Mein Tor zur Welt
„Meine drei Kinder sind mein Lebensmotor.“ – Yvonne Weindel © Gert Mothes
Interview mit Autorin Yvonne Weindel
Yvonne Weindel ist Autorin und schreibt mit den Augen. Aufgrund einer schweren Erkrankung ist das die einzige Form, sich mitzuteilen. Hier erzählt sie von der besonderen Beziehung zu ihrem Bildschirm.
Wie Sudoku für die Augen
Als ich vor zehn Jahren die erste Bekanntschaft mit dem augengesteuerten Bildschirm machte, war es mühsam. Die Augen müssen einem Punkt nachjagen, der sich zickzackförmig über das Display bewegt. Kalibrieren nennt sich dieser Vorgang und dient dazu, dass eine spezielle Kamera am Bildschirm die Bewegung der Augen vermisst und speichert. Dann starre ich auf eine Tastatur, die sich am Bildschirm öffnet, und muss den jeweiligen Buchstaben so lange fixieren, bis sich ein kleiner roter Kreis über dem Zeichen schließt. So geht das Buchstabe für Buchstabe.
Ein falscher Augenaufschlag und alles ist weg, gelöscht. Es ist ein Geduldsspiel mit vielen Misserfolgen und vielen Missverständnissen, schlimmen Missverständnissen. Die geschriebene Sprache kann so hart klingen, es gibt keinen Platz für leise Nuancen, sei es Ironie oder Spaß. Meine Wort- und Satzfetzen, die ich auf dem Bildschirm fabriziere, liest dann eine emotionslose Computerstimme vor, was alles noch schlimmer macht. Ich schäme mich, entschuldige mich, heule vor Wut. Aber was tun, wenn man keine Stimme mehr hat und der Körper gelähmt ist? Der augengesteuerte Computer ist meine letzte Chance zu kommunizieren, und es lohnt sich immer und immer wieder, trotz aller Mühen. Er ist mein Tor zu Welt.
Ursprünglich wurden diese Eye-Tracking-Systeme für militärische Zwecke entwickelt, zum Beispiel für Situationen im Cockpit, wo kommuniziert werden muss, aber die Hände anderweitig gebraucht werden. Erst 2002 fand der Sprachcomputer seinen Weg in die Hilfsmittelversorgung und ermöglicht seitdem mehr Inklusion.
Im Alltag erlebe ich die Ungeduld meiner Mitmenschen: das Warten, bis Wörter und Sätze mit den Augen geschrieben sind. Es braucht Zeit, die nicht jeder hat. Fremde behandeln mich häufig, als sei ich geistig behindert oder zumindest schwerhörig. Auf den ersten Blick bin ich eine Frau, die nicht spricht, starr und regungslos im Bett liegt. Ich kann diese Fehleinschätzung niemandem verübeln. Wie wunderbar ist es, mein Gegenüber dann mit dem Sprachcomputer zu überraschen; alle zu verblüffen und aufzuklären, dass ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) eine Krankheit ist, die den gesamten Körper lahmlegt, nicht aber das Gehirn.
Die Mimik in meinem Gesicht scheint eingefroren, meine Arme hängen schlaff wie die einer Marionette, meine Beine zucken nur noch. Ich bin beatmet, da die Lungenmuskulatur im Verlauf der Krankheit versagt. Essen und Trinken geht nur über eine Magensonde. Aber meine Augen sind wach und schnell und mein Gehirn funktioniert wie immer.
Kein Smalltalk mehr
„Das ist meine Mutter mit ihrem fancy Computer“, so stellt mich meine 16-jährige Tochter ihren Freunden vor. Und die interessieren sich tatsächlich für den wuchtigen, altmodischen PC vor meiner Nase. Jeder will probieren und stellt fest: Wer mit den Augen schreibt, muss sich auf das Wesentliche beschränken. Smalltalk gibt es bei mir nicht. Kommunikation aber ist essenziell und allgemeingültig für alle Menschen. Egal, wie! Wer sich äußert, wird auch ernst genommen. Es gibt nur eine kleine Ausnahme: mein Assistenzhund Muffin. Er kann die Computerstimme nicht zuordnen, sucht verwirrt in alle Richtungen und döst dann weiter. Zum Glück spürt er auch ohne Stimme und Bildschirm, wie es mir geht, und das ist sehr beruhigend, falls mal der Strom ausfällt.