Ein zweites Zuhause
Im Sommer toben Jugendliche auf dem AuĂendgelĂ€nde des Jugend- und Kulturzentrums Höchst (Frankfurt). ÂčâŸ
Zu Besuch im Jugendzentrum in Frankfurt
Knapp neun Millionen Jugendliche nutzen in Deutschland die Angebote der Jugendarbeit. Dass es dabei um viel mehr als um Freizeitgestaltung geht, zeigte ein Besuch im Frankfurter Jugend- und Kulturzentrum Höchst.
Auf der Galerie im ersten Stock tobt eine Gruppe 13- bis 14-JĂ€hriger um den Billardtisch. Unten wird Tischtennis gespielt. Dazu lĂ€rmt Musik. Und ja, das muss so laut. SchlieĂlich sollen sich die Jugendlichen, die hier den Nachmittag und den frĂŒhen Abend verbringen können, auch akustisch austoben können. Es ist nach 16 Uhr. Die Schulen im Umfeld haben ihre Pforten geschlossen und nun ist Rushhour im Jugend- und Kulturzentrum im Frankfurter Stadtteil Höchst, kurz JuKuz genannt. Mittendrin im Getöse: Sozialarbeiter Jens Faul.
Die Jugendlichen begrĂŒĂen den 40-JĂ€hrigen mit Handschlag oder indem sie die FĂ€uste kurz anstoĂen. Einer bleibt kurz stehen. Er will sich bedanken, sagt der 14-JĂ€hrige und erzĂ€hlt stolz: âIch habe im Diktat eine Eins minus geschrieben und eine Zwei fĂŒr Schönschrift bekommen! Ohne Dich, hĂ€tte ich das nicht geschafft !â Es ist lĂ€ngst nicht die einzige beeindruckende Antwort auf die Frage: Was passiert eigentlich in den knapp 15.000 Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit deutschlandweit? Und also auch speziell in dieser in Frankfurt am Main? Was finden die Jungen und MĂ€dchen aus rund 25 Nationen, teilweise mit Förderbedarf, und im Alter von 12 bis 21 Jahren, die hier ins JuKuz kommen, was sie nicht auch daheim oder in der Schule oder im Verein haben können? Einen Raum, den sie selbst gestalten können. In dem sie entscheiden, was sie tun und mit wem sie reden. âWir bieten auĂerschulische Bildung, nur auf einer komplett freiwilligen Ebeneâ, so Aster Demeke, Sozialarbeiterin im JuKuz.
DafĂŒr werden den Jugendlichen auf 1.500 Quadratmetern verschiedene Angebote gemacht. Es gibt neben der riesigen Haupthalle mit ihren verschiedenen Ebenen, unter anderem ein Tonstudio, eine Kreativwerkstatt, eine KĂŒche, ein Bistro mit Spielkonsole, einen Computerraum inklusive mehrerer 3D-Drucker sowie ein 2.000-Quadratmeter groĂes AuĂengelĂ€nde mit Ballsportplatz und einer 350 Quadratmeter groĂen Graffitimand.
Das Jugendzentrum in Frankfurt am Main bietet Jugendlichen die Möglichkeit, unter anderem Tischtennis zu spielen. ÂčâŸ
GroĂe Fragen und wichtige Kompetenz â nebenbei verhandelt
Egal, wofĂŒr sich die Jugendlichen entscheiden: Alles ist wie nebenbei immer auch Ăbungsfeld zur AlltagsbewĂ€ltigung. Aster Demeke: âWir begleiten, unterstĂŒtzen, aber wir erledigen die Dinge nicht fĂŒr die Jugendlichen. Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Wir erklĂ€ren, wie es geht. Wie man kocht oder ein Fahrrad repariert. Wir ermöglichen ihnen, ihre Ideen umzusetzen.â Und dabei Wichtiges zu erfahren: âWie man etwas zu Ende bringt, auch Niederlagen aushĂ€lt.â Und auch ein wenig Realismus. âIch sage schon mal: âDu willst auf der einen Seite viel Geld verdienen. Allerdings rauchst du Marihuana und gehst nicht in die Schule. Wie also soll das klappen?ââ
Auch wenn man es den Jugendlichen nicht anmerkt, sie haben durchaus einige PĂ€ckchen zu tragen. Jens Faul: âSie leben teilweise in prekĂ€ren UmstĂ€nden. Es fehlt oft an Zeit. Die Eltern arbeiten sehr viel. Auch nachts. Erst kĂŒrzlich haben wir einen Jugendlichen mit reingenommen, obwohl er eigentlich noch zu jung ist, weil wir mitbekamen, dass er stundenlang auf der Treppe saĂ und wartete, bis die Eltern heimkamen.â Die beiden Sozialarbeiter sind seit 2012 im Haus und erzĂ€hlen, dass sie die Jugendlichen heute âbesorgter, emotionaler, sentimentaler und auch verletzterâ wahrnehmen.
Als Ursachen vermuten sie nicht nur die Pandemie und die Vereinzelung in dieser Zeit, sondern auch einen Mangel an Perspektiven. Jens Faul und Aster Demeke erzĂ€hlen, welch groĂen Wert die Jugendlichen auf Partnerschaften, Freundschaften, Verbindlichkeit und LoyalitĂ€t legen. âDa gilt oft nur das Absolute, ein radikales Entweder-oder, alles oder nichts.â Entsprechend groĂ sei die Verletzungsgefahr und letztlich die Verunsicherung. âWir versuchen, ihnen zu zeigen, dass nicht jeder Wettkampf gleich auf Leben und Tod geht. Dass man aus Fehlern lernen und besser werden kann.â Und dass es in verlĂ€sslichen Beziehungen auch Leichtigkeit gibt.
