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Stressinkontinenz

dm-drogerie markt

Lesedauer 6 Min.

21.4.2026

Der Niesreiz kündigt sich an – und mit ihm die Sorge: Jetzt wird es wieder in die Hose tröpfeln.  Viele Frauen und Männer kennen solche Momente, doch kaum jemand spricht offen darüber. Aus Scham und Unsicherheit wird das Thema im Verborgenen gehalten. Dabei ist Stressinkontinenz weder selten noch hoffnungslos. Sie ist medizinisch gut erklärbar und in vielen Fällen erfolgreich behandelbar.

Was ist Stressinkontinenz?

Stressinkontinenz ist eine Form der Harninkontinenz. Ihr Name ist ein wenig irreführend, denn mit seelischem Stress hat sie wenig zu tun. Dafür aber mit körperlicher Belastung, weshalb sie treffender oft auch Belastungsinkontinenz genannt wird. Gemeint ist damit ungewollter Urinverlust, wenn sich der Druck im Bauchraum erhöht. Das passiert zum Beispiel beim Niesen, Husten, Lachen, Springen oder beim Anheben schwerer Gegenstände.

Je nach Schweregrad wird die Belastungsinkontinenz in drei Stufen eingeteilt:

Grad der Stressinkontinenz Symptome
Grad 1ungewollter Urinverlust beim Husten, Niesen, Springen
Grad 2ungewollter Urinverlust beim Gehen, Aufstehen oder Treppensteigen
Grad 3 ungewollter Urinverlust bereits nur im Stehen oder sogar im Liegen

Mischinkontinenz

Häufiger als eine reine Stressinkontinenz kommt die sogenannte Mischinkontinenz vor, insbesondere bei Frauen. Das bedeutet: Es treten sowohl die Beschwerden der Stress- als auch der Dranginkontinenz auf.  

Typisch für die Dranginkontinenz ist plötzlicher, sehr intensiver Harndrang, oft auch ohne dass die Blase voll ist. Und er ist so stark, dass es häufig nicht gelingt, ihn zu unterdrücken; es kommt zum unfreiwilligen Harnverlust – tropfenweise oder auch schwallartig. 

Ursachen und Risikofaktoren

Ein kurzer Blick auf unsere Anatomie hilft, den ungewollten Urinverlust bei der Stressinkontinenz zu verstehen.
Die Harnblase liegt im unteren Bauchraum. Sie speichert den Urin, der in den Nieren gebildet wird. Damit dieser nicht unkontrolliert abgeht, besitzt der Körper ein ausgeklügeltes Verschlusssystem, bestehend aus zwei Schließmuskeln: Der innere Schließmuskel ist dauerhaft angespannt, öffnet sich aber automatisch, wenn die Blase voll ist –  wir können ihn nicht bewusst steuern. Der äußere Schließmuskel ist willentlich kontrollierbar. Unterstützt werden die Schließmuskeln vom muskulären Beckenboden. Er besteht aus mehreren übereinanderliegenden Schichten und ist sozusagen das tragende Fundament der Organe im Beckenbereich.

Wenn wir niesen, husten, lachen oder schwer heben, steigt der Druck im Bauchraum schlagartig an. Dieser Druck überträgt sich auf die Harnblase. Normalerweise können die Schließmuskeln und der Beckenboden diesen Druck ausgleichen. Die Harnröhre bleibt dicht. Sind jedoch die Beckenbodenmuskeln geschwächt oder die Schließmuskeln nicht kräftig genug, wird der Druckanstieg nicht ausreichend abgefangen – es kommt zum ungewollten Urinverlust.

