Ein Dorf bittet zum Tanz

Darf ich bitten? In Heckenbeck ist das Dorfleben ĂŒberraschend anders. Âč 

Zu Besuch im Dorf Heckenbeck

In Heckenbeck im SĂŒden Niedersachsens trifft alternativer Lebensstil auf Dorfkultur. Das funktioniert erstaunlich gut und lockt junge Familien aus allen Teilen Deutschlands an. Was ist das Geheimnis des ungewöhnlichen Ortes?

Der Reisebus, der an diesem Vormittag in das 500-Seelen-Dorf Heckenbeck 50 Kilometer nördlich von Göttingen einfĂ€hrt, wird mit Beifall empfangen. Hinter den getönten Scheiben sitzen BĂŒrgermeister, Landschaftsarchitekten und Beamte des Bundesministeriums fĂŒr Landwirtschaft, ErnĂ€hrung und Heimat (BMLEH). Sie bilden die Jury des 28. Bundeswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“. 25 Dörfer in ganz Deutschland hat die Jury bereits besucht. Heckenbeck ist die letzte Station, bevor am darauffolgenden Tag bekanntgegeben wird, welche Orte mit Gold, Silber und Bronze ausgezeichnet werden und Preisgelder zwischen 5.000 und 15.000 Euro erhalten.

Den Wettbewerb initiierte Graf Lennart Bernadotte im Jahr 1961. Der PrĂ€sident der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft arbeitete damals an der „GrĂŒnen Charta der Mainau“, die dabei helfen sollte, den lĂ€ndlichen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg neu zu ordnen. Viele Dörfer wirkten auf ihn trostlos. Überall habe es gestunken, klagte Bernadotte spĂ€ter. Der Wettbewerb hieß zunĂ€chst „Unser Dorf soll schöner werden“. Belohnte er anfangs Sauberkeit, Blumenschmuck und die Pflege von GrĂŒnflĂ€chen, so förderte er spĂ€ter auch den sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz.

Unter dem Einfluss der Klimakonferenz von Rio 1992 beschlossen die Verantwortlichen, Dörfer ganzheitlicher zu bewerten. Seither beurteilen die Jurys auch, welche Konzepte Dörfer fĂŒr die wirtschaftliche Entwicklung, fĂŒr Nachhaltigkeit, soziale AktivitĂ€ten, politische Mitwirkung und kulturelle Initiativen haben. Seit 2007 heißt der Wettbewerb, der alle drei Jahre ausgelobt wird, „Unser Dorf hat Zukunft“. Alle Dörfer nehmen zuerst am Landeswettbewerb teil. Heckenbeck gehörte in Niedersachsen zu den Siegern und qualifizierte sich damit fĂŒr die Entscheidung auf Bundesebene.

Ein Ort, der die Forschung fasziniert

Unter der großen Linde auf dem Dorfplatz wird die Jury von Vertreterinnen und Vertretern des Dorfes begrĂŒĂŸt. Dann fĂŒhrt die stellvertretende Ortsvorsteherin Ricarda Polzin die GĂ€ste herum. Der Dorfkern wirkt mit seinen mĂ€chtigen BauernhĂ€usern, dem vielen GrĂŒn und dem Reichtum an alten BĂ€umen wie aus der Zeit gefallen – ein niedersĂ€chsisches BullerbĂŒ. Anstelle von VerkehrslĂ€rm erfĂŒllt das Zwitschern und Trillern von Vögeln die Luft.

Heckenbeck steht nicht zum ersten Mal im Licht der Öffentlichkeit. 2014 erhielt eine Masterarbeit mit dem Titel „LebensqualitĂ€t im lĂ€ndlichen Raum – Heckenbeck als Erfolgsmodell zukunftsfĂ€higer Dorfentwicklung?“ den Hochschulpreis der NiedersĂ€chsischen Akademie LĂ€ndlicher Raum. Ein Forscherteam der UniversitĂ€t Göttingen widmete dem Ort 2019 eine Studie und beschrieb ihn als Beispiel, wie sich ein Dorf neu erfinden kann. Niedersachsens MinisterprĂ€sident Stephan Weil kam 2024 zu Besuch, um das Erfolgsrezept von Heckenbeck zu verstehen.

