Eine Lektion aus dem Schulgarten
Kleine Gärtner, große Freude: Beim Pflanzen und Jäten im Garten lernen Kinder spielerisch die Natur kennen. ¹⁾
Kolumne von Christoph Werner
Liebe Leserin, lieber Leser,
schauen Sie sich die Nährwertangaben von Lebensmitteln an, wenn Sie diese kaufen? In den USA wurde die Pflicht zur Angabe der Nährwerte früher eingeführt als in Deutschland. Und als ich kurz nach der Jahrtausendwende für acht Jahre in den USA lebte, amüsierte ich mich jedes Mal, wenn ich auf Wasserflaschen die Nährwertangaben las, die alle auf null gesetzt waren. Heute haben wir uns auch in Deutschland daran gewöhnt und wahrscheinlich stolpert niemand mehr darüber.
Die Absicht hinter diesen Nährwertangaben ist es, Konsumenten besser darüber zu informieren, was sie ihrem Körper durch Kaufentscheidungen zuführen. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt. Wie so oft bei Angaben, sind sie jedoch in der Regel nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit, der abgebildet wird. Denn nicht alles, was zählt, kann auch gemessen werden. Wir alle kennen den Unterschied, wenn uns jemand einen selbst gebackenen Kuchen mitbringt, statt ein Fertigprodukt zu kaufen. Oder wenn uns jemand zum Geburtstag etwas Selbstgebasteltes oder -gestaltetes schenkt. Und es macht für uns sehr wohl einen Unterschied, ob wir einen selbst geschriebenen Brief erhalten oder einen, der durch einen umfassenden Prompt von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt wurde. Die faktischen Inhalte mögen ähnlich sein. Die Qualität ist es jedoch nicht.
Deshalb blicke ich mit Dankbarkeit auf den sogenannten „Gartenbauunterricht“ zurück, den ich in meiner Schulzeit viele Jahre in der Freien Waldorfschule in Karlsruhe hatte. Spaß hat es mir damals nicht gemacht, wenn das Wetter rau war und wir in Gummistiefeln im Schulgarten jäteten, hackten und pflanzten. Gefallen hat mir vor allem, dass ich mich während der Arbeiten ausführlich mit meinen Klassenkameradinnen und -kameraden unterhalten konnte, ohne gleich ermahnt zu werden. Während dieser Stunden im Schulgarten lernte ich, was es heißt, mit den Kräften der Natur so zu arbeiten, dass etwas wachsen und gedeihen kann, das uns nach der Ernte nährt. Denn dafür braucht es Kenntnis, Pflege und Geduld. Wenn wir nach der Ernte die Früchte unserer Arbeit verzehrten, war es nicht nur der Geschmack der Frucht, der in mir aufging, es war auch die Erinnerung an all die Arbeit und das Wunder der Natur, die ich förmlich schmecken konnte.
Die Arbeit im Schulgarten war für mich eine Lektion, deren Bedeutung mir erst später im Leben klar wurde. Viele Dinge sind uns gegeben oder wir finden sie vor. Wenn wir verstehen, wie sie zusammenhängen, und das kultivieren, was uns wichtig ist, dann pflegen wir, was uns am Ende nährt. Das gilt im Außerberuflichen wie im Beruflichen. Deswegen ist es wichtig, durch genaue Beobachtung Kenntnisse zu erwerben, durch Hingabe Neues wachsen zu lassen und durch Geduld Reifung zuzulassen. So kann sich im Beruflichen Erfolg und im Außerberuflichen Lebensglück einstellen.
Herzlichst Ihr
Christoph Werner
Vorsitzender der Geschäftsführung