Heilsames Gärtnern
Wenn wir im Garten werkeln, entstehen nicht nur bunte Beete, wir erleben auch, wie gärtnern uns entspannt und erdet. ¹⁾
Interview mit drei Experten
Ein Sehnsuchtsort, der oft hinter der eigenen Haustür liegt. Ein Rückzugsraum, der zugleich Begegnungen ermöglicht. Ein Ort, der Lebensmittel liefert und manchmal einfach nur das Auge erfreut: Gärten sind ein Strauß an Möglichkeiten und eine Konstante in Zeiten des Wandels.
Eine Spielwiese fürs Leben - mit Hobbygärtner & Psychologe Sven Beck
alverde: Viele Menschen gärtnern freiwillig – obwohl es Zeit kostet, Geld verschlingt und das Ergebnis oft ungewiss ist. Was fasziniert uns daran?
Sven Beck: Gärtnern spricht uns auf vielen Ebenen gleichzeitig an. Ein wichtiger Punkt ist Selbstwirksamkeit: Ich tue etwas, und daraus entsteht etwas Sichtbares, das ich mit allen Sinnen wahrnehmen kann. Das fehlt vielen Menschen im Berufsalltag. Im Garten rieche ich die Pflanzen, sehe das Wachstum, schmecke vielleicht sogar das Ergebnis. Hinzu kommt, dass wir Rückmeldungen bekommen, etwa von der Familie, von Freunden. Das stärkt das Gefühl, etwas bewirken zu können. Und nicht zuletzt ist da die Nähe zur Natur, die für viele Menschen eine tiefe, oft unbewusste Bedeutung hat.
alverde: Erleben wir im Garten vor allem Kontrolle – oder gerade auch das Gegenteil?
Sven Beck: Beides. Und genau diese Spannung macht das Gärtnern so interessant. Natürlich gibt es Erfolgserlebnisse. Gleichzeitig zeigt uns der Garten sehr deutlich, dass wir nicht alles in der Hand haben: Schnecken kommen, Pflanzen gehen ein, das Wetter spielt nicht mit. Perfektionismus legt man im Garten meist zwangsläufig ab. Das kann anfangs frustrierend sein, ist aber langfristig befreiend. Man lernt, Erwartungen loszulassen und gelassener zu werden – eine Kompetenz, die uns auch außerhalb des Gartens guttut.
alverde: Wer profitiert psychologisch besonders von der Gartenarbeit?
Sven Beck: Das Tolle ist, dass uns Gärtnern das ganze Leben begleiten kann. Kinder profitieren besonders davon, dass viele Sinne gleichzeitig angesprochen werden. Das unterstützt die neuronale Vernetzung im Gehirn. In stressigen Lebensphasen ist Gärtnern eine Pause für den Kopf: Wenn ich Unkraut jäte, Kirschen ernte oder verblühte Blumen abzupfe, versenke ich mich ganz in die Aufgabe und komme nicht ins Grübeln. Nach der Rushhour des Lebens kommt oft die gärtnerische Hochphase: Man hat jetzt Zeit und die finanziellen Mittel, sich kreativ zu verwirklichen. Im höheren Alter wird der Garten häufig zurückgebaut, damit er pflegeleichter wird. Aber er bleibt ein Ort, an dem man sich erdet, zur Ruhe kommt und etwas Sinnvolles tut. Viele Menschen entdecken den Garten deshalb immer wieder neu.
Tipp – Gärtnern maßgeschneidert
Zum Gärtnern gehören auch Tätigkeiten, die man weniger mag. Aber sie sollten nicht zu viel Platz einnehmen. Sven Beck rät, vorher bei anderen mitzugärtnern. So findet man heraus, was einem Spaß macht, und kann den eigenen Garten entsprechend gestalten: Staudenbeete sind pflegeleichter als bepflanzte Töpfe, die im Sommer täglich gegossen werden müssen. Eng gepflanzte Beete reduzieren Unkraut, Gehölze brauchen weniger Pflege als Hecken. Wer den Garten an die eigenen Vorlieben anpasst, erlebt ihn weniger als Pflicht und mehr als Bereicherung.
Die Gemüsekiste der Stadt
alverde: Welchen Beitrag kann urbane Landwirtschaft unter idealen Bedingungen zur Ernährung in der Stadt leisten?
Monika Egerer: Sie kann saisonale und unverpackte Lebensmittel bereitstellen und Transportwege reduzieren. Gemeinschaftsgärten können 20 bis 30 Prozent des Gemüsekonsums der beteiligten Haushalte decken. Ich will den Blick aber nicht nur auf die Quantität richten. Es geht auch um die Mikro- und Makronährstoffe, an denen frisches Bio-Gemüse reich ist. Besonders bei Nischenprodukten – wie lokalen oder transportempfindlichen Sorten – lohnt sich der Anbau um die Ecke. Für den Großteil der Möhren, Kartoffeln und Zucchini werden wir aber weiter in den Supermarkt gehen müssen.
alverde: Eine internationale Studie²⁾ ergab, dass der CO2-Fußabdruck bei städtischer Landwirtschaft deutlich größer war als in der konventionellen Landwirtschaft. Kann die urbane Landwirtschaft den Verlust an Effizienz durch andere Vorteile wettmachen?
