Man nehme ...
Kochen als Mittelpunkt des Lebens inszenieren. ¹⁾
Interview mit Experte
Harald Lemke
Die Küche ist das Herz des Hauses und zugleich ein Spiegel unserer Zeit – etwa in der Wohnküche, in Gemeinschaftsprojekten oder durch Technikinnovationen. Für Prof. Dr. Harald Lemke ist Kochen ein Schlüssel, um die Welt zu verstehen.
alverde: Warum ist die Küche so viel mehr als ein Raum zum Kochen?
Harald Lemke: Essen ist existenziell für jedes Lebewesen. Doch für den Menschen geht es um noch viel mehr: Kultur, Gesundheit, Ökonomie, ja sogar unsere Infrastruktur hängen direkt oder indirekt an der Ernährung. Wir unterschätzen, wie stark Kochen und Essen unsere Gesellschaft formen.
alverde: Die Wohnküche ist in vielen Neubauten Standard. Was sagt das über unser Verständnis von Kochen?
Harald Lemke: Lange war die Küche Ausdruck des Patriarchats. Frauenarbeit fand im privaten Raum statt, während Männer in der Öffentlichkeit auftraten. Die „Frankfurter Küche“ hat das in der Nachkriegszeit architektonisch zementiert – mit einer Durchreiche als Symbol für diese Trennung. Die Wohnküche ist ein Versuch, das aufzubrechen und Kochen als Mittelpunkt des Lebens zu inszenieren. Aber gelebt wird das selten. Viele nutzen die großzügige Küche, um Fertigkost aufzuwärmen. Architektonisch sind wir weiter als kulturell.
alverde: Wenn man das Konzept der Begegnung weiterdenkt, wären auch Wohnungen ohne Küchen, dafür aber mit Gemeinschaftsküche denkbar?
Harald Lemke: Warum nicht? In einigen Wohnprojekten wird das gelebt. Ein Vorteil ist, dass die gemeinsame Küche besonders dann eine Ausstattung auf Profiniveau haben kann. Und auch bei der Lebensmittelproduktion sind andere Modelle möglich. Wir brauchen viel mehr Bio-Produkte, weil nur die regenerative Landwirtschaft unseren Boden bewahrt – und damit die Grundlage unserer Ernährung. Und diesen größeren Bedarf können wir unter anderem damit decken, dass wir alle ein Stück weit Bauern werden.
So wie es in Urban-Gardening-Projekten geschieht. Die Voraussetzung wäre, dass Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren und Arbeit anders verteilt wird. Das klingt momentan vielleicht utopisch, aber wenn man auf den Fortschritt bei KI und Robotik schaut, ist so ein Szenario gar nicht mehr so fern. Die Frage ist dann: Was wollen wir mit der Zeit anfangen? Und da finde ich alles, was mit Ernährung zu tun hat, eine sinnvolle Beschäftigung.
Prof. Dr. Harald Lemke, Philosoph und Autor
© Harald Lemke/privat
Mit der von ihm so bezeichneten „Gastrosophie“ denkt er über ethische, kulturelle und politische Fragen zur Ernährung nach. In seiner jüngsten Veröffentlichung „Buddha in der Küche“ (transcript Verlag, 588 Seiten, 39 Euro) beschäftigt er sich mit fernöstlicher Philosophie und Esskultur.
alverde: Manche Tätigkeiten in der Küche sind monoton – schälen, rühren, den Geschirrspüler ein- und wieder ausräumen. Wie kann man ihnen trotzdem etwas Positives abgewinnen?
Harald Lemke: Diese Tätigkeiten haben eine Qualität, die uns in einer digitalisierten Welt fehlt. Wer Gemüse schneidet oder Teig knetet, ist im besten Fall ganz bei der Sache. Das kann meditativ sein oder man nimmt es als Chance, seine Technik fortlaufend zu verbessern. Und selbst wenn es schlicht Routine ist, ist es ein kleiner Preis für das, was Kochen uns schenkt: Geschmack, Nähe, Lebendigkeit. Zumal Technik alle Vorgänge effizienter machen kann. Ich denke, wir brauchen keine Roboter, um Kartoffeln zu schälen. Kochen können wir selbst. Aber es gibt auch die spielerische Seite. Ein 3D-Food-Drucker könnte Desserts hervorbringen, die mit traditionellen Methoden nicht möglich wären. Persönlich brauche ich ihn nicht, aber ich verstehe die Faszination. Entscheidend ist: Wollen wir Küche als Blackbox oder als Ort, an dem wir selbst tätig sind?
alverde: Die Küche der Zukunft – was sollte bleiben, was darf gehen?
Harald Lemke: Bleiben sollte der Gasherd. Mit Biogas aus Kompostabfällen lässt er sich sogar mit regenerativer Energie betreiben. Verschwinden sollten XL-Kühlschränke. Sie sind mit hohem Flächen- und Energieverbrauch ein Beispiel für schlechte Technikanwendung. Wir brauchen Küchen, die uns helfen, nachhaltig und möglichst gemeinschaftlich zu leben.