Hoffnung per Hausbesuch
âWir brauchen eine Versorgung, Schwerstbetroffene sollten aufgesucht werden. Ich habe jetzt einfach mal damit angefangen.â, sagt Dr. Anna Brock. ÂčâŸ
Interview mit Dr. med. Anna Brock
Dr. med. Anna Brock ist eine Pionierin in der Behandlung von Menschen mit schwerer Post-Covid-Erkrankung: Die Ărztin machte sich selbststĂ€ndig, um bettlĂ€gerige Betroffene im Raum Stuttgart im Rahmen von Hausbesuchen zu behandeln. Ihr Traum: ein interdisziplinĂ€res Versorgungszentrum.
Zu Beginn der Pandemie ist sie gerade dabei, einen hausĂ€rztlichen Sitz zu ĂŒbernehmen. In der Praxis arbeitete sie schon lĂ€nger mit â ihr Leben ist âfertig geplantâ, wie Dr. Anna Brock es beschreibt. Doch dann kommt alles anders: Die Internistin erkrankt schwer an Corona. Als es ihr nach Monaten besser geht, lĂ€sst sie sich gegen Covid impfen. Ob wegen der vorherigen schweren Infektion oder nicht â ihr Körper antwortet mit einer starken Autoimmunreaktion auf die Impfung: Durchblutungsstörungen, Sehstörungen, bleierne SchwĂ€che â âich lag im Bett und war zu krank, um zu Kollegen zu gehenâ, erzĂ€hlt sie. Ihr ist klar: âDiese Erkrankung ist neu, wir wissen noch nichts darĂŒber.â
Sie beginnt zu recherchieren, findet BehandlungsansĂ€tze. Als Ărztin kann sie sich selbst behandeln. Zum GlĂŒck, denn sie macht die Erfahrung, dass selbst in Unikliniken die TĂŒren zugehen: âDa kann man nichts machen, solche Symptome nach einer Impfung, das kann gar nicht sein!â, bekommt sie zu hören. âDa bin ich tatsĂ€chlich ein StĂŒck weit vom Glauben abgefallen, wie unethisch mit unserer Medizin umgegangen wirdâ, sagt sie. âAuch zu sagen, wir haben keine Leitlinie fĂŒr diese Erkrankung, wir können sie nicht behandeln, anstatt nach bestem Wissen und Gewissen zu versuchen zu helfen.â
Pendeln zwischen Praxis und Forschung
Anna Brock wird zur Expertin ihrer eigenen Symptome, findet einen Neurologen, der bereit ist, sie zu begleiten und zu betreuen. Sie setzen auf sogenannte Off-Label-Medikamente, Arzneimittel, die fĂŒr andere Erkrankungen zugelassen sind, aber nicht fĂŒr Post-Covid- oder Post-Vac-Erkrankungen (das heiĂt: nach einer Impfung). Sie können nur auf Privatrezept ausgestellt werden, die Krankenkassen ĂŒbernehmen die Kosten nicht. Nach und nach geht es Anna Brock besser. Ihre Familie hat sie in der schweren Zeit emotional und finanziell aufgefangen. Sie fĂŒhlt sich privilegiert und möchte so schnell wie möglich wieder arbeiten, um anderen Betroffenen zu helfen. Verantwortung fĂŒr eine Hausarztpraxis kann sie nicht mehr ĂŒbernehmen.
Sie beginnt in einer DĂŒsseldorfer Privatpraxis Ă€hnliche Krankheitsbilder zu behandeln. Ihre Kompetenz fĂŒr Post-Covid-Erkrankungen spricht sich herum: Sie nimmt ein Angebot der Berliner CharitĂ© an, eine Studie zur aufsuchenden Versorgung solcher Patientinnen und Patienten durchzufĂŒhren. Mit der Bahn pendelt sie zwischen ihrem Wohnort bei Stuttgart, DĂŒsseldorf und Berlin. Nachdem sie viele Schwerkranke aufgesucht hat, weiĂ sie: âWir haben es mit unterschiedlichen KrankheitsverlĂ€ufen und Auslösern zu tun, und wir mĂŒssen bei jedem einzelnen Betroffenen genau hinschauen. Das braucht viel Zeit, in der Kassenmedizin ist das nicht möglich, es wird nicht finanziert.â
Von den hierzulande laut Anna Brock mindestens 600.000 ME/CFS-KrankenÂČ⟠sind etwa 25 Prozent ans Haus gebunden, teils komplett bettlĂ€gerig, extrem reizempfindlich und schwach â meist junge Menschen, die vorher gesund waren und nun durch alle Raster fallen: Kassen-Haus- oder FachĂ€rzte können ihre Versorgung nicht leisten, Kliniken ebenso wenig. Anna Brock sieht als momentan beste Lösung eine Behandlung, bei der sie zu den Kranken nach Hause kommt und ihnen nach neuester Studienlage hilft. VollstĂ€ndig genesen ist sie selbst nicht, es gibt noch keine Heilung. Sie macht sich im Herbst 2025 dennoch mit ihrer mobilen Privatpraxis selbststĂ€ndig. Schnell zeigt sich: Der Bedarf ist riesig. Im Austausch mit Kollegen und Bundesgesundheitsministerin Nina Warken sieht Anna Brock einen Silberstreif am Horizont. Sie hofft, dass ihre Initiative den Grundstein fĂŒr ein multidisziplinĂ€res Versorgungszentrum legen kann.