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Vergangenheit trifft Vision

Nirit Sommerfeld möchte die Welt ein bisschen besser und menschlicher machen. © Jens Heilmann

Im Interview mit Nirit Sommerfeld

Die deutsch-israelische Künstlerin Nirit Sommerfeld ist mit über 60 von Süddeutschland nach Chemnitz umgesiedelt. Sie will dort zusammenbringen, was für sie zusammengehört: Kultur, Erinnern und Menschen, die die Welt gleich vor ihrer eigenen Tür etwas besser machen wollen.

Ihren ersten Streik organisierte sie schon als Schülerin an einem bayerischen Gymnasium, „weil die Brezen so teuer waren“. Es folgten viele Friedensdemos, ein großes Engagement gegen den Hunger in der Welt, für Menschenrechte, Frieden und Versöhnung im Nahen Osten. „Gerechtigkeit ist eben mein Thema“, sagt Nirit Sommerfeld und lacht. Aber es ist nicht der einzige rote Faden in der bewegten Biografie der 64-Jährigen.  

Da wären noch das Theater, die Musik, das Schreiben und eine besondere, sehr deutsche, Familiengeschichte. Zusammengenommen ergeben sie die Antwort auf die Frage, die die Mutter zweier Töchter seit ihrem Umzug von Süddeutschland schon häufig gehört hat: Warum wagt man mit über 60 noch einmal den Neustart in einer fremden Stadt? 

Generationen und Kontinente 

„Hier in Chemnitz, am ehemaligen Antonplatz, hatte mein Großvater Julius sein Wohn- und Geschäftshaus. Er war Tuchhändler“, erzählt Nirit Sommerfeld. Und auch, dass ihr Großvater, bevor er enteignet, deportiert und im KZ Sachsenhausen ermordet wurde, noch einige Familienmitglieder, darunter seinen einzigen Sohn Rolf, nach Palästina bringen konnte. Dort heiratet Rolf Ahuva, die aus einer Familie mit marokkanischen Wurzeln stammt. Ihre Tochter Nirit wird 1961 in Eilat geboren.  

Ihre Eltern arbeiten als Hoteliers, und sie verbringt ihre Kindheit erst in Ostafrika und dann im oberbayerischen Ebersberg. Nirit Sommerfeld sagt, es sei ihr immer leichtgefallen, Freundschaften zu schließen. Trotzdem sei sie oft auch „die Ausländerin“ gewesen. „Nicht mal im negativen Sinne. Im Gegenteil: durchaus wohlwollend. Aber bisweilen war der Umgang mit mir als Jüdin eben auch ein wenig verdruckst.“ 

„Ich möchte einen Ort schaffen, an dem Menschen erfahren: Egal aus welchen Gründen ausgegrenzt wurde und wird – hier passiert das nicht mehr.“

Zwischen Musik und Literatur 

Nirit Sommerfeld studiert am Mozarteum in Salzburg, wird Mutter, ist vielbeschäftigte Künstlerin auf der Bühne und vor der Kamera. Spielt mit dem „Orchester Shlomo Geistreich“, mit dem sie bis heute auftritt, Klezmermusik, versetzt mit Pop, Jazz und Rap. Textet immer auch entlang ihrer eigenen Lebenserfahrungen als Jüdin in Deutschland und kurzzeitige Rückkehrerin in Israel. Und engagiert sich weiterhin politisch. 

Als bekannt gegeben wird, dass Chemnitz europäische Kulturhauptstadt wird, hat sie gerade ihren ersten Roman „Beduinenmilch“ fertiggestellt. Sie fängt an, sich noch einmal neu mit der Stadt, mit ihrer Familiengeschichte zu befassen. Sie will nun selbst etwas beitragen. Auf den 220 Quadratmetern, auf denen einst das Haus ihres Großvaters stand und nun Sträucher und Bäume wuchern, soll ein Erinnerungsprojekt entstehen.  

„Ein Ort der Begegnungen, ein Ort des Denkens, des Bessermachens, damit Diskriminierung und Entmenschlichung nie wieder passieren – mit niemandem. Ein kleines Kulturzentrum für Konzerte, Performances, Lesungen.“ Dafür zieht sie nach Chemnitz und kommt – typisch für sie – gleich ins Machen. Etwa, als sie mit Schülerinnen den zukünftigen Begegnungsort verschönert. Sie ist begeistert, wie groß das Engagement für Vielfalt ist und das Interesse an Kultur. „Ich kann heute wirklich nur Werbung für diese coole Stadt und ihre Menschen machen.“ 

Das Gastronomie-Gen 

Vor einem Jahr hat sie auch das Café im Chemnitzer Archäologiemuseum übernommen und es „Julius im Schocken“ genannt. Nach ihrem Großvater und nach dem jüdischen Kaufhaus, das einst in dem Gebäude war. Hier kommt ein weiterer roter Lebensfaden zum Tragen: „Als Kind von Hoteliers liebe ich die Gastronomie und koche und backe leidenschaftlich gern.“ Sie hält mit Familienrezepten, auch aus dem Kochbuch, das ihre Mutter für sie schrieb, die Erinnerung lebendig. Unterstützt wird sie bei ihrer Arbeit im Café „von einer Kurdin, einer Palästinenserin, einem Syrer, einem Ägypter und einigen Chemnitzerinnen“, zählt Nirit Sommerfeld auf. 

Das Café, die Musik, die Schauspielerei, die Erinnerungskultur, das Schreiben – manchmal sei es schwer, das alles in einem Leben unterzubringen, sagt Nirit Sommerfeld. Aber am Ende ist es so: Wenn jemand all die Fäden zu einem stabilen Netz verweben kann, das ganz viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft trägt, dann sie.