Theodor Petzold brachte neue Ideen nach Heckenbeck. Âč 

„Die Leute hier sind nicht festgefahren in Routinen und haben Lust auf Neues.“ – Matina Alemi, Heilpraktikerin

Ein Grund fĂŒr das Interesse: WĂ€hrend die meisten Dörfer in entlegenen und strukturschwachen Regionen unter Abwanderung leiden, wĂ€chst Heckenbeck. Junge Familien aus allen Teilen Deutschlands zieht es in das kleine Dorf im NiedersĂ€chsischen Bergland. Und die Geburtenrate lĂ€sst Demografen aufhorchen: Fast 20 Prozent der Einwohner sind Kinder und Jugendliche – weit mehr als im bundesdeutschen Durchschnitt.

Im Dorfgemeinschaftshaus bekommt man eine Idee, warum Heckenbeck so beliebt ist: Die stellvertretende Ortsvorsteherin berichtet von einer besonderen Kultur des Miteinanders. In einer E-Mail-Gruppe tauschen mehr als 100 Mitglieder aus dem Ort tĂ€glich Informationen, Ideen und Anliegen aus: egal, ob es um den Start eines Projekts geht, fĂŒr das Mitstreiter gesucht werden, um die Einladung zu einem Konzert oder zu einem feministischen Salon, um die Ausleihe eines RasenmĂ€hers oder die Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. Es gibt drei Chöre im Ort mit 72 Mitgliedern sowie 997 Mitgliedschaften in örtlichen Vereinen.

Eine rege Vereinskultur hatte Heckenbeck schon immer, mit SchĂŒtzenverein, BĂŒrgerverein, Liedertafel, Kirchengemeinde und Feuerwehr. In den 1980er-Jahren zogen Menschen aus der Stadt hierher, die neue Ideen des Zusammenlebens mitbrachten. Als „Urknall“ gilt die Ankunft des Arztes Theodor Petzold. Wir treffen den Allgemeinmediziner und GrĂŒnder des Dachverbands Salutogenese am Brennesselhof. Theodor Petzold erwarb den Bauernhof 1984, um hier seine Ideen eines kooperativen Zusammenlebens umzusetzen. Wer einzog, stimmte zu, sich an Gemeinschaftsaufgaben zu beteiligen, von Reparaturen bis zum regelmĂ€ĂŸigen gemeinsamen Kochen. Gleichgesinnte folgten ihm, erwarben weitere Höfe und verwandelten sie ebenfalls in Wohn- und Arbeitsgemeinschaften.

Eine Vision hatte auch Susanne Kenntemich. Die Diplom-Sozialarbeiterin trĂ€umte davon, aus Hannover aufs Land zu ziehen, wenn dort echte Gemeinschaft gelebt wĂŒrde. Und sie wĂŒnschte sich, dass ihre Kinder auf eine reformpĂ€dagogische Schule gehen. Sie besichtigte verschiedene „Öko-Dörfer“. In Heckenbeck fĂŒhlte sie sich auf Anhieb wohl.

GemĂŒse aus solidarischer Landwirtschaft

Hier scharte sie Mitstreiterinnen fĂŒr die GrĂŒndung eines Kindergartens und einer Freien Schule um sich. Heute ist sie GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Schule. Die Konzepte Freier Schulen unterscheiden sich von denen staatlicher Schulen dadurch, dass sie flexibler auf die individuellen LernwĂŒnsche der einzelnen Kinder eingehen und diesen ein hohes Maß an Mitbestimmung geben. In der zehnten Klasse absolvieren die Jugendlichen dieselben PrĂŒfungen wie SchĂŒlerinnen und SchĂŒler an staatlichen Schulen. „Und sie schneiden dabei ziemlich gut ab“, betont Susanne Kenntemich. Es gibt junge Eltern, die wegen dieser PĂ€dagogik mit ihren Kindern von weither nach Heckenbeck gezogen sind, so wie Alima Lenz. Die Freie Schule sei fĂŒr sie ein Grund gewesen, aus Mecklenburg-Vorpommern in die niedersĂ€chsische Provinz zu ziehen.

Tamim Nazir Alemi und seine Frau Matina fĂŒhren den Bioladen im Ort. Âč 

Die Zugezogenen legten von Anfang an Wert auf Nachhaltigkeit. Dazu gehörte die Idee der Selbstversorgung aus biologischer Landwirtschaft. Kirsten RĂŒbe und Ulrike Dietz erklĂ€ren in einer Scheune, wie sie rund 80 Haushalte mit ihrer Ernte versorgen. Sie arbeiten nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft: Kundinnen und Kunden tragen mit monatlichen BeitrĂ€gen die Kosten ihres landwirtschaftlichen Betriebs, wofĂŒr sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. In der Scheune können die Mitglieder an vier Tagen die Woche ihr GemĂŒse abholen. Ganz Ă€hnlich fĂŒhren Tamim Nazir Alemi und seine Frau Matina ihren Bioladen.

