Ein Platz für Liebe
Yvonne ist mit dem fünf Monate alten Askan bei Underdog – mehr aus Geselligkeit, denn Askan ist heute kein Patient. ¹⁾
Zu Besuch bei Underdog
In Düsseldorf werden die Tiere von Obdachlosen ehrenamtlich medizinisch versorgt. Underdog heißt das Projekt, das nicht nur für die Vierbeiner überlebenswichtig ist.
Eigentlich ist Flecki herzensgut und für jede Streicheleinheit zu haben. Nur im Moment nicht. Denn Tierarzt Dr. Thomas Sabel will ihm ans Ohr. Also dahin, wo es dem kleinen Mischlingshund schon seit einer Weile wehtut. Das geht auf keinen Fall – Flecki sträubt sich nach Kräften gegen die Behandlung. Da hilft kein gutes Zureden. Rüdiger, sein Herrchen, wird mit Flecki erst mal auf eine Beruhigungsrunde geschickt. Ausgestattet mit einem Entspannungsmittel, das Rüdiger dem kleinen Vierbeiner unterwegs en passant oral verabreichen soll.
Ein ganz normaler Nachmittag in einer Tierarztpraxis also. Bloß, dass die Sprechstunde an zwei Klapptischen open air an den Rheinterrassen in Düsseldorf stattfindet und die Behandlung in einem eigens dafür ausgestatteten Bus. Der steht hier alle zwei Wochen jeweils mittwochs ab 14 Uhr, um Tiere von Obdach- und Wohnungslosen zu behandeln. Also von Menschen, die auf der Straße leben, aber auch solchen, die keine feste Adresse haben und bei Freunden, Bekannten oder auch Freiern schlafen. „Underdog“ nennt sich das rein spendenfinanzierte Projekt, das 2006 von der Düsseldorfer Obdachlosenhilfe „fiftyfifty“ gegründet wurde. Ihre Devise: „Docs für Dogs der Underdogs.“
Bester Freund, Seelentröster, engster Angehöriger
Geleitet wird die Initiative von der Sozialarbeiterin Jana Rosnowski. Die 35-Jährige erzählt, dass die Menschen, die hierherkommen, „wirklich alles für ihre Lieblinge tun. Aber wird das Tier krank oder braucht eine Impfung, Entwurmung oder muss die Krallen geschnitten bekommen, wird es schwierig. Einen regulären Tierarztbesuch können sie sich nicht leisten“. Deshalb schließen im Wechsel insgesamt sieben Tierärzte für einen halben Tag ihre Praxen, um hier am Rheinufer teilweise bis zu 50 Tiere gratis zu behandeln.
„Es muss gemacht werden und wir können es!“, erklärt Thomas Sabel knapp sein Engagement zur Selbstverständlichkeit. Ähnlich sehen es auch sein Kollege Georg Specker und seine Kolleginnen Nic Ziegler und Yvonne Chaudhry, die heute da sind. Für viele Worte ist auch keine Zeit. Denn um den Wagen drängen sich die Patienten.
„Theo ist ja mein Ein und Alles!“, sagt Jenny, während sie darauf wartet, dass sich einer der Ärzte ihren Liebling, einen Deutschkurzhaar, anschaut, weil er lahmt. Jenny erzählt, dass sie eigentlich Angst vor Menschen habe. Nur mit Theo würde sie sich überhaupt raustrauen. Er sei für sie die einzige Familie, die sie habe: „Engster Angehöriger, bester Freund, Seelentröster.“
Jetzt ist Vanessa dran, die zwei Schäferhundmischlinge mitbringt: Lilly und Hank. Der Rüde leidet an einer Prostata-Entzündung und braucht Medikamente. Lilly hat ein Problem mit den Analdrüsen. Bei einem kleinen Terrier gibt es den Verdacht auf einen Kreuzbandriss. Vermutlich ist eine OP nötig.
Die kann vor Ort nicht gemacht werden. „Das übernimmt einer der Veterinärmediziner in seiner Praxis“, so Jana Rosnowski. Die kleine puschelige Pöti dagegen braucht bloß einmal ein wenig Ordnung im Fell. Nic Ziegler schneidet ihr verfilzte Knoten heraus, während Attila, Pötis Besitzer, das kleine Tier vorsichtig festhält. Pöti, sagt der 47-Jährige, sei das Allerwichtigste für ihn. Seit 20 Jahren lebt er auf der Straße. Und man merkt ihm an, wie hart dieses Leben ist und wie viel Schlimmes ihm dabei widerfahren sein muss. Er wirkt enorm scheu und zurückhaltend, hält sich fern von den anderen Tierhaltern, die zusammenstehen, reden, lachen.
Man ahnt, wie viel Überwindung es Attila kostet, hier zu sein. Unter Menschen. Aber er tut es. Für Pöti. Jana Rosnowski erzählt, dass das Veterinäramt seinen größten Schatz eigentlich schon „eingezogen“ hatte, weil man Attila die Versorgung nicht zutraute. „Aber der Mann liebt diesen Hund. Ich glaube, er hätte ohne ihn nicht mehr weitermachen wollen. Dann haben wir eine Lösung gefunden: Attila hat die Auflage, hier alle zwei Wochen mit Pöti vorstellig zu werden. Dann bekommt er einen Stempel als Nachweis. Keiner hat geglaubt, dass er sich darauf einlässt. Aber er tut es.“ Und kommt so auch ganz nebenbei immer wieder auf den Radar der Sozialarbeiterin.
