Zwischen Stadt und Land

Dorfleben mal anders: Hier in Heckenbeck, Niedersachsen, wird Gemeinschaft groß geschrieben. ¹⁾
Kolumne von Christoph Werner
Liebe Leserin, lieber Leser,
sind Sie ein Stadtmensch oder ein Landmensch?
Ich bin als Landmensch ins Leben gestartet und wohne nun schon seit Jahrzehnten in Städten. Als ich geboren wurde, lebten wir in Ettlingenweier, einer dörflichen Struktur südlich von Karlsruhe. Im Ort gab es viele Bauernhöfe mit Feld- und Viehwirtschaft. Wir kannten die Bauern, saßen bei ihnen in der Stube und grüßten die Ferkel in ihren Ställen. Mit großen Augen stand ich in der Hofeinfahrt, wenn die dann ausgewachsenen Schweine nach der Schlachtung an den Hinterläufen hängend ausgenommen wurden und der Rüssel nur Zentimeter über den Pflastersteinen baumelte. Ich erlebte Menschen, die zupackten und Aufgaben oft gemeinsam erledigten. Solche Bilder haben mich geprägt. Sie standen für eine Welt, in der man das Leben in seiner ganzen Unmittelbarkeit erfährt.
An unsere Straße grenzten Maisfelder, durch die wir mit den Nachbarskindern rannten und in denen wir Verstecken spielten. Die Nachmittage waren ausgedehnte Abenteuer und vergingen wie im Fluge. Es waren tolle Jahre, in denen meine ältere Schwester und ich das Leben in Gemeinschaften entdeckten und wir Zusammenhalt als etwas Selbstverständliches erlebten. Mir ist besonders das Erleben von Heimat in Erinnerung geblieben. Ein Gefühl der Verbundenheit mit der Umgebung und der Zugehörigkeit zur dörflichen Gemeinschaft und ihren Festen.
Als ich später in großen Städten lebte, war das anders. Unsere Kinder konnten erst als sie älter waren ohne Begleitung die Stadt erkunden. Wir kannten die Nachbarn im Haus, in der Regel ging es aber nicht sehr weit darüber hinaus. Die Stadt eröffnete eine andere Art von Gemeinschaft: das Kino oder das Konzert an den Abenden, die Museumsbesuche am Wochenende und Menschen aus aller Welt. Es war anonymer, weniger verbindlich. Dafür aber auch ungebundener.
Auch wenn sich das Dorfleben seit den 1970er-Jahren weiterentwickelt hat, weiß ich im Rückblick beides zu schätzen. Vielgestaltigkeit der Lebensentwürfe bedeutet für mich, dass Stadt und Land nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Beide haben ihren Platz: Während sich die einen mehr aufs Land gezogen fühlen, möchten die anderen auf jeden Fall in der Stadt wohnen. Wesentlich ist, dass die Rahmenbedingungen im jeweiligen Umfeld für die Menschen gut sind und die Betroffenen an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Deshalb bin ich ein überzeugter Anhänger des Subsidiaritätsprinzips: Was die kleinere Einheit selbst leisten kann, soll nicht von der größeren Einheit übernommen werden. Es ist ein Prinzip, welches auf die Eigenverantwortung und Vernunft des Einzelnen setzt und am Ende zu Ergebnissen führt, die von der überwiegenden Zahl an Menschen auch akzeptiert werden. Wird dagegen verstoßen, entstehen Unmut und Widerstand als Ausdruck der Betroffenen, die sich nicht gehört fühlen.
Das Prinzip der Subsidiarität halten wir auch bei dm hoch, indem wir viele Entscheidungen so weit wie möglich dezentralisieren und bei den Menschen vor Ort belassen. Für filialisierte Einzelhandelsunternehmen mag das zwar ungewöhnlich sein. Ich halte es aber für einen der wesentlichen Gründe, warum wir weiterhin so viel Kundenzuspruch in unseren dm-Märkten erfahren dürfen.
Herzlichst Ihr
Christoph Werner
Vorsitzender der Geschäftsführung