Typische Ursachen sind:

  • Schwangerschaft und Geburt: Während der Schwangerschaft lastet zunehmender Druck auf dem Beckenboden. Bei vaginalen Geburten kann es zusätzlich zu Dehnungen oder Verletzungen der Muskulatur kommen.
  • hormonelle Veränderungen: Östrogen stärkt das Gewebe von Harnröhre und Beckenboden. In und nach den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel; das Gewebe wird schwächer.
  • Übergewicht: Mehr Körpergewicht bedeutet mehr Druck im Bauchraum und damit eine dauerhafte Belastung für den Beckenboden.
  • Operationen: Eingriffe Im Bereich der Blase, Gebärmutter und Prostata können die anatomischen Strukturen verändern.
  • chronischer Husten: Häufiges Husten, wie es zum Beispiel typisch ist bei der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), kann durch die ständig wiederkehrende Druckerhöhung im Bauchraum langfristig den Beckenboden schwächen.
  • Medikamente: Bestimmte Medikamente, darunter AC-Hemmer (z.B. bei Herzschwäche) und Benzodiazepine (z.B. bei Schlafstörungen) können eine Stressinkontinenz verstärken. 

 Der Weg zur Diagnose  

Je früher eine Stressinkontinenz erkannt wird, desto besser lässt sie sich behandeln. Deshalb: Auch wenn es Überwindung kostet – hole Dir ärztlichen Rat ein, sobald Du erste Symptome wahrnimmst!
Zu Beginn steht meist ein ausführliches Gespräch, die sogenannte Anamnese. Dabei schilderst Du Deine Beschwerden, seit wann diese bestehen und in welchen Situationen sie auftreten. Auch Vorerkrankungen, Operationen, Medikamente oder Schwangerschaften können eine Rolle spielen.
Im Anschluss folgt in der Regel eine körperliche Untersuchung, bei der die Beckenregion und der Bauchraum abgetastet werden.  
Häufig wird auch der Husten-Stresstest eingesetzt: Du wirst gebeten, mehrmals kräftig zu husten. Dabei beobachtet Deine Ärztin oder Dein Arzt direkt oder per Ultraschall, ob synchron zum Hustenstoß Urin austritt.
Je nach Befund können noch weitere Untersuchungen sinnvoll sein. Eine Ultraschalluntersuchung macht die Blase und umliegende Strukturen sichtbar und erlaubt so Rückschlüsse auf mögliche Veränderungen. Bei einer urodynamischen Untersuchung werden zusätzlich die Druckverhältnisse in der Blase beim Füllen und Entleeren gemessen. 
Nach Abschluss der Diagnostik wird die Belastungsinkontinenz in Grad 1, 2 oder 3 eingeteilt. 

Stressinkontinenz behandeln

Beckenbodentraining

Beckenbodentraining ist die Basis jeder Therapie bei Stressinkontinenz – für Männer wie auch für Frauen. Besonders bei Grad 1 und 2 kann das Training Beschwerden deutlich lindern.  

Deine Ärztin oder Dein Arzt kann Dir bei diagnostizierter Stressinkontinenz Physiotherapie verschreiben. Dort wirst Du mit passenden Übungen vertraut gemacht, die Du regelmäßig in Deinen Alltag integrieren solltest. 

Biofeedbacktraining

Vor allem zu Beginn kann es sinnvoll sein, das Beckenbodentraining mit Biofeedback zu kombinieren. Dabei wird eine Sonde an Deinem Beckenboden platziert. Die Sensoren messen die Aktivität der Beckenbodenmuskulatur und machen sie auf einem Bildschirm für Dich sichtbar. So lernst Du gezielt, die richtige Muskulatur anzuspannen und kannst schon nach wenigen Sitzungen zu Hause ohne Gerät weiterüben.

Elektrotherapie

Das Beckenbodentraining kann auch mit einer Elektrostimulationsbehandlung unterstützt werden. Hierbei wird der Beckenboden durch schwache elektrische Impulse stimuliert. Das regt die Muskelaktivität gezielt an und kann sie so verbessern. Die Methode eignet sich gut als „Starthilfe“, um ein Gefühl für die Beckenbodenmuskulatur zu bekommen. Elektrotherapiegeräte sind von den Krankenkassen anerkannte Hilfsmittel und können ärztlich verordnet werden. 