Der Mensch am anderen Ende der Leine wird mitbetreut
Denn „Underdog“ ist nicht nur für die medizinische Versorgung der Vierbeiner gedacht. So wie Attila sind viele Obdach- und Wohnsitzlose kaum erreichbar für Hilfsangebote, so Jana Rosnowski. Zumal mit einem Tier. Es gäbe zwar in Düsseldorf, im Unterschied zu den meisten anderen Städten, auch Schlafplätze für diesen Bedarf. „Aber dann bleiben viele doch oft lieber draußen.“ Zu „Underdog“ aber kommen sie. „Da können wir die Menschen über das Tier erreichen. Mit ihnen ins Gespräch kommen.“
Oft erlebe sie, dass die Halter ihrem Vierbeiner einen höheren Stellenwert einräumen als sich selbst. „Ich sehe einen an sich sehr gut versorgten Hund, aber das Herrchen hat offene Beine. Dann sage ich: Okay, Dein Liebling ist versorgt. Schauen wir doch mal, was wir für Dich tun können.“ Während sich also die Tierärzte, unterstützt von der tiermedizinischen Fachangestellten Jenny Löpke, um das eine Ende der Leine kümmern, liegt Jana Rosnowskis Hauptarbeitsbereich am anderen.
Sie spricht mit den Menschen. Bietet Hilfe an, bei Behördengängen, beim Antrag auf Leistungen, auch dabei, Perspektiven zu finden und Struktur. Sie vermittelt Schuldnerberatung, Entgiftung, einen Weg in eine halbwegs sichere Existenz. So wie bei Rüdiger. Der ist gerade mit Flecki vom Beruhigungsspaziergang zurückgekehrt und erzählt, dass er über „Housing First“, einem weiteren Projekt von „fiftyfifty“, eine Wohnung vermittelt bekommen habe. „Das kann man sich nicht vorstellen, wie toll das ist, eigene vier Wände zu haben!“
Sonst ist Nicole (li.) mit ihrem Hund Grace da, heute mit Kira, dem Hund einer Freundin. Attilas (re.) großer und einziger Halt im Leben auf der Straße: Pöti. ¹⁾
Gemeinsam Lösungen finden für Mensch und Tier
Auch für Flecki sei es schön, einen sicheren Raum zu haben. Er erzählt, dass ein wenig Ruhe eingekehrt sei. Mehr als 20 Jahre hatte Rüdiger zuvor auf der Straße gelebt und viel zu viel getrunken. „Das habe ich jetzt überwunden. Darauf bin ich sehr stolz.“ Er habe schließlich auch Verantwortung für Flecki. Dem konnte Rüdiger bei aller Liebe das Beruhigungsmittel heute allerdings nicht verabreichen. „Das wird heute nichts mehr!“, seufzt er. „Macht nichts“, sagt Veterinärmediziner Georg Specker. „Dann versuchst Du es eben zu Hause und kommst anschließend mit Flecki zur Untersuchung.“ Es gibt immer einen Weg. Den aufzuzeigen, daran arbeiten sie bei „Underdog“.
Jana Rosnowski erzählt, dass sie immer wieder auch hören würde: „Wozu schafft sich ein Obdachloser ein Tier an, wenn er doch gar nicht in der Lage sei, es zu versorgen?“ Aber die Tiere werden nicht „angeschafft“. Sie sind einfach oft schon da, wenn jemand seine Wohnung verliert. Oder sie werden von anderen übernommen, die sie nicht mehr versorgen können.
Es ist 16 Uhr. Die Sprechstunde ist für heute zu Ende. Alle sind versorgt. Die Tiere medizinisch. Und die Menschen mit dem Gefühl, nicht allein zu sein. Dass sie zählen, von Bedeutung sind, jede mögliche Unterstützung verdient haben und dass sie etwas sehr Wichtiges leisten: für ein anderes Leben Verantwortung zu übernehmen.
Ein starkes Team – gemeinsam für Zwei- und Vierbeiner im Einsatz. ¹⁾
Obdachlosigkeit – schicksale hinter den Zahlen
Über eine Million Menschen sind in Deutschland wohnungslos, Tendenz weiter steigend. Gründe dafür sind unter anderem Armut und der angespannte Wohnungsmarkt. Betroffen sind mehr Männer (61 Prozent) als Frauen (39 Prozent). Über ein Viertel der Wohnungslosen sind Kinder und Jugendliche. Zu den häufigsten Auslösern von Wohnungslosigkeit in Deutschland zählen laut Daten der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe Miet- und Energieschulden, Konflikte im Wohnumfeld, Trennung oder Scheidung und Ortswechsel. Wohnungslose Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft hatten mehrheitlich in Deutschland noch nie eine Wohnung.²⁾
Nähere Infos zu „Underdog“ gibt es hier: Underdog