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Festliche Grenzgänger

Rituale wie Jugendweihe oder Kommunion begleiten junge Menschen an wichtigen Schwellen. ¹⁾

Im Interview mit drei Experten zu kulturellen Fixsternen

Immer früher verlassen junge Menschen die Kindheit und kommen doch immer später im Erwachsenenleben an. Wichtige Wegmarken in der Dazwischen-Zeit sind traditionell Konfirmation, Jugendweihe oder die Schulabschlussfeier. Doch was verändern sie heute tatsächlich? alverde geht alten und neuen Übergangsritualen nach.

Wenn Jugendliche in diesen Wochen nicht nur nach Sneakern oder Jeans Ausschau halten, sondern Anzüge und Kleider für besondere Anlässe anprobieren, steht ein Fest bevor. Konfirmation, Firmung oder Jugendweihe sind zwar kein gesellschaftliches Muss mehr, doch für viele Familien nach wie vor Fixpunkte. „Solche Rituale sind uralte kulturelle Muster“, sagt Prof. Dr. Thorsten Fuchs, Erziehungswissenschaftler an der Universität Koblenz. 

„Sie symbolisieren einen Übergang, auch wenn dieser heute kaum noch mit einer tatsächlichen Veränderung verbunden ist.“ Früher, erklärt er, markierte das Ritual einen klaren Einschnitt: Jugendliche wurden in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen, mit Rechten und Pflichten. Heute dagegen bleibe das Leben nach der Feier meist unverändert – die Schule geht weiter, das Taschengeld kommt vom Konto der Eltern.

Und doch: Sinn ergeben solche Feiern nach Thorsten Fuchs nicht allein für die Jugendlichen. „Die Übergangsrituale sind auch für die Gesellschaft bedeutsam. Sie verbinden Generationen, sie stiften Kontinuität.“ Seine Analysen der Reden bei Jugendweihen zeigen: Für viele Eltern ist der Moment mindestens so wichtig wie für die Jugendlichen selbst – als symbolische Bestätigung, dass das Kind auf dem Weg ins Erwachsensein ist. „Solche Rituale loten das Verhältnis der Generationen neu aus und geben den Erwachsenen das Gefühl, dass der Übergang gelingt.“

Schulabschluss: ein Ritual für alle

Während sich für Konfirmation, Firmung oder Jugendweihe nur ein Teil der Jugendlichen entscheidet, hat sich der Schulabschluss als neues Großritual etabliert. Für Thorsten Fuchs sind die Feiern mit Musik, Reden und Zeugnisübergabe „hochgradig symbolisch aufgeladen“. Besonders das Abitur hat sich in den letzten Jahren zu einem gesellschaftlichen Ereignis entwickelt. Mottowoche, Ballkleid, vielleicht noch eine gemeinsame Reise – der Übergang wird in Szene gesetzt. Die Jugendlichen zeigen der Welt damit: „Wir haben was geschafft.“ Der zur Schau getragene Stolz, gehört dazu, sagt Thorsten Fuchs. Zu viel Spektakel ließe die Besinnung auf den bitter-süßen Moment des Übergangs allerdings in den Hintergrund treten.

Wie tief das Bedürfnis nach einem bewussten Übergang sitzt, zeigt sich in allen Kulturen. Bei indigenen Völkern sind Initiationsrituale bis heute lebendig, doch auch hierzulande haben sie Spuren in vertrauten Geschichten hinterlassen. „Märchen wie der Froschkönig oder die Goldene Gans erzählen im Kern davon, dass Menschen sich absondern, sich bewähren müssen und verwandelt zurückkehren“, sagt der Wildnispädagoge Lars Büßen. Gemeinsam mit seiner Frau Annika bietet er für die Wildnisschule „Wildniswissen“ Initiationscamps für Jugendliche an, die an archaische Formen anknüpfen – übersetzt in die Gegenwart.

Knapp 130.000 Jugendliche ließen sich 2023 konfirmieren.²

Bewährung im Wald

In einem Wald bei Mölln verbringen 14- bis 16-Jährige zwei Tage und Nächte auf wenigen Quadratmetern allein ohne Handy, ohne Essen, ohne Ablenkung. „Wir trauen Jugendlichen oft zu wenig zu“, sagt Annika Büßen, Wildnispädagogin und dreifache Mutter. „Sie sehnen sich nach echten Erfahrungen, nach Momenten, die ihnen zeigen, was in ihnen steckt.“ Vor dem Alleinsein steht eine gemeinsame Vorbereitung: Zelte aufbauen, einen Ort wählen, der sich „richtig“ anfühlt. Nach der Rückkehr erzählen die Jugendlichen ihre Erlebnisse im Kreis. 

Eltern und Kinder zerschneiden ein Band als Symbol des Abnabelns. Dafür überreichen die Jugendlichen ihren Eltern einen Stein oder ein anderes Geschenk aus der Natur, um zu zeigen, dass ihre Verbindung auf einer neuen Ebene bestehen bleibt. „Es ist für beide Seiten ein feierlicher und bewegender Moment“, sagt Annika Büßen. Und was passiert danach? Die Jugendlichen überlegen sich schon im Camp einen Schritt, der sie im Alltag stärker in die Verantwortung nimmt. „Das kann etwas so Einfaches sein, wie sich sein Frühstück selbst zu machen“, so Annika Büßen.

