Der Zauber des Singens

Beatrice Werner will Kinder ermutigen, über Musik spielerisch ihre Ausdruckskraft zu entdecken. ¹⁾
Im Gespräch mit Beatrice Werner
Dass sich Kinder kreativ entfalten können, lag Beatrice Werner schon immer am Herzen. Sie entdeckte: „Singen ist ein Zaubermittel“ – und gründete die Initiative „Singende Kindergärten“ bei dm. „Kinder sind Bewegungsmenschen. Sie suchen, staunen, entdecken“, sagt Beatrice Werner. Die Witwe des dm-Gründers Götz W. Werner liebte es, ihre eigenen vier Kinder und die drei, die ihr Mann mit in die Ehe brachte, darin zu fördern, die Welt mit allen Sinnen zu erobern, mit viel Singen, Musizieren und Zeit in der Natur.
Sie wäre gern ein „Zirkuskind“ gewesen
Beatrice Werner wuchs am Fuß des Südschwarzwalds in Freiburg auf. Damals noch ein „verschlafener Ort“, die Haustüren standen offen, als Kinder tollten sie draußen herum, kletterten auf Bäume. Von dieser Freiheit wünscht sie sich für heutige Kinder mehr. Vor allem an Fasching mimten ihr älterer Bruder und sie Clowns. Ihre Familie ging oft in den Zirkus, und sie wäre selbst gern ein „Zirkuskind“ gewesen: Rollen ausprobieren, Mut beweisen, auf der Bühne stehen und andere unterhalten – das faszinierte sie.
Als die Familie nach Bochum zog, prägten Musikaufführungen an der Waldorfschule Beatrice Werners Leben. „Wir durften von der vierten bis zur zwölften Klasse in großen Chorwerken mitsingen. Das war ein unglaubliches Erlebnis. Vieles kann ich heute noch singen.“ Bei einem freiwilligen sozialen Jahr in der französischen Schweiz konnte sie vieles „einfach machen“, was in ihr schlummerte. In einem heilpädagogischen Heim studiert sie mit den Kindern Theaterstücke ein.
Beatrice Werner betreut die gleichaltrige Aline, die geistig auf dem Stand eines Kleinkindes war. „Da habe ich den Schlüssel dafür bekommen, was später ‚Singende Kindergärten‘ von dm sein würde“, erzählt sie. Es war eindeutig: Aline liebte Lieder, Gesang und Gedichte. Sie konnte sich allein anziehen, aber nicht selbst waschen.
„Ich habe ihr einfach ganz frei vorgesungen, was sie beim Waschen zu machen hatte. Dann hat sie es noch mit 19 gelernt. Bis dahin hatte das niemand hingekriegt, aber das Singen hat es geschafft!“ Ein prägendes Erfolgserlebnis: „Das wurde mein Ansatz, dass wir den Alltag in der Kita mit Singen begleiten, sodass er für die Kinder und die Erzieherinnen und Erzieher leicht und freudig wird und eine harmonische und schöne Stimmung in der Kita herrscht.“
In einem Kurs über Sprache und Poesie erfährt sie von der Möglichkeit, mit Sprache therapeutisch zu arbeiten, und findet mit „Sprachgestaltung und Schauspiel“ das perfekte Studium, das zusätzlich künstlerisch-kreativ ist. An der Waldorfschule arbeitet sie sprachtherapeutisch. Mit Theaterinszenierungen gelingt es ihr diesmal, Pubertierende zu begeistern und in ihrer Selbstfindung zu unterstützen – ein „unglaublicher Kunstgriff“, der dann in „Abenteuer Kultur“ bei dm einfloss, ein Projekt, das es Lehrlingen und Studierenden ermöglicht, in Theaterworkshops über sich hinauszuwachsen.
Ihr Herzensprojekt: „Singende Kindergärten“
Mit 50 besinnt sich Beatrice Werner auf ihren Kindheitstraum: Sie macht eine Zirkuspädagogik-Ausbildung, um Kinder über Kunststücke für mehr Bewegung zu begeistern. Ein Kurs in Theaterclownerie folgt und sie schlüpft in die Rolle der begriffsstutzigen Clownin Susi. Gemeinsam mit einer Freundin, die die Clownin Lotte darstellt, singen und tanzen die beiden bundesweit durch Kitas.
Da gab es bereits die dm-Initiative „Singende Kindergärten“, eine kostenfreie Weiterbildung, die Erzieherinnen und Erzieher dazu inspiriert, in Kitas mehr zu singen. Das Clownskostüm hat Beatrice Werner an den Nagel gehängt, „Singende Kindergärten“ entwickelt sie mit großer Leidenschaft weiter. Auch Grundschulen würden von Singen, Tanzen, Fantasiereisen, Schauspiel und Erzählen als Sprachförderung profitieren, wie sie sagt. „Ich wünsche mir, dass die Politik die darstellenden Künste verbindlich im Bildungssystem verankert, um unsere Kinder in ihrem Selbstvertrauen und Miteinander zu stärken.“
Ihre Enkelkinder halten die 72-Jährige jung. Mit den Kleinsten (ein und drei Jahre) „komme ich wieder in diesen Spieltrieb rein, der mir sowieso liegt, und krabble über den Boden. Ich singe und lache viel mit ihnen. Das ist so goldig.“ Ihre nächsten Projekte: Auftritte in freiem Erzählen und Harfe spielen lernen.


