Dazwischen nur ein Bildschirm
Ein Neuanfang bedeutet fĂŒr viele Menschen, dass vertraute Beziehungen an einem anderen Ort zurĂŒckbleiben. Digitale Medien helfen, ĂŒber Distanzen NĂ€he zu halten, und fĂŒr manche Interessen finden wir online schneller Gleichgesinnte als vor Ort. alverde stellt drei Beispiele vor, wie Verbundenheit digital gelingt.
Die Familienbande zwischen Vanessa, Melissa, Jeremy und Michael (im Uhrzeigersinn) ist auch digital stark. ÂčâŸ
1.Sonntagsrennen zwischen Kontinenten
In Deutschland klingt das Wochenende aus. An der OstkĂŒste der USA ist es Sonntagmittag. Zeit fĂŒr ein transatlantisches Familientreffen. Vanessa Brendelberger aus dem alverde-Team und ihre Geschwister sind mit ihrem Vater in New York State verabredet â zum Reden, Spielen und Lachen.
Auf dem Bildschirm jagen kleine bunte Fahrzeuge durch eine digitale Landschaft, begleitet vom Durcheinander vertrauter Stimmen. Eine Stunde lang liefern sich die vier Familienmitglieder ein Rennen ĂŒber Kontinente hinweg. Sie freuen sich ĂŒber riskante Ăberholmanöver, Ă€rgern sich, wenn sie aus der Bahn fliegen â aber nur fĂŒr den Bruchteil einer Sekunde. WĂ€hrend sie auf der Konsole steuern, bringen sie sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Vanessa und ihr Mann sitzen zwischen Umzugskartons in der neuen Wohnung. Ihr Bruder Jeremy hat am Vortag beim Umzug geholfen. âSobald das gröĂte Chaos beseitigt ist, kommt Ihr alle zum GlĂŒhweintrinken auf die Terrasse â und Daddy, Du bekommst eine virtuelle FĂŒhrungâ, verspricht Vanessa. âNur den GlĂŒhwein kann ich Dir leider nicht durchs Tablet reichen.â GelĂ€chter.
Vanessa, Jeremy und Melissa leben in Karlsruhe. Ihr Vater Michael ging vor 17 Jahren zurĂŒck in die USA, als die jĂŒngste Tochter, Vanessa, volljĂ€hrig war. Zuerst hielten sie per E-Mail Kontakt, spĂ€ter durch Videocalls. Das gemeinsame Videospielen entdeckten sie wĂ€hrend der Pandemie. âDas macht es entspannter, vor allem, wenn unsere Kinder dabei sindâ, sagt Jeremy. âDie spielen einfach mit.â Wenn die Enkelkinder auf dem Bildschirm erscheinen, wird Michael aber auch bewusst, was fehlt. âIch wĂŒrde sie am liebsten in die Arme nehmen.â Trotzdem, die digitalen Treffen sind ein riesiger Fortschritt, vor allem wenn er daran denkt, wie er in den 80er-Jahren Kontakt zu seiner Familie in den USA hielt. âIch habe damals Briefe geschrieben und vielleicht einmal im Monat angerufen â zehn Minuten kosteten 30 Mark.â Heute ist er mit seinen Kindern im Familien-Chat tĂ€glich verbunden: kurze Nachrichten, Fotos, Videos.
Alle zwei Jahre kommt der 62-JĂ€hrige nach Deutschland. Die gemeinsame Zeit ist dann eng getaktet. âMan will jede Stunde nutzen, weil man weiĂ, dass sie kostbar istâ, sagt Melissa. Sie hat eine groĂe Familie, Urlaub in den USA war in den vergangenen Jahren nicht drin. Die Geschwister schmieden PlĂ€ne fĂŒr die Weihnachtsbesuche untereinander. âTrotz der rĂ€umlichen NĂ€he, wir haben alle so viel um die Ohren, dass manchmal auch Wochen vergehen, bis wir uns persönlich sehenâ, sagt Jeremy. Die virtuellen Familientreffen stĂ€rken auch ihre Verbindung. Die erste Spielrunde ist rum. Jeremy ist wie immer Erster. Aber: âDad, Du bist doch sonst zuverlĂ€ssig Letzter. Hast Du heimlich geĂŒbt?â, frotzelt Vanessa. Wieder einer der Momente, in dem sich die Distanz klein anfĂŒhlt.
