Unsichtbare Jugend
Wenn Stimmen von Kindern und Jugendlichen gehört werden, entsteht eine lebendige Demokratie. ÂčâŸ
Interview mit Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach
Etwa acht Millionen Menschen im Alter von 12 bis 18 Jahren leben in Deutschland. Obwohl Jugendliche damit einen groĂen Teil der Bevölkerung ausmachen, sind sie in vielen Bereichen rechtlich und politisch unterreprĂ€sentiert.
Das Smartphone vibriert. Nini hat ein neues Reel auf Instagram gepostet: âWarum nicht wĂ€hlen keine Option ist.â Die 29-jĂ€hrige Influencerin erklĂ€rt Politik einfach und humorvoll. Ihr Instagram-Kanal @nini_erklaert_politik erreicht vor allem junge Menschen. Auch Mia, 17, fĂŒhlt sich zum ersten Mal wirklich angesprochen. âJetzt versteh ich, was das mit mir zu tun hatâ, sagt sie. Sie engagiert sich im Jugendbeirat ihrer Stadt â ihre Stimme zĂ€hlt. Ein bisschen.
ZahlenmĂ€Ăig ist ihre Generation im Nachteil: Kinder und Jugendliche machen aktuell zehn Prozent unserer Gesellschaft aus. Mit einem Anteil von 23 Prozent der Ă65-JĂ€hrigen liegt es nahe, dass viele politische Entscheidungen einen stĂ€rkeren Fokus auf die BedĂŒrfnisse der Ă€lteren MitbĂŒrger legen. TatsĂ€chlich haben Kinder und Jugendliche heute mehr Mitspracherecht als frĂŒher, aber oft flieĂt dieses Mitspracherecht nicht direkt in politische Entscheidungen ein.
Schule als Lernort fĂŒr demokratische Mitbestimmung
In den sogenannten Fröbel-Kitas dĂŒrfen Kinder aktiv ĂŒber den Alltag in ihrer Einrichtung mitbestimmen. Sie lernen dabei frĂŒh, ihre Interessen zu formulieren, und erleben, dass ihre Stimme zĂ€hlt. Schulen fördern zunehmend die Mitbestimmung und Eigenverantwortung der SchĂŒler: durch SchĂŒlervertretungen, demokratische Entscheidungsstrukturen, partizipative Unterrichtsformen.
In Jena, Freiburg, Hamburg und Nottuln entwickeln SchĂŒler im Rahmen des Projekts âaulaâ Ideen, diskutieren diese und schlagen sie dann der Schulleitung vor. âDas ist gut soâ, meint Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH MĂŒnster. âDort, wo Kinder einen wichtigen Teil ihres Lebens verbringen, sollen sie lernen, dass sie mit Engagement und Verantwortung den Lebensraum Schule gestalten und verĂ€ndern können. Das beginnt bei kleinen Dingen wie der Raumgestaltung und reicht bis zur Mitbestimmung ĂŒber Lernformen.â Doch am Schulzaun endet die politische Macht.
Mehr Einfluss fĂŒr Kinder- und Jugendparlamente
Politische Mitbestimmungsrechte â wie Wahlrecht und die Möglichkeit, in parlamentarischen oder kommunalen Wahlen zu kandidieren â sind an eine Mindestaltergrenze gebunden. In Deutschland dĂŒrfen Jugendliche erst mit 18 Jahren wĂ€hlen. Sebastian Kurtenbach plĂ€diert dafĂŒr, das Wahlalter auf 16 zu senken: Angesichts des demografischen Wandels sei es wichtig, dass junge Menschen frĂŒh mitbestimmen können, damit ihre Interessen vertreten sind. âBei der Verabschiedung von politischen Programmen oder gesetzlichen Regelungen, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betreffen, sollten sie eine Möglichkeit haben, sich in den Entscheidungsprozess einzubringenâ, erklĂ€rt der Politikwissenschaftler.
Viele Jugendliche haben das GefĂŒhl, dass ihre Forderungen von der Politik oft zu langsam oder gar nicht umgesetzt werden. Jugendparlamente oder -foren in StĂ€dten wie MĂŒnchen, Leipzig oder Bremen sollen daran etwas Ă€ndern. Auf Landesebene gibt es in Nordrhein-Westfalen einen Jugendrat, Rheinland-Pfalz hat solche im âZukunftsvertragâ vorgesehen. Hier werden mögliche LösungsvorschlĂ€ge als AntrĂ€ge den Politikern vorgelegt, manchmal verfĂŒgt das junge Parlament sogar ĂŒber einen eigenen Etat.
Meist jedoch hat der Jugendrat beratende Funktion und keinen direkten Einfluss auf Gesetzgebungsprozesse. Sebastian Kurtenbach schlieĂt sich dem Vorschlag von Rechtswissenschaftlerin Prof. Dr. Henrike von Scheliha an: ZukunftsrĂ€te aus Gruppen junger Menschen zwischen 10 und 35 Jahren. âDiese RĂ€te begleiten die Parlamente auf allen Ebenenâ, erklĂ€rt er. âSie sollen Gesetze und HaushaltsplĂ€ne auf Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit prĂŒfen und ihre EinschĂ€tzungen öffentlich einbringen.â
Unser Experte
Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach Professor fĂŒr Politikwissenschaft, Schwerpunkt Sozialpolitik.
In seiner Forschung beschĂ€ftigt er sich mit sozialer Ungleichheit, Teilhabechancen und Strukturen politischer Mitbestimmung. Ein Fokus liegt auf der Frage, wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen das Leben junger Menschen prĂ€gen und welche Wege es gibt, ihre Beteiligung zu stĂ€rken. Mehr dazu im Buch âKinder â Minderheit ohne Schutzâ (mit Aladin El-Mafaalani und Klaus Peter Strohmeier).