Kita, Du bist groß geworden!

Kinder entdecken gemeinsam spielerisch den Alltag in ihrer Kita. ¹⁾
Im Interview mit drei Experten
Mussten Eltern vor einigen Jahren ihr Kind praktisch mit dem positiven Schwangerschaftstest in der Kita anmelden, begegnet ihnen nun immer öfter ein lockendes „Noch Plätze frei“. Auch wenn die Betreuungssituation in einigen Regionen weiterhin angespannt ist, zeichnet sich ein klarer demografischer Trend ab: Geburtenrate und Migration gehen zurück. Mit drei Experten blicken wir auf ein System im Umbruch.
Wie viele Fachkräfte braucht die Kita?
alverde: Laut der Bertelsmann Stiftung fehlten in Kitas 2023 rund 430.000 Plätze – und damit auch viele Fachkräfte. Unter welchen Annahmen ist diese Zahl entstanden?
Kathrin Bock-Famulla: Sie bildet die Kapazitäten ab, die wir in dem Jahr gebraucht hätten, um alle Bedarfe der Eltern zu erfüllen und so viele Fachkräfte pro Kind in der Kita zu haben, wie es den wissenschaftlichen Empfehlungen entspricht. Die Berechnungen waren zu dieser Zeit richtig. Wir haben aber auch mehrere Szenarien durchgespielt und darauf hingewiesen, dass der Geburtenrückgang zumindest in Ostdeutschland den Fachkräftemangel in ein paar Jahren quasi von allein lösen würde. Das wollte damals aber niemand so richtig hören.
alverde: Jetzt hat sich die Situation innerhalb weniger Jahre verändert. Wodurch?
Kathrin Bock-Famulla: Erstens sind die Geburtenzahlen auch im Westen schneller und deutlich zurückgegangen. Mit den historisch niedrigen Geburtenzahlen 2025 bewegen wir uns in einer neuen Ära. Zweitens haben die Kitas nahezu alle Fachkräfte eingestellt, die auf dem Markt waren. Zudem wurden vermehrt Quereinsteiger mit deutlich geringerer pädagogischer Qualifikation eingestellt, teilweise nach sehr kurzen Weiterbildungen. Das sehen wir kritisch. Und drittens rückte als Folge der zeitweise sehr angespannten Lage die Betreuungsqualität stärker in die öffentliche Diskussion. Einige Eltern, die es sich leisten konnten, melden ihre Kinder unter drei Jahren nicht oder später in der Kita an.
alverde: Was bedeutet das für die Zukunft? Wie viele Erzieherinnen und Erzieher brauchen wir?
Kathrin Bock-Famulla: Ich kann derzeit nur eine vorsichtige Einschätzung geben, dass sich die Lage mittelfristig deutlich entspannen wird. (Anm. d. Red.: Diesen Monat veröffentlicht die Bertelsmann Stiftung neue Berechnungen.) Die aktuelle Situation bietet die große Chance, in den kommenden Jahren flächendeckend dem wissenschaftlich empfohlenen Betreuungsschlüssel deutlich näher zu kommen. Das macht die Betreuung nicht nur pädagogisch hochwertiger, sondern auch verlässlicher. Denn in Regionen mit ungünstigen Personalschlüsseln ist der Krankenstand höher. Außerdem sollten Kitas wieder stärker auf Fachkräfte setzen und Quereinsteiger konsequent weiterqualifizieren. Finanziell ist das möglich, wenn die Politik bereit ist, die Budgets für die frühkindliche Bildung zu halten. Nach Jahren eines massiven Ausbaus steht das Kitasystem nun vor der Aufgabe, Qualität zu sichern, statt weiter zu wachsen.
Unsere Expertin: Kathrin Bock-Famulla, Diplom-Pädagogin

Kathrin Bock-Famulla arbeitet seit 2003 bei der Bertelsmann Stiftung und leitet darin den Bereich Frühkindliche Bildung. Sie beschäftigt sich dort insbesondere mit Bildungsqualität, Personal und Finanzierung.
Was bedeuten weniger Kinder vor Ort?
alverde: Wie erleben Sie die aktuelle Situation als Kita-Träger?
Sven Gleisberg: Wir haben in Sachsen-Anhalt schon länger niedrige Geburtenraten, aber der Rückgang in den letzten Jahren ist krass. Bisher konnten wir das gut auffangen, indem wir Gruppen zusammengelegt, Räume zeitweise ungenutzt gelassen oder in Einzelfällen Mitarbeitende intern versetzt haben. Schließungen sind für uns aktuell glücklicherweise kein Thema. Positiv ist, dass wir nicht nach Fachkräften suchen müssen. Wir bekommen sogar Initiativbewerbungen. Die größere Herausforderung ist die Unsicherheit: Niemand weiß genau, wie lange diese Phase anhält und wie stark sie regional ausfällt. Meine größte Sorge ist, dass die Kommunen vorschnell Strukturen abbauen und qualifizierte Kräfte in andere Berufe abwandern. Wenn dann der Bedarf wieder steigt, wäre man gleich in der nächsten Krise.
alverde: Aus pädagogischer Sicht gelten kleinere Gruppen als sinnvoll. Warum ist das aus Trägersicht trotzdem nicht so einfach umzusetzen?