Sie lieben BĂŒcher und den Austausch darĂŒber: die Teilnehmerinnen der Lese-WG.
2.Die Chemie stimmt
Einmal im Monat trifft sich die Lese-WG online, um sich ĂŒber ein gemeinsam gelesenes Buch auszutauschen. âAlchemisedâ, ein auf Social Media gehypter Fantasy-Roman, steht diesen Abend auf dem Programm. Und auch im digitalen Lesetreff gibt es magische Momente.
Kurz nach 20 Uhr fĂŒllt sich der Bildschirm. Die Teilnehmerinnen wĂ€hlen sich eine nach der anderen ein â die meisten im gedĂ€mpften Licht ihrer Wohnzimmer, manche mit einer Tasse Tee in der Hand. âSchön, dass Ihr da seidâ, begrĂŒĂt Maike Strauch, die die Lese-WG organisiert, die zehn Frauen in den Bildschirm-Kacheln. Es beginnt mit einer kurzen Vorstellungsrunde, denn die Zusammensetzung ist jedes Mal anders. Die Teilnehmerinnen leben ĂŒberall in Deutschland, sind zwischen Mitte zwanzig und Ende dreiĂig und allesamt leidenschaftliche Leserinnen. Vier BĂŒcher im Monat sind das Minimum; Romance, Thriller und Fantasy ihre liebsten Genres. Viele Leseanregungen beziehen die Frauen aus der Buch-Community auf Instagram (Bookstagram) und TikTok (Booktok).
Das Buch dieses Monats fĂ€llt genau in ihr Beuteschema: âAlchemisedâ von SenLinYu ist eine Liebesgeschichte, die in einer kriegerischen Welt mit teilweise ĂŒbernatĂŒrlichen Regeln spielt. Der Bestseller wandert seit Wochen durch die Social-Media-Feeds. âIch habe FOMO und wollte schon deshalb unbedingt mitlesenâÂČâŸ, sagt Tinka, die heute zum ersten Mal dabei ist. Ăber den Bildschirm teilt Maike eine PrĂ€sentation mit Leitfragen, die sie nacheinander einblendet. Die Frauen diskutieren, ob die Beziehung zwischen den beiden Hauptprotagonisten toxisch oder auf Augenhöhe ist, ob es sich um eine Liebes- oder Kriegsgeschichte handelt und ob sie die magische Welt stimmig fanden.
âDie angeblich Guten haben Helena so schlecht behandelt! Ich wollte meinen E-Reader beim Lesen manchmal gegen die Wand schleudernâ, empört sich Fabienne. Ein Buch, das einen emotional durchrĂŒttelt, einen Sog entfacht und lange nachwirkt â darĂŒber ist sich die Runde einig. Gibt es bei anderen BĂŒchern mehr Kontroversen? âEs gab schon BĂŒcher, bei denen die Meinungen stĂ€rker auseinandergingenâ, sagt Maike. âAber wer gar nichts mit einem Buch anfangen kann, bricht die LektĂŒre meist ab und kommt gar nicht zum Treffen.â Der Austausch per Videocall ist nur ein Teil der Lese-WG. Viele kommentieren zusĂ€tzlich in der App Reado. Dort sieht jede nur die Kommentare zu den Passagen, die sie selbst bereits gelesen hat â die Diskussion bleibt also spoilerfrei.
Maike grĂŒndete die Lese-WG vor zwei Jahren nach einem Umzug. Eigentlich wollte sie nur mit einer Freundin weiter LektĂŒretipps teilen. Doch bald kamen aus ihrem analogen Umfeld und aus der digitalen Community immer mehr Leserinnen dazu. Alles funktioniert niedrigschwellig: Jede kann VorschlĂ€ge einreichen; Maike stellt daraus vier Titel zur Wahl. Das Buch mit den meisten Stimmen wird MonatslektĂŒre.
