HauptnavigationKategorienavigationHauptinhalt

Wenn die Welt der Kindheit zu klein wird

Austausch zwischen Eltern und Kinder ist wichtig – egal, ob beim Spielen oder bei einem Gespräch unter vier Augen. ¹⁾

Kolumne von Christoph Werner

Liebe Leserin, lieber Leser, 

woran erkennt man, dass die Pubertät bei Kindern ausgebrochen ist? 

Diese Frage stellte mir einst mein Vater, als ich mich Rat suchend an ihn wandte. Denn ich hatte einen 14-jährigen Sohn, der plötzlich so anders war. Meine herantastende Antwort lautete damals: „Wenn er an seine Zimmertüre ein Schild mit der Aufschrift: ‚Vorsicht, Baustelle!‘ nagelt?“ „Viel einfacher“, meinte er und gab mir folgende väterliche Weisheit mit auf den Weg: Pubertät beginnt, wenn die Eltern schwierig werden.

Es kommt darauf an, die Welt mit den Augen des anderen sehen zu können, auch wenn ich selbst zu anderen Beurteilungen komme. Orientierung in Zeiten des Umbruchs zu finden ist nach meiner Beobachtung die große Herausforderung für junge Menschen. Wenn die Welt der Kindheit dem Heranwachsenden zu klein wird und keinen ausreichenden Halt mehr gibt, kommen neue Inhalte in den Blick. Jetzt zählt es, Weggefährten an der Seite zu haben, die einen auf dieser Reise ins Neue begleiten können.

„Als Heranwachsender das wohlwollende Interesse der Erwachsenen zu erleben hat für mich einen Unterschied gemacht.“

Wer stand mir zur Seite? Ich hatte das große Glück, einen sehr guten Schulfreund mit gleichen Interessen zu haben. Im Klassenzimmer saßen wir nebeneinander und im Sommer fuhren wir für drei Wochen mit dem Fahrrad von Basel über die südfranzösische Camargue bis nach Aurillac im Massiv Central. Es war außerdem mein Englischlehrer, der mich im Unterricht forderte und anregte, aus seiner Bibliothek den Krimi „In Cold Blood“ von Truman Capote in englischer Sprache zu lesen. Meine Mutter schaute zwar etwas verdutzt auf den Titel des Buches, ließ mich aber gewähren. Mein Vater war vor allem stolz auf mich, weil ich mit 13 Jahren ein englisches Buch las. So vertiefte ich mich in die Sprache, das Wörterbuch stets in Griffweite. In der Schule und in der kirchlichen Gemeinde gab es engagierte Lehrer und Priester, die mit uns Theaterstücke einstudierten und mir dadurch ermöglichten, durch das Auswendiglernen der Rollen andere Standpunkte einzunehmen und vorübergehend in die Haut eines anderen zu schlüpfen. Meine Mutter war verständnisvoll und mein Vater tapfer, als meine Scheitelfrisur zu einer langen Mähne wurde. „Wasche die Haare einfach öfter“, war ihr elterlicher Ratschlag.

Ich hatte das Glück, Eltern zu haben, die mir den nötigen Freiraum ließen, um Neues kennenzulernen. Gleichzeitig waren sie interessiert und ich wusste, dass ich immer mit meinen Sorgen zu ihnen kommen konnte.

Als Heranwachsender das wohlwollende Interesse der Erwachsenen zu erleben hat für mich einen Unterschied gemacht. Denn es gab mir das Selbstvertrauen, neue Wege auszuprobieren und immer selbstständiger zu werden.

Diesen Februar jähren sich der Geburtstag und der Todestag meines Vaters erneut. Für mich ein guter Moment, kurz innezuhalten und meinen Eltern „Danke“ zu sagen.

Herzlichst Ihr
Christoph Werner
Vorsitzender der Geschäftsführung