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Menschliche Freiheit und KI

Chatbots, Sprachassistenten und vieles mehr haben längst Einzug in unserem Alltag erhalten. ¹⁾

Kolumne von Christoph Werner

Liebe Leserin, lieber Leser,

wird die sogenannte künstliche Intelligenz zum Wohl oder Wehe der Menschen wirken?

Als ich in jungen Jahren die Waldorfschule in Karlsruhe besuchte, übte unsere Klassenlehrerin mit uns einen Text ein, der sich mit der Frage befasste, wie das Böse in die Welt kommt. Lebhaft erinnere ich mich noch, wie wir als Klasse die einzelnen Zeilen in leicht leierndem Tonfall zusammen rezitierten: 

„Es lebt’ einmal ein Mann, der sann viel über Weltendinge nach. Es quälte sein Gehirn am meisten, wenn er des Bösen Ursprung kennen wollte.…“

In dem Text beobachtet der Mann das Zwiegespräch einer Axt mit einem Baum. Die Axt sagt zum Baum, dass sie in der Lage sei, ihn zu fällen, wenn sie es wolle, und dass er ihr ausgeliefert sei. Darauf entgegnet der Baum, dass der Stiel der Axt vor nicht allzu langer Zeit aus seinem Holz von einem Menschen gefertigt worden sei. In diesem Moment wird dem Mann klar, wie das Böse in die Welt kommt.

Als Schüler war mir lange nicht klar, warum dieses Zwiegespräch eine Antwort darauf gibt, wie das Böse in die Welt kommt. Erst später verstand ich, dass es im Kern um die menschliche Handlungsfreiheit geht. Handlungsfreiheit bedeutet, Dinge aus ihrem Zusammenhang zu lösen und mit einem eigenen Motiv zu verwenden. Das kann zum Wohl oder Wehe führen. Wenn Wohl oder Wehe bereits vorbestimmt wären, gäbe es keine menschliche Handlungsfreiheit. Das ist jedenfalls meine Schlussfolgerung.

Diese Überlegung beschäftigte uns auch bei dm, als im Februar 2023 die generative künstliche Intelligenz „ChatGPT“ Schlagzeilen machte. Was würde KI für uns bedeuten? Würde sie zu einem deutlichen Abbau von Arbeitsplätzen führen oder eine Arbeitsgemeinschaft deutlich leistungsfähiger machen als bisher? Wir entschieden bereits im Juli 2023, eine Version von ChatGPT als dmGPT in Teilbereichen einzuführen und sie dann zügig für das gesamte Unternehmen weitgehend verfügbar zu machen. Denn wir wollten gemeinsam herausfinden, bei welchen Aufgabenstellungen dmGPT uns befähigen könnte, wirkungsvollere und sinnvollere Lösungen zu finden. Statt isoliert in einem kleinen Team festzulegen, was dmGPT bei dm leisten soll, begaben wir uns als Arbeitsgemeinschaft auf eine Lern- und Erfahrungsreise, die mittlerweile zu vielfältigen Anwendungen geführt hat. Diese machen uns heute besser und die Tätigkeiten bei dm spannender, so meine Beobachtung.

„Handlungsfreiheit bedeutet, Dinge aus ihrem Zusammenhang zu lösen und mit einem eigenen Motiv zu verwenden.“

Anfang September vergangenen Jahres wurde ich zum „KI-Gipfel“ der Zeitung „Die Welt“ eingeladen. Auch Sam Altman, die treibende Kraft hinter Open AI und der Anwendung ChatGPT, war dabei. Auf die Frage, ob künstliche Intelligenz und sein Produkt dazu beitragen werden, die Anzahl der Mitarbeiter in Unternehmen zu halbieren, antwortete er mit einer Gegenfrage: Warum nicht die Anzahl der Mitarbeiter verdoppeln und die Leistungsfähigkeit des Unternehmens vervierfachen?

Als ich das hörte, musste ich wieder an meine Schulzeit denken. Denn ob wir das Holz eines Baumes für den Stiel einer Holzfälleraxt verwenden oder für Werkzeuge, um Bäume zu pflegen, können wir Menschen entscheiden. Es liegt in unserer Handlungsfreiheit. Wir müssen sie nur bewusst nutzen.

Herzlichst Ihr
Christoph Werner
Vorsitzender der Geschäftsführung