âIch habe auch schon zwei Leute zusammengebracht, die sich beide fĂŒr ein nischiges Buch interessierenâ, erzĂ€hlt sie. So unkompliziert wie in einer echten WG schafft die Lese-WG Gemeinschaft durch ein Hobby, das viele eher mit Alleinsein in Verbindung bringen. Doch das Ă€ndert sich gerade. âIch teile unser Treffen in meiner Insta-Storyâ, sagt Alina, eine regelmĂ€Ăige Teilnehmerin. âManchmal lade ich gezielt Leute ein, die vielleicht gerade mit Einsamkeit kĂ€mpfen. Du bist zu Hause in deinem Safe Space und kannst dich trotzdem mit anderen austauschen. Das ist das Schöne.â Nach gut eineinhalb Stunden verlassen die Frauen den Bildschirm und die Welt von âAlchemisedâ, um danach im Bett oder auf dem Sofa noch kurz in eine neue einzutauchen.
Sie mag die Berge und das mediterrane Flair: Monika Fend hat in Spanien ein neues Zuhause gefunden.
3.Ein Rucksack, zwei LĂ€nder
Als ausgesprochener Familienmensch hatte Monika Fend Zweifel, ob der Umzug nach Spanien das Richtige ist. Ihr Fazit fĂŒnf Jahre spĂ€ter: Die Verbindung ist auch digital stark â vor allem, weil es regelmĂ€Ăig analoge Begegnungen gibt.
Monika Fend hat ihren kleinen Rucksack schon gepackt. Morgen fliegt sie nach Memmingen â erst zu einer Freundin, dann weiter zu ihren Eltern, ihrer Tochter und ihrem Sohn in Baden-WĂŒrttemberg. Ein straffes Programm, sagt sie, aber sie kennt das. Drei- bis viermal im Jahr macht sie diese Tour, sonstige Kontakte finden ĂŒber den Bildschirm statt.
Vor knapp fĂŒnf Jahren sind sie und ihr Mann in die spanische Provinz Alicante gezogen. âWir lieben die WĂ€rme, die Sonne und die Lebensart der Spanierâ, erzĂ€hlt sie. Ihr Mann arbeitet remote fĂŒr ein deutsches Unternehmen, sie kĂŒmmert sich um Haus und Garten. Kontakte haben sie inzwischen auch vor Ort â ein Nachbar versteht ein wenig Deutsch, und inzwischen spricht Monika passabel Spanisch. âIn einer deutschen Enklave zu leben, wĂ€re nichts fĂŒr mich.â
Mit ihrer Tochter ist Monika Fend fast tĂ€glich im Kontakt. Meist fragt Monika Fend morgens, wann es passt. âMit kleinen Kindern kann man nichts planenâ, sagt sie lachend. FĂŒr ein einigermaĂen ruhiges GesprĂ€ch setzen sie sich nachmittags digital zusammen. Wenn sie ihre Enkel â zwei Jahre und fĂŒnf Monate â erleben will, findet der Call am Vormittag statt: âIch lese oder singe ihnen etwas vorâ, erzĂ€hlt die 60-JĂ€hrige. Manchmal steigt sie in die Rollenspiele des ZweijĂ€hrigen ein. âDas dauert dann drei bis fĂŒnf Minuten. LĂ€nger bleibt er nicht sitzen.â Ohne die FlĂŒge nach Deutschland wĂŒrde sie ihre Enkel zu sehr vermissen. Mit ihren hochbetagten Eltern, die in einem Pflegeheim leben, telefoniert sie klassisch. âDa ist die Bindung so stark, das macht keinen Unterschied.â Aber bei anderen Familienmitgliedern und Freundinnen, ist die digitale Begegnung ein echter Gewinn. âMan sieht einfach mehr, etwa, ob jemand mĂŒde wirkt oder wie das Wetter ist.â
FĂŒr sie ist klar: Digitale NĂ€he trĂ€gt â wenn beide Seiten sie wollen. âMan darf es nicht als Pflicht sehen. Dann kann eine Verbindung auch aus der Ferne wachsen.â