht täglich. Manchmal schreibe ich Stunden und weiß genau, dass ich alles am nächsten Tag löschen werde. Aber man muss durch diese Zeiten schreiben. Denn dann kommt auf einmal ein Tag, an dem man denkt: „Wow, eben habe ich in anderthalb Stunden vier wahnsinnig gute Seiten produziert.“
alverde: Inwiefern hilft Ihre schauspielerische Erfahrung beim Romanschreiben – für Figurenentwicklung, Dialoge und Rhythmus?
Judith Hoersch: Sie hilft extrem. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass es einige Schauspieler gibt, die gute Autoren werden. Denn Du stellst Dir dieselben Fragen: Was will meine Figur, was ist das Hindernis, woher kommt sie, was ist ihr sehnlichster Wunsch, was ist ihr Geheimnis? Ich beantworte sie nur mit anderen Mitteln: das eine Mal im Spiel, das andere Mal in Worten.
Steckbrief Judith Hoersch –
Konstant vielseitig
Die Tochter einer Maskenbildnerin und eines Journalisten spielte nach der Schule in Serien wie „Mein Leben und ich“ (2001 – 2009) mit, bevor sie an die Schauspielschule ging. Sie wirkte in zahlreichen TV- und Kinoproduktionen mit; seit 2018 spielt sie die Titelrolle in der Serie „Lena Lorenz“. Sie schrieb Drehbücher für eigene Kurzfilme und hat bisher zwei Bücher veröffentlicht. Und: Singen kann sie auch.
- Weltenbummlerin
Eine der eindrucksvollsten Reisen fĂĽhrte sie vor einem Jahr nach Saudi-Arabien, wo sie allein mit ihrer Tochter durchs Hinterland reiste und groĂźe Gastfreundschaft erfuhr. - Vorbild
Sie ist ein Fan von Kate Winslet – wegen ihrer Schauspielkunst und ihrem Einsatz für realistische Frauenkörper und -charaktere im Film.