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Freunde auf Reisen: unerwartet wertvoll

Eckart von Hirschhausen und sein Freund Adriano sitzen nebeneinander, Adriano hält ein Tablet mit einem Foto von Ihnen.

Vor 30 Jahren lernte Eckart von Hirschhausen Adriano im Zug kennen. © Eckart von Hirschhausen/privat

Kolumne von Eckart von Hirschhausen

Liebe alverde-Lesende,

wann haben Sie das letzte Mal jemand Interessantes im Stau kennengelernt? Ok, die Frage ist rhetorisch gemeint. Im Stau lernt man vor allem sich selbst und seine Mitfahrenden kennen, und das oft nicht von der charmantesten Seite. Wie man überhaupt oft beim Reisen mehr über sich erfährt als über die „fremden Kulturen“, die man besucht, um mal von sich wegzukommen. Nur wie? Flug, Auto, Bahn?

Ich möchte Ihnen von einer zufälligen Begegnung auf einer Bahnfahrt in Italien erzählen, die über 30 Jahre her ist, aber mir bis heute etwas bedeutet. Damals war ich einen Monat lang in ganz Europa unterwegs. Ein herrliches Gefühl von Freiheit und Abenteuer. In einer Jugendherberge in Florenz erzählte mir ein Deutscher sehr begeistert von Assisi. Am nächsten Tag saß ich im Zug dorthin. Und mir gegenüber saß ein Mann, an dessen Handgelenk ich ein grünes Bändchen entdeckte. Ich krempelte meinen Ärmel hoch, denn ich trug genauso ein Bändchen, auch in Grün, und wir lachten. Was für ein Zufall, denn wir beide waren in Salvador de Bahia an einer bestimmten Kirche gewesen, wo das Bändchen zum Andenken verteilt wird.

Sofort waren wir im Gespräch. Adriano erzählte mir von seinen Projekten in Brasilien, seiner franziskanischen Lebensgemeinschaft und der Arbeit mit indigenen Bewohnern des Regenwaldes. Wir besuchten gemeinsam in Assisi die Stätten, an denen der heilige Franz vor über 800 Jahren seine Verbundenheit mit der Natur entdeckte. Franz predigte den Vögeln, sah Sonne und Mond als unsere Geschwister und begründete intuitiv die Ökologie. Für ihn war alles verbunden, er dichtete über den Regenwurm und seine Gaben, er hörte der Natur zu, sie sprach zu ihm. So wie zu jedem von uns, wenn wir uns die Zeit nehmen, einmal hinzuhören.

Adriano lud mich nach Brasilien ein. Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal in meinem Leben dort einen Wasserhahn aufdrehte und nichts herauskam. Ich erlebte mit, wie eine Stadt notdürftig mit Tankwagen aus der Ferne versorgt wurde, weil die Wasservorräte aus Grundwasser und Staubecken ausgetrocknet waren. Was es noch an Wasser gab, wurde sorgfältig aufgefangen und, wo es ging, mehrfach genutzt. Adriano nahm mich eine Strecke mit auf eine sehr ungewöhnliche Pilgertour entlang den Ufern des Rio São Francisco, eine der wichtigsten Wasseradern in Brasilien – in Flipflops!

„Ich lernte zum ersten Mal Menschen kennen, die keinen Stromanschluss hatten, keine Schulbildung, dafür viele Kinder und ein großes Herz.“

Oft gab es keine Wanderwege, aber wie heißt es so schön: „Der Weg entsteht beim Gehen.“ Mit einer Flasche des frischen, klaren Wassers von der Quelle trugen die Pilger eine Statue des heiligen Franziskus ein Jahr lang in jedes Dorf, in jede Stadt, in jede Gemeinde und verbanden die Gottesdienste mit Umweltbildung. Warum ich das erzähle: Mir wurde bei dieser Reise erst so richtig klar, aus was für einem reichen und privilegierten Land ich kam. Ich lernte zum ersten Mal Menschen kennen, die keinen Stromanschluss hatten, keine Schulbildung, dafür viele Kinder und ein großes Herz. Überall wurde ich willkommen geheißen, durfte mitessen, mitfeiern. Ich lernte das Land und die Menschen lieben und beneide sie bis heute um ihre Tiefe an Spiritualität und Lebensfreude. Ich mochte den Ansatz, die Menschen mit Liedern, Ritualen und Zeichen wie einer Pilgerwanderung für den Zustand des Flusses zu sensibilisieren.

In den Predigten kam die Idee von „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“, die mich heute antreibt, schon vor: „Der Fluss und die Menschen sind zwei Seiten einer Wirklichkeit. Denn das Blut, das in den Adern der Menschen fließt, ist das Wasser des São Francisco. Ist der Fluss krank, werden die Menschen krank. Kommt der Fluss zum Sterben, sterben die Menschen. Ist der Fluss gesund, werden die Menschen gesund sein.“

Leben kann man nur vorwärts. Verstehen kann man es nur rückwärts. Das gilt insbesondere für Reisebekanntschaften und Weggefährten. Als ich für die Weltklimakonferenz nach Brasilien fuhr, habe ich Adriano nach Jahrzehnten wieder gesehen. Sofort war wieder eine Herzensverbindung da. Wir besuchten eine kleine Kirche in der Pampa, in der noch das Foto des verstorbenen Papst Franziskus hing. Und so schlossen sich Kreise. Und alles hatte mit einem Zufall begonnen. Einer Bahnfahrt. Und einem Lachen über unerwartete Gemeinsamkeiten.

Ihr
Eckart von Hirschhausen

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