Sie stehen barfuß vor ihrem GeschĂ€ft – im Sommer gehen viele in Heckenbeck barfuß – und erklĂ€ren ihr Konzept. FĂŒr einen monatlichen Beitrag von 17 Euro fĂŒr Alleinstehende und 34 Euro fĂŒr Familien mit Kind können mehr als 200 Mitglieder in ihrem GeschĂ€ft Bioprodukte vergĂŒnstigt einkaufen. Matina Alemi spielt zur Feier des Jury-Besuchs auf ihrem Saxofon. Die Heilpraktikerin schwĂ€rmt von der Lust der Heckenbecker, Neues auszuprobieren. „Niemand hier ist festgefahren in seinen Routinen“, sagt sie. Zum Mittagessen werden HĂ€ppchen mit schmackhaftem Vollkornbrot aus der HolzofenbĂ€ckerei von Ricarda Polzin gereicht.

Alima Lenz zog wegen der Freien Schule nach Heckenbeck. Âč 

„Heckenbeck ist ein Dorf mit vielen Kindern. Das liegt auch an der Beliebtheit der Freien Schule.“

Ihr Meditationshaus finanzierten die BĂŒrger von Heckenbeck aus privaten Mitteln. Âč 

Eindrucksvoll ist die Eigeninitiative der Menschen von Heckenbeck. Sie haben eine Arzt- und Hebammenpraxis in den Ort geholt. Mit privatem Geld errichteten sie auf einer Wiese einen Holz-Kuppelbau fĂŒr ein Meditationszentrum, das einstige Dorfgasthaus Zur Linde bauten sie zum ĂŒberregional bekannten Kulturzentrum WeltbĂŒhne aus. Hier traten Kabarettisten wie Christian Ehring und Andreas Rebers auf, bevor sie Fernsehbekanntheit erlangten. Auch ein Kunstatelier mit AusstellungsrĂ€umen gibt es inzwischen: Die Bildhauerin Dietlind Petzold, Schwester des Pioniers Theodor Petzold, erwarb ein Anwesen mit schönem Garten, in dem sie arbeitet und ihre Werke prĂ€sentiert.

Mehr Party-Einladungen als in einer Großstadt

Überhaupt scheint es in dem ungewöhnlichen Dorf nie langweilig zu werden. Auf die Frage, ob das Leben in Heckenbeck nicht angenehm stressfrei zugehe, antwortet eine junge Frau: „Stress gibt es hier auch, allein schon, weil man so viele Einladungen zu privaten Festen bekommt. Man muss lernen, auch einmal eine Party abzusagen.“ Susanne Kenntemich berichtet: „Ich habe hier in den ersten Jahren mehr Angebote wahrgenommen, als ich das in Hannover je getan hĂ€tte: von Zumba, Yoga, Hip-Hop bis zum Samba-Kurs, fĂŒr jeden wird hier etwas geboten.“ 

Die vielen Angebote sorgen dafĂŒr, dass die Menschen, die schon vor der Ankunft der Stadtbewohner in Heckenbeck wohnten, deren Ideen als Bereicherung empfinden. Zwar gehen viele immer noch lieber in den SchĂŒtzenverein als ins Yoga. Sie schicken ihre Kinder eher in die staatliche als in die Freie Schule, und sie betreiben auch weiter konventionelle Landwirtschaft. In der WeltbĂŒhne, im Ortsverein und beim BĂ€cker begegnen sich die Welten. Auch in der Nachbarschaft verstehe man sich gut, sagt Susanne Kenntemich. Und noch etwas verbindet die beiden Welten: das Interesse daran, dass Heckenbeck eine ĂŒberschaubare Gemeinschaft bleibt. Daher werden Baugenehmigungen trotz hoher Nachfrage derzeit nicht mehr erteilt.

Und der Dorfwettbewerb? Heckenbeck wird mit Silber ausgezeichnet. Susanne Kenntemich hĂ€tte sich zwar Gold gewĂŒnscht. Aber sie freut sich, dass der Ort den „Sonderpreis fĂŒr gelebte Nachhaltigkeit durch den Aufbau sozialer und regionaler Wertschöpfungsketten“ erhĂ€lt. FĂŒr sie zĂ€hlt jedoch auch das viele positive Feedback, das Heckenbeck auf seine Bewerbung erhalten habe: „Egal, wie andere uns bewerten. Wir haben auf jeden Fall gewonnen.“