Begegnungsorte für Jugendliche
Sport ist eine Möglichkeit, überschüssige Energie abzubauen statt sie negativ auszuleben. ¹⁾
Kolumne von Eckart von Hirschhausen
Liebe alverde–Lesende,
„die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“. Erinnern Sie sich, wer das gesagt hat? Auf alle Fälle kommt es einem sehr bekannt vor. Die Beschwerde, dass die Jugend früher besser war, ist so alt wie unsere Schriftkultur: Das Zitat auf einer Tontafel wird auf etwa 3000 vor Christus datiert. Die gleichen Sprüche gibt es von Sokrates, Aristoteles und von meinem Großvater. Wow – da kommt einem die eigene Erkenntnis, dass die eigene Jugend die letzte anständige Generation war, nicht mehr ganz so originell vor.
In dieser alverde–Ausgabe geht es um Jugendclubs als Orte der Zukunft. Meine Perspektive ist seit sieben Jahren geprägt durch die Arbeit meiner Stiftung „Gesunde Erde - Gesunde Menschen“. Und die gäbe es wahrscheinlich nicht, hätten Jugendliche 2018 sich nicht erwachsener verhalten als die Erwachsenen. Jugendliche haben mit „Fridays for future“ die Mitte der Gesellschaft daran erinnert, dass der Schutz unserer Lebensgrundlagen dringlich ist und die Lösung dieser Menschheitsaufgabe nicht zulasten der nächsten Generation weiter aufgeschoben werden darf. Das hat dann sogar unsere höchste demokratische Instanz, das Bundesverfassungsgericht, bestätigt.
Dieser Mut der Verzweiflung hat viele wachgerüttelt, unter anderem auch mich. Viel von dem konstruktiven Schwung ging dann leider durch die Coronazeit verloren, in der mit den Schulschließungen wieder viel gesellschaftliche Last auf Kinder und Jugendliche abgewälzt wurde. Weil in dieser Zeit genau das Entscheidende nicht möglich war: einfach nur mal mit den „Peers“ abhängen. Denn klar sind in dieser Lebensphase die Gleichaltrigen so viel spannender als die Gestrigen oder Altvorderen. Es fehlte an Treffpunkten in der analogen Welt. Umso mehr Zeit verbrachten viele online, was weder der körperlichen noch der seelischen Gesundheit guttat. Und weil ich mir vorgenommen habe, in dieser Kolumne dieses Jahr viel über gute Lösungen und Ideen zu schreiben, drei Erkenntnisse:
Das Schlimmste, was man als Boomer der Jugend vorzuwerfen hat, ist doch, dass man selbst nicht mehr dazugehört. Da kann man sehr lange Kapuzenpulli und Turnschuhe, sprich Hoodie und Sneaker, tragen – es macht Dich nicht jünger. Es ist Privileg und Aufgabe jeder neuen Altersgruppe, zwischen 13 und 18 anders zu sein als die davor und Dinge infrage zu stellen. Damit Gesellschaften sich entwickeln, braucht es sowohl die Konservativen, sprich die Bewahrer dessen, was sich als brauchbar, sinnvoll und verlässlich erwiesen hat. Und es braucht die Disruptiven, die fordern und herausfordern, indem sie den Status quo nicht als Naturgesetz begreifen, sondern als das, was er ist: ein menschengemachter Status, der veränderbar ist.
Was ist das Gegengift gegen die Übermacht des Digitalen? Analoge Orte, an denen sich junge Menschen treffen können. Jugendzentren statt Einkaufszentren. Wir brauchen „dritte Orte“! Damit gemeint sind Orte, die neben dem Zuhause und der Schule beziehungsweise der Ausbildungs- und Arbeitsstätte existieren. Orte, die Freiräume eröffnen, wie Jugendzentren, Bibliotheken, Gemeindehäuser. Orte, an denen man so, wie man ist, Mensch sein kann – ohne etwas kaufen zu müssen. Denn Menschen sind mehr als Verbraucher, User oder Gamer.
Drittens: Wie werden Jugendliche „aufgeschlossen“? Indem man Turnhallen aufschließt! Mitten in der Nacht. Ein Beispiel ist der Mitternachtssport in einem Randbezirk von Berlin. Diese Art von Projekten habe ich über meine Mitarbeit in der Deutsche-Fußball-Liga-Stiftung kennengelernt. Sie bietet Jugendlichen die Möglichkeit, am Wochenende in einem geschützten Umfeld Sport zu treiben, so ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten und sich auszupowern, statt ihre Impulsivität auf andere Weise auszuleben – was manchmal schwer wieder aus dem Führungszeugnis zu tilgen ist. Der Mitternachtssport wird von Jugendlichen für Jugendliche organisiert und fördert so Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, Respekt und Regelbewusstsein. Das Ganze von 22 Uhr bis 1 Uhr. Also genau die Zeit, in der Jugendliche erst so richtig wach werden. Ich frag das nächste Mal, wenn ich in der Ecke bin, ob ich mitspielen darf.
Ihr
Eckart von Hirschhausen