Die Seele des Hauses: Die beiden Sozialarbeiter Jens Faul (li.) und Aster Demeke (re.) sind Teil eines fĂŒnfköpfigen Teams, das Beratung anbietet. ÂčâŸ
Frotzeleien, tiefe GesprÀche und traditionelle TÀnze
Halt und VerlĂ€sslichkeit finden die Jugendlichen im JuKuz. Sie können mit den sieben Mitarbeitern jederzeit einen Termin fĂŒr ein GesprĂ€ch vereinbaren. Geht es um UnterstĂŒtzung bei der Bewerbung, um schulische Probleme oder um rechtliche Fragen â von Aufenthaltsstatus bis Strafrecht â wird das im âBeratungszimmerâ besprochen. Eher emotionale Themen werden im âWohnzimmerâ behandelt. Es gibt auch den âGirls TalkâÂČ⟠und âBoy Talksâ, in dem die Geschlechter unter sich sind. Aster Demeker erklĂ€rt: âDie Jungs nutzen dann die erste halbe Stunde dazu, sich mal richtig auszutoben. Auch mal auĂer Rand und Band zu sein. Die lassen wir ihnen auch, damit sie Spannungen abbauen und NĂ€he spĂŒren können.â Dann wird getanzt, gern Arm in Arm. âDas sind oft traditionelle TĂ€nze, etwa aus der tĂŒrkisch-bulgarischen Kultur.â
Ein begehrtes Event, fĂŒr das die Jungs schon eine Viertelstunde vor Beginn an die TĂŒr klopfen. Im Bistro tauscht man sich hingegen locker aus. Jens Faul sagt: âDa kommen sich auch Gruppen nĂ€her, die sonst eher wenig miteinander zu tun haben.â Hier kann man fĂŒr kleines Geld â ein GetrĂ€nk kostet 40, ein Sandwich 80 Cent â etwas zu sich nehmen. âDas Essen ist super!â, schwĂ€rmt Paul, ein 14-JĂ€hriger, der sich mit seinen beiden Freunden am Tresen niedergelassen hat. Die beiden haben ihm eben ein Sandwich ausgegeben. Er ist wohl gerade knapp. âAber ich kann mir hier auch Essen âausleihenâ.â
Im Kneipen-Kosmos nennt man das âeinen Deckel machenâ. Die Schuld kann irgendwann spĂ€ter bezahlt â oder abgearbeitet werden, etwa mit Hof kehren. Auch dabei sind die Kumpel gern behilflich. EricÂČ⟠erzĂ€hlt gerade, dass er von der Schule geflogen ist und seine beiden Freunde jetzt nur noch im JuKuz sehen kann â als ein Vierter kommt, der mit so groĂem Hallo und solcher Freude begrĂŒĂt wird, als hĂ€tte man sich seit Jahren nicht gesehen. Dabei â so klĂ€rt der Neuankömmling auf â war man erst gestern zusammen genau hier. Es entbrennt ein sehr lauter, aber lustiger Streit darĂŒber, wer besser Billard spielt und warum: âGanz einfachâ, zieht Paul seinen gröĂten Trumpf: âweil es mir mein Vater beigebracht hat!â
Im JuKuz sollen sich die Jugendlichen in einem geschĂŒtzten und sicheren Rahmen weiterentwickeln können. ÂčâŸ
Die Ausbildung beginnt â der Jugendtreff bleibt
Es fĂ€llt auf, wie hilfsbereit, freundlich, und zugewandt die Jugendlichen sind. âWir haben hier auch Jugendliche mit Behinderung. Die mĂŒssen manchmal regelrecht vor der Hilfsbereitschaft der anderen bewahrt werdenâ, erzĂ€hlt Jens Faul und lacht. Auf Umgangsformen wird Wert gelegt im Haus: âIn die Augen schauen, Hand geben, begrĂŒĂen, verabschieden.â Auch das wird offenbar nicht als Reglementierung, sondern als Benefit empfunden. âDas Jugendhaus ist unser Herz! Ich bin hier groĂ gewordenâ, sagt der 18-jĂ€hrige Alex, der gerade dazugekommen ist und, dass hier âdie besten Mitarbeiter sind. Ich mag sie alleâ.
Aber besonders Jens habe ihm âimmer Trost gegebenâ und geholfen. Bei der Schule, bei der Bewerbung, bei der Suche nach einem Praktikumsplatz und nach einer Lehrstelle. Eine 17-JĂ€hrige erzĂ€hlt, auch sie wĂ€re schon seit der Zeit hier, âals ich noch ein Fake-Nasenpiercing hatteâ, was fĂŒr sie offenbar eine halbe Ewigkeit darstellt. âAls ich Liebeskummer oder Schulprobleme hatte, da hat mir die Aster immer geholfen. Und auch die anderen Frauen waren fĂŒr mich da!â DemnĂ€chst fĂ€ngt sie eine Lehre an. Mit all den Alltagskompetenzen, die sie im JuKuz ganz nebenbei erlernt hat. Vor allem aber mit dem Wissen, hier stets UnterstĂŒtzung zu finden oder einfach einen Raum, in dem sie und ihre âBestiesâ sich ganz frei und trotzdem sehr aufgehoben fĂŒhlen können.
Das Haus verfĂŒgt ĂŒber ein eigenes Tonstudio â selbst installiert. ÂčâŸ