Sven Gleisberg: Kleinere Gruppen wären pädagogisch ohne Frage ein Gewinn, und als Träger würden wir diesen Weg gerne gehen. Das Problem ist: Wir können das nicht allein entscheiden. Die Personalschlüssel werden vom Land vorgegeben, und die Kommunen erstatten auch nur genau diese Personalausstattung. Wenn wir trotzdem zusätzliches Personal einsetzen würden, um kleinere Gruppen zu ermöglichen, würde das schlicht nicht refinanziert.
alverde: Was würden Sie anderen Trägern raten, die gerade am Beginn dieses demografischen Umbruchs stehen?
Sven Gleisberg: Träger sollten sehr genau auf die Bedürfnisse der Eltern und Kinder schauen. Wir erleben immer stärker, dass Eltern nicht einfach die Kita nehmen, die auf dem Weg zum Arbeitsplatz liegt, sondern auswählen: Welche Kita passt zu meinem Kind, welches pädagogische Profil überzeugt mich? Kitas sind heute auch Anbieter in einem Markt und müssen entsprechend serviceorientiert handeln. Wer hier nicht bereit ist, sich zu fragen, wie er sein Angebot weiterentwickelt und sichtbar macht, wird es schwer haben. Wichtig ist dabei auch die Zusammenarbeit mit den Kommunen. Wir verstehen sie nicht als Gegner, sondern als Partner, mit denen man gemeinsam Lösungen finden muss, um Kosten zu sparen und gleichzeitig eine gute Betreuung sicherzustellen.
Unser Experte: Sven Gleisberg, Kita-Geschäftsführer
Der gelernte Bankkaufmann arbeitete 30 Jahre im Bereich Personalentwicklung. Von der freien Wirtschaft wechselte er 2024 zur Volkssolidarität Kinder-, Jugend- und Familienwerk gGmbH Sachsen-Anhalt. Der Wohlfahrtsverband ist in Ostdeutschland aktiv. 361 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten bei der Volkssolidarität in Sachsen-Anhalt.
Was soll die Kita leisten?
alverde: Was hat sich im System Kita in den vergangenen 20 Jahren am deutlichsten verändert?
Thomas Rauschenbach: Die Kita hat enorm an Bedeutung gewonnen. Es wurden nicht nur Tausende neue Kitas gebaut, beziehungsweise ausgebaut, es gab auch gesellschaftlich viel Rückenwind. Anfang der 2000er-Jahre war die Debatte noch von Skepsis über zu frühe Fremdbetreuung geprägt, doch bald war die Idee, kleine Kinder gezielt zu fördern, akzeptiert – befeuert durch die PISA-Studie. Gleichzeitig ist die Arbeit in vielen Kitas herausfordernder geworden: Die Zusammensetzung der Kinder ist heterogener, unter anderem durch verschiedene Zuwanderungswellen. Gleichzeitig hat sich das Verhältnis zwischen privater und öffentlicher Erziehung verschoben: Kinder verbringen mehr Zeit in öffentlichen Einrichtungen, später auch in der Ganztagsbetreuung im Grundschulalter. Damit wachsen Erwartungen an Kita und Schule.
alverde: Sie meinen den Wunsch, dass die Kita Kinder früh fördert. Welche Aufgaben stehen dabei aus Ihrer Sicht im Mittelpunkt?
Thomas Rauschenbach: Sprachbildung spielt eine große Rolle, das ist naheliegend. Gerade für Kinder, die zu Hause eine andere Sprache sprechen, ist es wichtig, dass sie in der Kita gut und frühzeitig mit Deutsch in Kontakt kommen. Der Fokus auf Sprache gerät mir aber zu einseitig. Kinder müssen auch lernen, aufmerksam zu sein, dranzubleiben, Enttäuschungen auszuhalten und sich in einer Gruppe zurechtzufinden. Viele Schwierigkeiten, die Grundschulen heute wahrnehmen, haben nicht nur mit Sprache zu tun, sondern mit diesen grundlegenden Fähigkeiten.
alverde: Was heißt das konkret für die Frage nach Qualität in der Kita?
Thomas Rauschenbach: Bildung in der Kita bedeutet nicht, Schule einfach nach vorne zu verlagern. Eine Kita sollte keine Vorschule werden. Gleichzeitig halte ich die Vorstellung für problematisch, dass sich alles allein im freien Spiel regelt. Kinder brauchen Begleitung, Anregung und auch Orientierung. Gute pädagogische Arbeit entsteht im Alltag. Wenn Erzieherinnen Situationen aufgreifen, Kinder ermutigen, etwas noch einmal zu versuchen, Grenzen setzen und zugleich Interessen fördern. Spiel ist dabei zentral, aber als bewusst gestalteter Lernraum. Der große Ausbau der letzten 20 Jahre hat überhaupt erst die Möglichkeit geschaffen, so zu arbeiten. Wenn sich der ständige Druck künftig etwas löst, kann der Fokus wieder stärker darauf liegen, Kinder umfassend zu stärken. Nicht nur mit Blick auf die Schule, sondern auf das Leben insgesamt.
Unser Experte: Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Erziehungswissenschaftler
Der Erziehungswissenschaftler leitete von 2002 bis 2021 das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München und befasst sich seit vielen Jahren mit frühkindlicher Bildung, Jugendhilfe und Bildungsforschung. Seit 2022 ist Thomas Rauschenbach Seniorprofessor an der Technischen Universität Dortmund.