Monika Egerer: Auf jeden Fall. Da sind zum einen die ökologischen Leistungen: Die Mini-Äcker erhöhen die Biodiversität, haben einen Kühlungseffekt und nehmen Regenwasser auf. Sie wirken auf diese Weise positiv aufs Stadtklima. Genauso wichtig ist aber der soziale Aspekt. Der Garten ist ein Begegnungsraum in der Nachbarschaft und zwischen verschiedenen Kulturen. Menschen, die keinen eigenen Garten haben, kommen in den Genuss seiner positiven Wirkung – das lässt sich nicht durch Effizienzkriterien messen. Und schließlich ermöglicht Gärtnern Naturerlebnisse, die unserer technisierten Welt fehlen. Wer gärtnert, setzt sich automatisch intensiv mit einem Ökosystem auseinander. Das kann das Bewusstsein für Naturschutz generell verstärken.
alverde: Gerade in Metropolen ist Wohnraum knapp, Schrebergärten und temporäre Urban-Gardening-Flächen werden dann auch als Bauland in Betracht gezogen. Wie löst man die Flächenkonkurrenz?
Monika Egerer: Das muss man im Einzelfall entscheiden, aber ich warne davor, die Urban-Gardening-Projekte nur als nettes Hobby zu betrachten. Wie Stadtbäume sind sie Teil der grünen Infrastruktur. In unserer Forschung sehen wir, dass auch sehr kleine Gärten – besonders, wenn neben Kulturpflanzen auch Wildnis zugelassen wird – zur Pflanzen- und Insektenvielfalt beitragen. Es gibt die Tendenz, dass wir hohe Erwartungen in neue Landwirtschaftsformen stecken, wie dem vertikalen Farming. Dabei gerät manchmal in den Hintergrund, wie leistungsstark urbane Gärten mit traditioneller Landwirtschaft sind.
Fokus – Urbane Landwirtschaft
Wissenschaftler sprechen lieber von „Urban Agriculture“ als von „Urban Gardening“. Denn die Bandbreite ist groß: Sie umfasst jüngere Urban-Gardening-Projekte wie Nachbarschaftsgärten und interkulturelle Gärten genauso wie traditionelle Schrebergärten und größere (Miet-)Äcker am Stadtrand.
Blütenträume im Winter
alverde: Wie sieht ein typischer mitteleuropäischer Privatgarten im Jahr 2050 aus?
Norbert Kühn: Ein bisschen wie ein mediterraner Garten heute. Es wird mehr Pflanzen geben, die gut an Hitze angepasst sind, wie Lavendel, Rosmarin, Salbei. Viele unserer klassischen Stauden wie Phlox und Rittersporn brauchen viel Feuchtigkeit, Rittersporn kommt ursprünglich aus den Bergen. Die Menschen werden mehr auf Schatten achten und deshalb stärker auf große Gehölze setzen. Rasenflächen werden deutlich kleiner sein, weil Rasen viel Wasser braucht, in heißen Sommern aber doch verbrennt – und weil es weniger attraktiv sein wird, auf dem Rasen zu liegen oder zu spielen. Insgesamt werden wir andere Sommerbilder sehen: blütenärmer, strohiger. Die Vegetation wird in die Sommerpause gehen.
alverde: Dafür sind Frühling und Herbst dann blütenreicher?
Norbert Kühn: Genau. Und der Winter wird im Gartenjahr eine neue Rolle spielen. Zum einen ermöglichen mildere Temperaturen mehr Wachstum, zum anderen werden sich im Winter mehr Aktivitäten draußen abspielen. Christrosen, der immergrüne Schneeball, bestimmte Wolfsmilchsorten oder Primeln werden den Winter farbenfroh machen.
alverde: Welche grundlegenden Entscheidungen machen einen Garten zukunftsstabil?
Norbert Kühn: Am Anfang steht wie immer die Frage, was man überhaupt von seinem Garten erwartet, wofür man ihn nutzen will. Hinzu kommt zukünftig, wie unabhängig man vom Wasser sein möchte. Wasserverfügbarkeit wird eine zentrale Rolle spielen: Habe ich genug, kann ich es speichern oder möchte ich einen Garten, der weitgehend ohne zusätzliche Bewässerung auskommt? Ebenso wichtig ist die Frage nach Schatten – nicht nur für Pflanzen, sondern auch für Menschen. Gärten werden zunehmend als Orte der Abkühlung genutzt werden, auch abends und nachts, wenn sich Wohnungen und Städte stark aufheizen. Und schließlich wird man den Garten stärker über das ganze Jahr hinweg denken müssen: Herbst und Winter werden wichtiger. Dagegen ist der Hochsommer die Zeit, die der Garten einfach überleben muss.
Tipp – Wildnis wagen
Wenn Gärten künftig stärker mit Hitze und Trockenheit umgehen müssen, kann es helfen, ihnen mehr Spielraum zu lassen. Verwilderte Bereiche können sogar ästhetisch wirken – mit einem kleinen Trick: die wilde Zone begrenzen. Das kann in einem kleinen Garten eine Steineinfassung sein. In einem größeren lässt sich ein Rasen-Gang durch die verwilderte Zone schneiden. Norbert Kühn: „Das erlaubt einem, diese Zone bequem zu betreten und das Zusammenspiel aus Pflanzen und Insekten zu beobachten. Man muss nur akzeptieren, dass es Phasen gibt, in denen fast alles verblüht ist. Auch das gehört zu unserer Natur.“