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Der Wal, der Mitgefühl weckte

Buckelwal mit ausgebreiteten Flossen schwimmt schräg nach unten durch blaues Wasser, Meeresoberfläche mit Lichtreflexen oben rechts

Majestätisch gleitet der Buckelwal durch die Weiten des Ozeans. ¹⁾

Kolumne von Eckart von Hirschhausen

Liebe alverde-Lesende,

haben Sie auch mit „Timmy“ mitgelitten, dem Wal, der über Wochen unsere Schlagzeilen vor Ostern bestimmte? Und so sehr hätten wir ihm gewünscht, dass er sich freischwimmt, sich erholt, wieder in die Tiefen des Meeres zurückkehrt, dorthin, wo er ja hingehört. Aber alle Wiederbelebungs- und Befreiungsversuche blieben vergeblich. Warum trauerten wir so sehr? Ist doch nur ein Tier. Naja, erstens ist es das größte Tier, das es auf dieser Erde gibt. Und es ist ein Säugetier, also sehr nah mit uns verwandt! Alles Leben stammt aus dem Meer.

Schicksale von Tieren können uns tief bewegen. Ich erinnere mich an Knut, den Eisbären im Berliner Zoo. Und die Älteren mögen sich noch an Tuffi erinnern, die Elefantendame, die aus der Wuppertaler Schwebebahn fiel und auf wundersame Weise überlebte. Nun ist es Timmy, der Wal, der vor der Insel Poel strandete. Viele Menschen haben sich engagiert, ihm zu helfen, es gab eine Welle der Sympathie. Sympathie heißt ja vom Wort her nichts anderes als Mit-Leiden: sym wie gemeinsam und pathos das Leiden. Große Tiere. Große Gefühle. Mit-Gefühle. Es gab Männer, die mit ihren Tränen kämpften. Tränen, die salzig sind, so wie das Meerwasser.

Was mich traurig machte, war zu erfahren, wie viele Meeresbewohner die sogenannten Geisternetze auf dem Gewissen haben, die sich bei der industriellen globalen Jagd nach Fischen lösen, in den Ozeanen herumgeistern und in denen sich wohl auch Timmy verhedderte. Die meisten Wale selbst sind sehr friedliche Wesen und keine Raubtiere, ausgerechnet der größte auf Erden ernährt sich von den kleinsten. Bartenwale haben Hornplatten, mit denen sie sich Plankton herausfiltern. Das Plankton sollte auch in Zukunft bei ihm hängenbleiben – ohne Plastiknetze. Es hängt buchstäblich alles miteinander zusammen. Man kann um einen Wal weinen UND ein Herz haben für alle anderen Lebensformen, Menschen mit eingeschlossen.

„Man kann um einen Wal weinen UND ein Herz haben für alle anderen Lebewesen, Menschen mit eingeschlossen.“

Und übrigens sind Buckelwale echte Klimahelden! Sie haben eine große Bedeutung für unser aller planetare Gesundheit. Das weiß ich von der Frankfurter Expertin für Artenreichtum Frauke Fischer und ihrem Buch „Wal macht Wetter“. Große Wale binden in ihren Körpern bis zu zehn Tonnen Kohlenstoff. Wenn sie eines natürlichen Todes sterben, nehmen sie all diesen Kohlenstoff mit in die Tiefe des Meeres und entziehen ihn der Atmosphäre. Und solange Wale leben, wirken sie wie eine Nährstoffpumpe zwischen den Wasserschichten.

Das Phytoplankton macht wie alle grüne Pflanzen Fotosynthese, baut Biomasse aus Sonnenlicht, verarbeitet dabei Kohlendioxid und setzt Sauerstoff frei – das Ganze im Wasser. Der lebensspendende Sauerstoff in unserer Atmosphäre stammt zur Hälfte aus dem Meer! Wahnsinn, symbolisch jeder zweite Atemzug. Und der Dünger für das Plankton stammt von den Walen. Diese fressen in tieferen Meeresschichten. Weil dort der Druck zu hoch ist, um sich zu entleeren, müssen sie, wenn sie mal müssen, an die Oberfläche. Nicht nur zum Atmen … Dabei hinterlassen sie Stickstoff und Eisen als Futter für das Phytoplankton – und düngen es damit. So werden aus dem, was ein Lebewesen nicht mehr braucht, im Kreislauf der Natur die blühenden Landschaften an der Meeresoberfläche.

Und bei allem Staunen eine Hammerzahl: Die Leistungen, die ein Wal von der Kohlenstoffspeicherung, seiner Funktion für das Plankton und die Fischbestände bis hin zum Tourismus für uns „bringt“, summiert sich auf über zwei Millionen Dollar! Das ist der Reich-tum im Tier-reich – wenn man jenseits der Einzelschicksale unter die Oberfläche des Meeres schaut.

Ihr
Eckart von Hirschhausen