Das Dorf ist ihre Welt

Karin Gansloser im Potrait

Als jüngste Bürgermeisterin möchte Karin Gansloser ihr Dorf bürgerfreundlich gestalten. ¹⁾

Im Interview mit Bürgermeistern Karin Gansloser

Regeln umsetzen und trotzdem gestalten: Als Bürgermeisterin der Gemeinde Schlat südwestlich von Stuttgart erlebt Karin Gansloser, wie viel Politik in Kindergartenplätzen, Grundschulen und Dorfentwicklung steckt.

Von der Realschule zum Abitur, von einer Ausbildung zum Studium und von der zweiten Reihe in der Verwaltung auf den Posten der Bürgermeisterin: Wann immer Karin Gansloser Menschen begegnete, die einen Schritt weiter waren als sie, reifte in ihr die Überzeugung: „Wenn die das können, kann ich das auch – zumindest probieren.“ Ihr Ideal war immer ein Arbeitsplatz, an dem die acht Stunden wie im Fluge vergehen. Abwechslungsreiche, kreative Aufgaben – ausgerechnet in der Verwaltung? Sie kennt die Vorurteile. Als sie den Bereich aber näher kennenlernte, stellte sie fest: „In einer Führungsposition hat man auch in der Verwaltung viel Gestaltungsraum und kann Regeln bürgerfreundlich auslegen.“

1.700 Einwohner und noch mehr Obstbäume

Genau das versucht sie seit 2023 in Schlat. Den Ort in Baden-Württemberg hat sie sich bewusst für ihre Kandidatur ausgesucht: Mit 1.700 Einwohnern ist er so groß wie ihr Heimatdorf und auch mit dem Obstanbau, der Schlat prägt, kennt sie sich aus. „Meine Eltern haben im Nebenerwerb eine Mosterei betrieben und ich habe immer bei der Apfelernte geholfen.“

Im Wahlkampf war die Kombination aus Alter und Geschlecht durchaus ein Thema: „Verständlicherweise haben sich viele gefragt, wie es mit meiner Familienplanung aussieht und ob ich als Bürgermeisterin womöglich länger ausfalle, aber nur hinter vorgehaltener Hand“, sagt die heute 30-Jährige. Als sich in einer Bürgerversammlung schließlich doch jemand traute, die Frage zu stellen, war sie froh – und hatte ihr Statement parat: Es sei nichts geplant, aber das könne sich ändern und es könne auch ungeplant passieren. In jedem Fall seien ihr Partner und die künftigen Großeltern bereit, einen Teil der Verantwortung zu übernehmen.

Im Januar wird Karin Gansloser nun Mutter und will gleich nach dem Mutterschutz ins Rathaus zurückkehren. „Meine Arbeitszeit ist relativ flexibel und zu einigen Terminen werde ich mit Baby kommen“, so ihr Plan. Schon bevor es sie selbst betraf, waren ihr gute Angebote für Familien ein Anliegen: Sie brachte in den ersten Jahren ihrer Amtszeit einen Naturkindergarten auf den Weg und kämpft momentan um den Erhalt des Grundschulstandorts. Schlat soll auf keinen Fall eine „Schlafgemeinde“ werden. Das Leitbild der Bürgermeisterin ist eine eigenständige Gemeinde, die sich durch Ehrenamt, aber auch Erwerbsarbeit vor Ort trägt.

Genau an solchen Themen zeigt sich, wie viel Kommunalpolitik gestalten kann – vorausgesetzt, eine Gemeinde verfügt über die nötigen Mittel, die Handlungsspielräume erst ermöglichen. Schlat ist noch gut ausgestattet, aus dem Austausch mit Kollegen kennt sie Kommunen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Auch sie übt Kritik daran, dass Kommunen viel leisten sollen, bei den Entscheidungen auf Bundes- und Landesebene jedoch zu wenig gehört werden. Aber mit „Jammern“ will sie sich nicht aufhalten. „Wir schauen lieber, wie wir Gesetze zum Besten unserer Gemeinde umsetzen können“, sagt die Verwaltungsfachwirtin.

„Ich möchte ein Dorf, in dem gelebt wird. Nicht eines, in das man sich nur zurückzieht.“

Für Karin Gansloser liegt genau darin der Reiz der Kommunalpolitik: „Wir können Dinge entscheiden, die im Alltag der Menschen wichtig sind“, sagt die parteilose Bürgermeisterin. Auch wenn Parteien in der Kommunalpolitik eine kleinere Rolle spielen, bedeutet das nicht automatisch Harmonie. Im Gemeinderat wird kontrovers diskutiert und die Bürgermeisterin musste auch Entscheidungen mittragen, bei denen sie überstimmt wurde. „In einer Demokratie gibt es eben nicht nur einstimmige Entscheidungen. Solange die Diskussion sachlich ist und man danach miteinander ein Bier trinken kann, ist das für mich völlig in Ordnung.“

Mit langem Atem für die Wiederwahl

Als jüngste hauptamtliche Bürgermeisterin erfuhr sie nach der Wahl 2023 viel Aufmerksamkeit auch in überregionalen Medien. Das Interesse der Schlater am Geschehen im Rathaus besteht unabhängig von solchen Rekorden. „Die Schlater sind kommunalpolitisch engagiert und bilden sich zu Themen eine Meinung – das zeigt sich auch an einer überdurchschnittlich hohen Wahlbeteiligung“, sagt Karin Gansloser ein bisschen stolz. 2031 will sie sich zur Wiederwahl stellen. „Ich habe bei der Kandidatenvorstellung vor der Wahl gesagt, dass ich in acht Jahren 80 Prozent der Menschen in diesem Raum mit Namen kennen möchte. Ich bin auf einem guten Weg.“