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Die Pause, die weiterwirkt

Frau sitzt in einem pinken Schwimmring auf dem ruhigen Meer, Blick aufs offene Wasser

Entspannt im Urlaub: Gut, wenn Ruhe und Erholung im Alltag weiter fortwirken. ¹⁾

Im Interview mit Psychologin Prof. Dr. Martina Zschocke 

Zwischen Gewohnheiten und Verpflichtungen geht uns oft der Blick für das Unverhoffte verloren. Reisen bringt diesen Funken zurück. Die Psychologin Prof. Dr. Martina Zschocke zeigt, warum Unterwegssein Körper und Geist stärkt, Ideen beflügelt und welche Faktoren Erholung tatsächlich erschweren.

alverde: Urlaubsreisen sind historisch ein junges Phänomen. Warum haben wir das Bedürfnis, in gewissen Abständen „raus“ zu müssen?

Martina Zschocke: Aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht ist der Mensch nomadisch angelegt. Und wer es sich leisten konnte, war auch in früheren Jahrhunderten unterwegs: Handwerker auf der Walz, die Adligen und später das Bürgertum, die Monate bis Jahre ins Ausland reisten. Ob kurz oder lang – der Reiz des Neuen spielt bei Reisen eine wichtige Rolle: Schon die Vorfreude auf eine Reise steigert die Dopaminausschüttung. Am Ziel selbst wird unsere Wahrnehmung stärker aktiviert, während wir uns im vertrauten Umfeld oft im Autopilot-Modus bewegen.

alverde: Was zeigt die Forschung: Erholen wir uns auf längere Sicht oder überschätzen wir, was Urlaub leisten kann?

Martina Zschocke: Urlaub ist auf jeden Fall notwendig, denn ausbleibender Urlaub erhöht die Sterblichkeit – das ist gut nachgewiesen. Aber auf der anderen Seite ist auch nachgewiesen, dass der Erholungseffekt nach drei bis sieben Tagen meistens schon wieder verpufft. Während es früher hieß „je länger, je besser“, weiß die Forschung heute, dass man zwischen acht und 14 Tagen für den optimalen Erholungseffekt braucht. Was nach der Reise länger anhält als die rein körperliche Erholung ist ein Kreativitätsschub. Dieser Effekt ist umso größer, je intensiver und je länger wir uns mit einer fremden Kultur umgeben und je fremder sie uns ist. Deshalb ist die Phase direkt nach dem Urlaub auch ein guter Zeitpunkt, um etwas in seinem Leben zu verändern. Eine Art besseres Silvester.

alverde: Machen wir überhaupt den Urlaub, der uns guttut? Wie stark bestimmen äußere Erwartungen und Social Media, wie wir reisen?

Martina Zschocke: Idealerweise schafft der Urlaub den größtmöglichen Ausgleich zum Beruf und Alltag: Wer etwa im Beruf einen hohen Informations-Input hat, den reguliert eine Woche am Meer oder in einer Hütte in den Bergen wieder runter. Ich möchte keine Regeln aufstellen, aber es wäre auf jeden Fall wichtig, sich mit seinen eigenen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. In der Realität orientieren sich viele an dem, was in ihrem Umfeld gemacht wird und was auf Social Media auftaucht. Eine immer größere Rolle spielen die zahlreichen Apps mit Tipps und Bewertungen. Viele planen vorab alle Details mit dem Anspruch, das beste Restaurant und die schönste Badebucht zu finden.

alverde: Bedeutet das Vorfreude oder Stress?

Martina Zschocke: Die Vielzahl an Wahlmöglichkeiten führt zu Entscheidungsstress. Und was dabei verloren gehen kann, ist die Neugier und das echte Entdecken: Orte im eigenen Rhythmus zu erkunden, dem Zufall Raum zu geben und der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Reisen enthalten zumindest Spurenelemente von Abenteuer und diese verschwinden, wenn wir nur „nachurlauben“, was andere empfehlen.

alverde: Individueller wirken dagegen die langen Reisen, die einige Menschen heute machen, beispielsweise im Gap Year in der Ausbildungsphase oder später als Sabbatical. Was zeigt dieser Trend?

Martina Zschocke: Ich sehe darin eine moderne Form der Bildungsreisen vergangener Jahrhunderte. Solche Aufenthalte erweitern unseren Blick, prägen die eigene Identität und schaffen tiefere Eindrücke, als es in zwei Wochen möglich wäre. Dass dieser Trend in den letzten 20 Jahren zugenommen hat, überrascht mich nicht: Viele spüren, dass langsameres, intensiveres Reisen ihnen etwas gibt, was im Alltag oft zu kurz kommt.

Unsere Expertin – Prof. Dr. Martina Zschocke, Psychologin

Prof. Dr. Martina Zschocke © Jens Freudenberg

Prof. Dr. Martina Zschocke ist seit 2010 Professorin für Freizeitpsychologie und Freizeitsoziologie an der Hochschule Zittau/Görlitz. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung ist Reisepsychologie. Dabei beschäftigt sie sich unter anderem damit, wie Reisen auf Psyche, Körper, Denken und Kreativität wirkt. In diesem Jahr ist ihr Buch Reisepsychologie (utb., 359 Seiten, 32,90 Euro) erschienen, das erklärt, warum Menschen auf Reisen gehen.

Hör-Tipp: Die preisgekrönte Hörspielserie „Die Erschöpften“ entfaltet ein spannendes Szenario: Statt zur gebuchten Fernreise geht es in eine Pre-Holiday-Klinik. Das dortige Programm soll die Urlaubsreifen erst urlaubsfähig machen. Amüsant und scharfsinnig. Zu finden in der Dlf-App und in ARD Sounds.