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Soulbuddies – die Türöffner

Gemeinsam für Kids in Schwierigkeiten: Solveigh Disselkamp-Niewiarra (li.) und Sophie Ostfechtel. © Michael Adamski

Interview mit Psychotherapeutin Solveigh Disselkamp-Niewiarra 

Als Psychotherapeutin erlebte Solveigh Disselkamp-Niewiarra täglich, wie das System an Grenzen stößt. Sie gründete daher den Verein Soulbuddies. Mit Freiwilligen wie der Psychologiestudentin Sophie Ostfechtel fängt sie Kinder und Jugendliche auf, die auf einen Therapieplatz warten.

Der Weg zur Hilfe ist weit, manchmal im wörtlichen Sinne. Deshalb haben die Soulbuddies einen alten Kastenwagen ausgebaut, das „Soulmobil“. Auf Supermarktparkplätzen oder in Nebenstraßen führen die Freiwilligen dort Gespräche mit Jugendlichen, die nicht mehr weiterwissen. Meist kommen die Ratsuchenden allerdings in eine der offenen Sprechstunden, die der Verein im Kreis Gütersloh anbietet. Egal an welchem Ort das erste Gespräch stattfindet: „Wir wollten, dass eine Tür aufgeht, wenn jemand sagt: Ich brauche Hilfe“, erklärt Vereinsgründerin Solveigh Disselkamp-Niewiarra.

Da wäre zum Beispiel Anna¹⁾, elf Jahre alt, in einer schwierigen Familienkonstellation und mit Problemen mit den Mitschülern. „Zu ihr sind wir das erste Mal mit dem Auto gefahren“, erzählt Psychologiestudentin Sophie Ostfechtel, die sich seit einem Praktikum ehrenamtlich bei den Soulbuddies engagiert. Sie und Anna treffen sich fast jede Woche. „Manchmal sprechen wir über das, was sie belastet, manchmal einfach über Alltägliches oder wir spielen eine Runde, ohne viel zu reden.“ Sophie begleitet Anna, bis sie eine Diagnose erhalten und einen Therapieplatz gefunden hat. Mit der schnellen Hilfe will der Verein verhindern, dass aus Belastungen chronische Störungen werden.

Ebenso sind die Soulbuddies auch Lotsen durchs Gesundheitssystem: „Welche Stelle wofür zuständig ist, wo man Anträge stellt – das zu durchschauen, ist schwierig, besonders für Jugendliche, die sich allein auf den Weg machen“, sagt Solveigh Disselkamp-Niewiarra. Der Verein entstand vor der Coronapandemie, aber hat seit dieser Zeit deutlich mehr zu tun. Soziale Ängste, Mobbing, Depressionen und Traumata haben zugenommen. Die Anfragen sind um zwei Drittel gestiegen. Zahlen, die auch durch nationale Erhebungen bestätigt werden. „Auffällig häufig suchen die 2008 Geborenen Hilfe. Vielen fehlt durch Lockdowns die wichtige Erfahrung, selbstständig zu werden und sich auszuprobieren“, erläutert die Psychologin.

„Wir erleben, dass sich Krisen stabilisieren, wenn jemand früh hinschaut.“ – Solveigh Disselkamp-Niewiarra

„Alte Hasen“ unterstützen die junge Freiwillige

Was die Soulbuddies tun, ist keine Psychotherapie – und doch von fachlicher Kompetenz getragen. Zu den rund 80 Freiwilligen gehören Psychotherapeuten, Psychologinnen und vor allem viele Psychologiestudierende. „Therapie geht tief an die Wurzeln des Problems“, erklärt Solveigh Disselkamp-Niewiarra. „Wir halten durch Beratung den Alltag stabil, bis eine Behandlung möglich ist.“ Sie selbst zieht sich das Sweatshirt mit dem „Soulbuddies“-Aufdruck an, um die unterschiedlichen Rollen zu unterstreichen. Die Psychotherapeutin hat jahrzehntelange Erfahrung. Doch wie gehen junge Helfer damit um, wenn sie vom Leid der Kinder erfahren und vielleicht nicht so helfen können, wie sie möchten? Bei den Soulbuddies gibt es regelmäßige Supervision und das Konzept der „alten Hasen“ – erfahrene Mentoren, die den Jungen zur Seite stehen. „Wir können stets jemanden anrufen, wenn uns ein Fall belastet“, sagt Sophie Ostfechtel. „Das gibt Sicherheit.“

Solveigh Disselkamp-Niewiarra wusste schon als Teenager, dass sie den Beruf der Psychotherapeutin ergreifen will. „Mich faszinierte, dass es Menschen gibt, die Kindern helfen, wenn es ihnen seelisch schlecht geht.“ Sophie Ostfechtel hat auch durch die Arbeit bei den Soulbuddies herausgefunden, dass Therapeutin nicht ihr Beruf sein soll. Sie macht ihren Master in einer anderen Richtung der Psychologie. „Aber ich bleibe Soulbuddy.“ Am liebsten sähen die beiden Frauen auch Buddys in anderen Regionen Deutschlands. „Unser Konzept ist übertragbar“, sagt Solveigh Disselkamp-Niewiarra. „Man braucht engagierte Fachleute, Studierende sowie finanzielle Unterstützung.“ Noch trägt sich der Verein über Spenden und Stiftungen. Für die Therapeutin wäre ein bundesweites Clearing- und Lotsensystem wünschenswert – auch für Erwachsene. „Ein Ort, an dem jemand fachkundig zuhört, einschätzt und Menschen weiterleitet, könnte vieles abfedern.“