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Eigener Herd

Die Küche ist heute mehr als nur ein Ort zum Kochen: hier wird gelacht, gegessen und gelebt. ¹⁾

Interview mit drei Experten

Die Grundausstattung ist fast überall dieselbe, doch jede Küche hat den ihr eigenen Mix aus Gerüchen, Gerichten und Gesprächen. Drei Einblicke in den vielleicht wichtigsten Zuhause-Ort. Drei alverde-Leser erzählen, was sie mit ihrer Küche verbinden.

1. Kochen als Familienprojekt

Diplom-Sozialpädagogin Dorothee Tappe promoviert im Bereich Sonderpädagogik. Nebenbei managt sie in Pforzheim den Haushalt für ihre achtköpfige Familie.

Unsere Küche ist vor allem ein Ort der Begegnung: Hier wird gekocht, erzählt und gelacht, manchmal auch gestritten oder getröstet. Unsere Teenager kommen abends in die Küche, um gemeinsam zu kochen oder einfach Zeit miteinander zu verbringen. Als wir die Küche planten, waren mir viel Stauraum, eine große Arbeitsfläche und helle Fronten wichtig, damit es freundlich wirkt und alles seinen Platz findet.

Bei acht Personen im Haushalt zählt vor allem die Organisation. Wir haben eine Vorratskammer, die wie ein kleiner Laden wirkt, und kommen pro Woche auf fünf volle Einkaufswagen. Wir haben extra große Töpfe, viel Geschirr und die Spülmaschine läuft dreimal am Tag. Ich arbeite mit Wochenkochplänen. Rezepte dafür sammele ich digital und handschriftlich, viele teile ich auf meinem YouTube-Kanal. In der Küche hängt eine Einkaufsliste in Kinderhöhe, auf die jeder etwas schreiben kann.

Zu den Wünschen kommt die Pflicht: Es gibt feste Dienste – von Tisch decken bis Müll rausbringen. Besonders bewährt hat sich unser „Küchen-Super-Sauber-Dienst“: Jeden Abend sorgt jemand dafür, dass die Küche blitzblank ist. So habe ich auch mal freie Abende.

Ein besonderer Aspekt bei uns: Wir leben komplett glutenfrei, weil zwei Familienmitglieder Zöliakie haben. Anfangs habe ich noch doppelt gekocht, mit separaten Töpfen, Kochlöffeln und Toaster. Das war aufwendig und riskant. Seit drei Jahren essen wir alle glutenfrei – das vereinfacht vieles. Die Kinder ohne Zöliakie essen außer Haus, was sie möchten, zu Hause bleibt es konsequent.

Natürlich gibt es bei acht Menschen auch unterschiedliche Vorlieben. Bei uns gilt: Probieren muss jeder – zumindest eine Mini-Portion. Und wenn es jemandem gar nicht schmeckt, darf er sich ein Brot oder Obst nehmen. Das passiert aber selten. Da wir meist zweimal am Tag warm essen, findet jeder sein Lieblingsgericht.

Freude macht mir vor allem das Kochen selbst. Ich probiere gern neue glutenfreie Rezepte aus, verfeinere sie und teile die Ergebnisse online. Pflicht bleibt das Aufräumen, aber selbst das ist leichter, seit alle mitziehen. Die Küche ist ein familiäres Gemeinschaftsprojekt.

„Wir haben eine Vorratskammer, die wie ein kleiner Laden wirkt.“ – Dorothee Tappe

Web-Tipp: Auf dem YouTube-Kanal „Familie(n)leben“ teilt Dorothee Tappe Tipps zur Haushaltsorganisation und zu glutenfreiem Kochen.

Kurz gefragt

  • Die Küche meiner Kindheit riecht nach: Frisch gebackenem Brot
  • Die drei wichtigsten Lebensmittel: Obst und Gemüse, eine gute glutenfreie Mehlmischung und unser Lieblings-Kräutersalz. Damit können wir fast alles zaubern.
  • Die Küche der Zukunft nimmt mir diese lästige Arbeit ab: Das Spülmaschine aus- und einräumen – das darf gerne irgendwann automatisch gehen.

Diplom-Sozialpädagogin Dorothee Tappe behält auch bei sechs Kindern den Überblick. © Dorothee Tappe

2. Mit Feuer und Geduld

Stefan Jenewein ist Biochemiker und lebt mit Frau und Kindern in Neustadt an der Weinstraße. Weil die Familie regelmäßig campen geht, steckt er auch in die mobile Küche Ehrgeiz und Experimentierfreude.

Unsere Küche ist hell und funktional – weiße Fronten, auf einem Boden aus Eiche. Ein Hingucker ist die Arbeitsplatte aus grünem Glas. Küchenbauer haben vor diesem Material Respekt, weil es teuer ist und millimetergenau zugeschnitten sein muss. Ein Glaser aus unserem Bekanntenkreis hat sich darauf eingelassen. Ich freue mich bis heute daran, weil die Platte sehr robust ist und markant aussieht.

Meine Frau und ich wechseln uns beim Kochen ab und entscheiden oft spontan beim Einkaufen, was auf den Tisch kommt. Wenn ich koche, dann gerne auch mal mit Aufwand. Sushi zum Beispiel, das bei uns inzwischen Tradition hat, seit wir einmal in Japan waren. Oder ein Braten, bei dem ich zum Metzger gehe, um ein gutes Stück Fleisch zu bekommen. Vom Backen lasse ich dagegen die Finger, mich stört, dass Fehler hier kaum zu korrigieren sind.

