Zwischen Kaffeekränzchen & Sozialmission
Gute Laune herrscht immer im Café Vollpension in Wien. © Mark Glassner
Nützliches Ehrenamt für
Seniorinnen und Senioren
Das „Café Vollpension“ in Wien feiert Omas Backkunst und schafft einen Begegnungsraum für Jung und Alt. Und hat nebenbei noch ein probates Rezept gegen Altersarmut entwickelt.
Draußen an der Schleifmühlgasse, keine zwei Minuten zu Fuß vom Wiener Naschmarkt entfernt, hat sich eine kleine Schlange gebildet. Es ist nicht nur der Nieselregen, der die Leute ins Innere der „Vollpension“ treibt, sondern Johannes’ Apfelstrudel, Marlieses Mohntorte oder Annegrets Buchteln. Und vor allem diese besondere Atmosphäre. Zwischen Häkeldeckchen, Tütenlampen und Plüschsofas servieren Seniorinnen und Senioren ihren selbst gebackenen Kuchen – unterstützt von jungen Kollegen.
Omas im Unruhestand
Während Marliese (70) die verschiedenen Kuchenstücke am Tresen appetitlich anordnet, holt Johannes gerade seinen Apfelstrudel mit dem hauchfeinen Strudelteig aus einem der neonfarben leuchtenden Backöfen, die an der Stirnseite des langgestreckten Souterrainraums hängen. Der 73-Jährige war früher Koch. Zum Reden hat er gerade keine Zeit.
Aber Doris bindet kurz ihre weiße Schürze mit „Vollpension“-Schriftzug ab, setzt sich an einen der zusammengewürfelten Tische und bittet eine gerade vorbeieilende Kollegin um eine Tasse Kaffee. Dann beginnt sie zu erzählen: Die 72-Jährige hat eine bunte Vergangenheit hinter sich, arbeitete unter anderem als Lehrerin, lebte lange in Australien. Als sie nach Wien zurückkam, war sie Pensionärin, hockte alleine in ihrer kleinen Wohnung. Dann hörte sie von der „Vollpension“ und bewarb sich auf eine der Stellen: „Hier triffst du jeden Tag auf freundliche Leute, hast gute Gespräche, machst etwas Sinnvolles mit deiner Zeit.“ Und als „geringfügig Beschäftigte“ verdient man sich auch noch etwas hinzu.
Auslöser war ein staubtrockener Kuchen in einem Wiener Caféhaus, der Moriz Piffl-Percevic und Mike Lanner keinen Spaß machte. Von ihren Großmüttern waren die beiden Sozialunternehmer Besseres gewöhnt. „Das war der Moment, als uns die Idee mit der ‚Vollpension‘ kam,“ erinnert sich Moriz Piffl-Percevic.
Im September 2012 eröffnen sie für eine Woche die erste „Pop-up-Vollpension“ – ohne Genehmigungen und ohne großen Plan: „Aber die Premiere übertraf alle unsere Erwartungen,“ so Moriz Piffl-Percevic.
Eine Jobanzeige in einer großen österreichischen Tageszeitung bringt immer mehr Senioren und Seniorinnen dazu, sich zu melden. In vielen persönlichen Gesprächen wird schnell klar – es gibt neben dem Spaß am Backen noch eine weitere Motivation, an der Idee mitzuwirken: Manche Ruheständler kommen mit ihrer Pension nur knapp über die Runden. Laut Statistik Austria sind rund 15 Prozent der über 65-Jährigen in Österreich armutsgefährdet, vor allem Frauen. (In Deutschland sind es fast 20 Prozent.) In der „Vollpension“ bessern die alten Menschen mit fünf bis zehn Stunden Wochenarbeitszeit ihr Budget auf.
Eine Idee zieht Kreise
Während der Coronapandemie muss das Café schließen, dafür eröffnet ein digitaler Backkurs, in dem Oldies ihre Tortengeheimnisse lüften. Heute ist aus dem ehemaligen Pop-up-Projekt ein etabliertes Sozialunternehmen geworden. Zurzeit gibt es in der „Vollpension“ in der Schleifmühlgasse und in einem weiteren Café in Wien insgesamt rund 100 Mitarbeiter, fast gleichmäßig auf Team Oldie und Team Jungspund verteilt.
In Graz und Salzburg ist die „Vollpension“ auf der Suche nach Crowdinvestoren gegangen. Mit einer Franchise-Idee soll das Generationen-Café, in dem schon so manche Freundschaft zwischen Oma und Junior entstand, weitere Kreise ziehen. Das Leitungsteam der „Vollpension“ ist sich sicher: Das Konzept müsste auch in anderen Städten wie Hefeteig aufgehen.
Wo es in Hamburg nach Oma schmeckt
Königsberger Klopse, Hühnerfrikassee, Labskaus – im Oma Liebe Lunch Club kochen Senioren in Hamburg von mittwochs bis freitags einen Mittagstisch nach Oma-Art. Dafür tauchen sie in Pop-up-Manier in verschiedenen Restaurants auf und entern dort die Küche. Kleiner Nebeneffekt: Alte Rezepte werden ausgetauscht und ein kulinarisches Erbe bewahrt.
Mehr unter: @omaliebe_lunchclub