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Zurück ins 
Offline-Leben

Smartphone, Laptop, Videos schauen, posten, mailen – täglich sitzen wir viele Stunden vor einem Bildschirm. ¹⁾

Kolumne von Eckart von Hirschhausen

Liebe alverde Lesende,

es gibt eine Funktion in meinem Smartphone, vor der ich richtig Angst habe: die Nutzungsdauer! Haben Sie den Mut, da regelmäßig zu schauen, wie lange Sie Ihr Mobiltelefon benutzt haben? Oder besser gesagt: das Mobiltelefon SIE genutzt hat? Denn mit Telefonieren haben die wenigsten Stunden zu tun, bei mir jedenfalls. Ich rede mir gerne ein, dass ich das ja hauptsächlich beruflich nutze, also Nutzungszeit auch Arbeitszeit sei.

Wenn ich ehrlich bin, kenne ich die Situation, dass ich nur schnell schauen wollte, ob mein Insta-Post auch auf Facebook und LinkedIn ausgespielt wurde und wie er so „performed“. Und ZACK bin ich in einer Welt, die mit der Realität so wenig zu tun hat, wie ein Stadtplan mit dem, was man vor Ort erlebt.

Ach so Stadtplan – das war mal so was wie ein Navi, nur eben ohne Strom. Man musste ihn auseinanderfalten, und bekam ihn nie mehr in die ursprüngliche Form zurück. Und wenn man mit dem Plan in einer Stadt stand, fragte einen nicht Siri, sondern ein Ortskundiger, wohin man möchte.

Bei „Mobiltelefonen“ ist außer unseren Fingern gar nichts mehr mobil, sprich, in Bewegung. Der Bewegungsradius schränkt sich ein. In meiner Jugend hieß „miteinander spielen“: Wir treffen uns nach dem Mittag zum Kicken auf dem Fußballplatz und irgendwer ist immer da. Heute heißt „miteinander spielen“: Jeder sitzt bei sich im Zimmer und schaut auf einen Monitor.

Manche Sachen sind echt praktischer geworden in digital. Was aber mehr und mehr wissenschaftliche Studien zeigen: Wir zahlen dafür einen hohen Preis! Denn was die digitale Welt mit unseren Hirnen macht: Sie manipuliert unser Belohnungssystem. Diese Staubsauger unserer Aufmerksamkeit sind optimiert, uns ständig mit kleinen Kicks des Botenstoffes Dopamin abhängig zu machen.

Das merkt man in der Sekunde, wenn einen jemand darauf hinweist: „Mensch, leg doch mal das Handy weg.“ Sofort werde ich aggressiv, verteidige mich, und gleichzeitig bin ich auch latent beschämt, weil ich so viel meiner Selbstkontrolle bereits verloren hat. So wie bei Alkohol und anderen Abhängigkeiten auch: Wir rechtfertigen es vor uns, das sei doch alles normal und unter Kontrolle – und wissen eigentlich: Die Kontrolle haben die Geräte übernommen, indem sie uns ständig verlocken.

„Seelisch gesunde Familien brauchen echte Aktivität und handyfreie Lebenszeit.“

Ein weiteres Zeichen: Sobald man die Geräte ausschaltet oder weglegt, kommt das Gefühl von „Fear of missing out“ auf, die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Ein Buch hat ein natürliches Ende. Das ewige „Scrollen“ und Wischen auf Bildschirmen hat kein Ende, immer gibt es ein buntes Bild, ein Video, ein „Bling“, dem wir noch um weitere drei Windungen folgen müssen. Und dieses Labyrinth ist extra so gestaltet, dass es nie befriedigt, keine echten Antworten, keine letzte Seite kennt.

Diese „dark patterns“, die dunklen Muster und Programmiertricks, sind keine Verschwörungstheorie. In dem Dokumentarfilm „Das soziale Dilemma“ sprechen ehemalige Programmierer offen darüber, wie sie die Suchtmechanismen im Hirn genau angefixt haben, weil Aufmerksamkeit das ist, was die Plattformen dann den Werbekunden verkaufen. Knallharte Profitinteressen – es geht nicht darum, Menschen in Kontakt miteinander zu bringen. Sondern in Kontakt mit Kaufentscheidungen.

Wenn irgendetwas „umsonst“ ist, zahlen wir mit dem kostbarsten, was wir haben: unserer Lebenszeit, Aufmerksamkeit, und mit all den Daten über uns, die uns genauer kennen als jeder echte Mensch in unserer Umgebung.

Als ehemaliger Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie weiß ich, wie grenzenloser Medienkonsum Kinder und Eltern unglücklicher macht. Für körperlich und seelisch gesunde Familien braucht es echte Aktivität, echte Gespräche und handyfreie Lebenszeit. Und wenn Sie bis hierhin gelesen haben: Glückwunsch. Challenge bestanden! Sie sind etwas Besonderes und haben sich eine Belohnung verdient! In der echten Welt.

Ihr
Eckart von Hirschhausen