Viele unserer Mahlzeiten ergeben sich aus dem, was gerade Saison hat. Wir sind Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft, bekommen wöchentlich Gemüse, das frisch vom Feld kommt. Im Herbst ist das herrlich vielfältig – Auberginen, Tomaten, Paprika. Aber wir arrangieren uns auch mit dem Spätwinter, wenn fast nur noch Kohlsorten in der Kiste liegen.

Vier- bis fünfmal im Jahr ziehen wir los und tauschen die Küche gegen einen kleinen Campingkocher. Dann wird Kochen zur Improvisation. Mit ein oder zwei Töpfen entstehen Omeletts, Suppen oder auch mal Dampfnudeln im Feuertopf, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind. Die Kinder fiebern dann mit, ob es klappt. Ein Freund brachte mich auf die Idee, Popcorn auf dem Gaskocher zu machen – ein guter Trick, um die Kinder fürs Draußensein zu gewinnen.

Sie lieben Pancakes, die wir für kurze Touren vorbereiten können, indem wir den Teig daheim in ein Marmeladenglas füllen. Unterwegs lernt man, wie wenig es eigentlich für ein gelungenes Gericht braucht. Diese Erfahrung nehme ich mit zurück in unsere Alltagsküche mit ihrer gläsernen Arbeitsplatte.

„Unterwegs lernt man, wie wenig es eigentlich für ein gelungenes Gericht braucht.“ – Stefan Jenewein

Web-Tipp: Auf dem YouTube-Kanal „Familie(n)leben“ teilt Dorothee Tappe Tipps zur Haushaltsorganisation und zu glutenfreiem Kochen.

Kurz gefragt

  • Die Küche meiner Kindheit riecht nach: Frisch gebackenem Brot
  • Die drei wichtigsten Lebensmittel: Obst und Gemüse, eine gute glutenfreie Mehlmischung und unser Lieblings-Kräutersalz. Damit können wir fast alles zaubern.
  • Die Küche der Zukunft nimmt mir diese lästige Arbeit ab: Das Spülmaschine aus- und einräumen – das darf gerne irgendwann automatisch gehen.

Der Familienvater Stefan Jenewein kocht drinnen präzise und draußen gern © Stefan Jenewein/privat

3. Aus vielen Zutaten ein Zuhause

Rahela Abdullah ist Sprachwissenschaftlerin und berät in Hamburg Zugewanderte bei der Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse. Beim Kochen kombiniert sie afghanische und europäische Einflüsse.

Wenn ich koche, läuft oft Musik oder ein Podcast, manchmal telefoniere ich mit Freunden. Ich koche gern allein, selbst wenn ich Besuch habe. Ich kann dann am besten meinem Rhythmus folgen und in meiner Küche bleibt alles an seinem Platz. Beim Essen dagegen genieße ich Gesellschaft: Ein Gericht, das allen schmeckt und gut bekommt, und ein spannendes Thema bei Tisch – das sind die idealen Zutaten.

Viele meiner Gerichte stammen aus meiner ersten Heimat Afghanistan: Vor allem Reis in allen Varianten – mit Gemüse, Linsen oder Fleisch – und würzig-scharfen Soßen. Besonders Kidneybohnen erinnern mich an meine Kindheit: Damals mochte ich sie nicht so gerne, heute könnte ich sie täglich essen. Gewürze sind mir wichtig, ich stelle mir die Mischungen selbst zusammen. Praktisch: Selbst spezielle Zutaten finde ich meist im Supermarkt.

Verglichen mit Afghanistan und Pakistan, wo ich auch gelebt habe, ist die Auswahl an Lebensmitteln riesig und die Ausstattung der Küchen lässt keine Wünsche offen. Aber ich beschränke mich auf Klassiker wie gute Töpfe und meide Geräte wie einen Airfryer, den ich vielleicht zweimal im Jahr benutzen würde.

Ich esse zu festen Zeiten und plane meine Mahlzeiten. Mittags gibt es meist etwas Warmes, abends etwas Leichteres. Für das Essen im Büro koche ich immer vor, manchmal sogar am Morgen. Ich probiere gern neue Gerichte aus – nicht unbedingt aus Kochbüchern, sondern von Freunden oder aus Restaurants. Wenn mir etwas schmeckt, versuche ich es nachzukochen. Das ist so spannend wie das Übertragen einer neu gehörten Melodie in Noten für ein Musikinstrument.

„Ein Gericht, das allen schmeckt und gut bekommt, und ein spannendes Thema bei Tisch – das sind die idealen Zutaten.“ – Rahela Abdullah

Kurz gefragt

  • Ohne diese Gewürze geht wenig in meiner Küche: Kreuzkümmel, Peperoni und Kardamom
  • Wenn es sehr schnell gehen muss, mache ich mir: Quinoa-Salat mit Kichererbsen oder Rühreier
  • Dieses Gericht habe ich in Deutschland entdeckt: Ich mag deftige Rouladen.

Rahela Abdullah schätzt Struktur und neue Inspiration. © Mauricio Bustamante