Von Battles und Online-Challenges

Neben den großen, feierlichen Momenten gibt es Übergänge, die Jugendliche untereinander gestalten. Ein typisches Beispiel für solche Mikrorituale sind für Thorsten Fuchs Breakdance-Battles. Die Jugendlichen handeln in einer Art Wettbewerb vor Publikum Zugehörigkeit und Status aus. Auch Online-Challenges greifen dieses Muster auf – mit einem entscheidenden Unterschied. „Sie haben keine soziale Tiefe“, so Thorsten Fuchs. „Das Publikum ist anonym, die Erfahrung oft flüchtig, weil in ein paar Monaten die nächste Challenge gehypt wird. Es fehlt das Gegenüber, das die Veränderung bezeugt.“ Dennoch zeigen diese Formate, wie stark der jugendliche Drang ist, ins Risiko zu gehen und sich zu beweisen.

In den Camps von Annika und Lars Büßen findet dieses Bedürfnis einen Rahmen. „Unsere Rituale schaffen reale, nicht inszenierte Grenzerfahrungen“, sagt Lars Büßen. „Die Jugendlichen spüren Dunkelheit, Alleinsein, Hunger – und erfahren, dass sie das aushalten können.“ 

Selbstverständlich gibt es eine Notfall-Kommunikation und einen Evakuierungsplan bei Gefahren. Für Thorsten Fuchs ist das Angebot einer Initiation in der Natur Randerscheinung einer zunehmend pluralen Ritualkultur. „Wir leben in einer Zeit, in der Rituale vielfältig, aber nicht mehr verbindlich sind.“ Lars Büßen hingegen wünscht sich, dass sich mehr Jugendliche und auch Erwachsene auf Visionssuche im Wald machen. „Ich würde auch manchen älteren Herren ein Übergangsritual wünschen – damit sie nicht mit Anfang sechzig noch Berufsjugendliche sind.“

Unsere Experten

  1. Prof. Dr. Thorsten Fuchs Erziehungswissenschaftler

    Im Rahmen seiner Professur in der Universität Koblenz für Allgemeine Erziehungswissenschaft beschäftigt er sich mit grundlegenden Fragen des Aufwachsens, der Bildung und der Sozialisation. Dabei hat er auch Rituale im Blick. Er betrachtet sie als kulturelle Werkzeuge, mit denen Gesellschaften Übergänge strukturieren und Sinn stiften.

  2. Lars Büßen Wildnispädagoge

    Der gelernte Gärtner liebt den Wald und das Meer. Er beschäftigt sich seit Langem mit naturverbundener Spiritualität und der Frage, wie Rituale Menschen helfen können, wieder Halt in sich und der Natur zu finden.

  3. Annika Büßen Wildnispädagogin

    Sie leitete neun Jahre lang eine Waldkindergartengruppe und begleitet heute Jugendliche und Erwachsene in Naturcamps und Initiationsprojekten. Ihre Erfahrungen aus Südafrika, Namibia und aus der nordamerikanischen Lakota-Kultur haben ihren Blick auf Natur und Gemeinschaft geprägt.

Ende der Auflistung

105.000 Jugendliche ließen sich 2024 firmen.³

Mein Weg – mein Ritual

Drei Jugendliche erzählen von Festen und Proben, die das Erwachsenwerden feiern.

Lotta Cleve, 18 Jahre

Visionssuche

Als ich von dem Initiationsritual im Naturcamp hörte, war für mich sofort klar, dass ich das machen möchte. Ich wollte einen bewussten Schritt in mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gehen und erleben, wie es ist, 50 Stunden wirklich allein mit mir und dem Wald zu sein. Es war nicht alles angenehm: In mir kamen Emotionen und Selbstzweifel hoch. Aber irgendwann wurde ich ruhig. Ich konnte mich einlassen und vergaß die Zeit. Besonders der Moment der Rückkehr hat mich tief bewegt: im Kreis zu sitzen, die eigenen Erlebnisse zu teilen und von den anderen gespiegelt zu bekommen. Seitdem habe ich mehr Vertrauen in mich und spüre, dass ich für mein Leben verantwortlich bin.

Enna Kepenek, 14 Jahre

Konfirmation

In meinem Umfeld ist die Konfirmation gängig – Freunde, Klassenkameraden und meine Schwester wurden konfirmiert. Für mich habe ich aber trotzdem eine bewusste Entscheidung getroffen: Ich wollte meinen Glauben besser kennenlernen. Im Unterricht haben wir über Bibelstellen gesprochen, aber auch über Themen wie Armut oder Umwelt. Es ging darum, was der Glaube mit unserem Leben zu tun hat. Das Schönste war, dass man in dieser Zeit Teil einer Gemeinschaft wurde. Am Tag der Konfirmation habe ich gespürt, dass ich dazugehöre – nicht, weil ich jetzt „erwachsen“ bin, sondern weil ich meinen Platz gefunden habe. Seitdem helfe ich als Teamerin bei Konfirmanden-Freizeiten und Treffen mit. So bleibt die Verbindung lebendig.

Paul Gröning, 16 Jahre

Jugendweihe

In der achten Klasse merkte ich, dass das Erwachsenenleben praktisch vor der Tür steht: Schulabschluss, Berufswahl und irgendwann von zu Hause ausziehen. Zur Jugendweihe sind schon meine Eltern gegangen und fast der ganze Schuljahrgang hat sich dafür entschieden. Für mich war sie richtig, weil ich den Schritt ins Erwachsenwerden feiern wollte und mir die Vorbereitung geholfen hat, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Die Feier war eine große Sache und ich war megaaufgeregt. Besonders bewegend fand ich, dass von jedem auch Fotos als Baby, Schulanfänger und als heutiger Jugendlicher gezeigt wurden – krass, was alles schon hinter und noch vor uns liegt. Ich habe mit dem Jugendweihe-Verein in Erfurt Reisen gemacht und Workshops besucht. Alles in allem hat es mir so gut gefallen, dass ich momentan hier mein Freiwilliges Soziales Jahr mache.