Blasentraining

Hierbei wird das Toilettenverhalten in einem Blasentagebuch festgehalten und bewusst gesteuert. Ziel ist es, feste Toilettenintervalle einzuhalten und die Blase schrittweise an größere Füllmengen zu gewöhnen. 

Gewichtsreduktion

Schon eine moderate Gewichtsabnahme kann den Druck auf Blase und Beckenboden deutlich reduzieren und damit Symptome verbessern. 

Medikamente

Wenn andere Methoden nicht ausreichen, kann auch eine medikamentöse Behandlung infrage kommen. So sollen etwa Medikamente mit dem Wirkstoff Duloxetin eine Stärkung des Blasenschließmuskels fördern. Steckt ein Östrogenmangel hinter der Stressinkontinenz, ist auch eine Hormontherapie eine Option. 

Botulinumtoxin-Injektionen

Bei ausgeprägter Stressinkontinenz kann eine Behandlung mit Botulinumtoxin („Botox“) helfen. Dabei wird der Wirkstoff direkt in den Blasenmuskel gespritzt. Dadurch entspannt sich der Muskel, starker Harndrang sowie häufiges Wasserlassen werden für etwa 6 bis 12 Monate reduziert. Die Behandlung kann bei Bedarf wiederholt werden. 

Operationen

Bei einer Stressinkontinenz dritten Grades oder wenn andere Maßnahmen keinen Erfolg zeigen, kommen auch Inkontinenzoperationen infrage. Häufig wird zur Stabilisierung von Beckenboden und Schließmuskeln eine Schlinge oder ein Band aus Kunststoff oder körpereigenem Material um die Harnröhre gelegt. 

Stressinkontinenz vorbeugen

Eine Stressinkontinenz lässt sich nicht in jedem Fall vermeiden. Aber Du kannst Deinen Beckenboden aktiv unterstützen und damit das Risiko einer Inkontinenz senken oder bestehende Beschwerden positiv beeinflussen:

  • Trainiere regelmäßig den Beckenboden – idealerweise vorbeugend und nicht erst bei Beschwerden.
  • Kontrolliere Dein Gewicht, beziehungsweise versuche abzunehmen, um den Druck auf Blase und Beckenboden zu reduzieren.
  • Lasse chronischen Husten behandeln.
  • Hebe und trage rückenschonend – d.h. aus den Beinen heraus und unter Anspannung des Beckenbodens.
  • Besuche nach einer Entbindung einen Rückbildungskurs.

Tipps für den Alltag

Neben der medizinischen Behandlung helfen oft kleine Anpassungen im Alltag:

  • Halte regelmäßige Toilettenzeiten ein.
  • Reduziere Deinen Konsum an koffein- und alkoholreichen Getränken – sie regen den Harndrang an.
  • Trinke ausreichend, denn zu wenig Flüssigkeit kann die Blase reizen und die Beschwerden verstärken.
  • Nutze Hilfsmittel: Inkontinenzeinlagen, -vorlagen und -hosen geben Sicherheit und helfen, kleine „Pannen“ zu vermeiden.

Und: Sprich mit Deiner Ärztin, Deinem Arzt darüber! Stressinkontinenz ist kein persönliches Versagen, sondern ein medizinisches Thema, für das es Lösungen gibt.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Du Fragen hast oder unsicher bist, wende Dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine andere qualifizierte Fachkraft. Entscheidungen, die Du aufgrund dieser Informationen triffst, erfolgen auf eigene Verantwortung.

Quellen

Internetquellen

  • Niederstadt, C., & Gaber, E. (2007). Harninkontinenz (Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 39). Robert Koch-Institut. https://doi.org/10.25646/3116

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  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG). (2022). S2k-Leitlinie Harninkontinenz der Frau (AWMF Registernr. 015-091). AWMF.