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Unterwegs – und anders zurück

Frau in sportlichem Outfit mit schwarzem Tanktop mit weißem Schriftzug „Dreamer“ und khakifarbenen Shorts steht auf felsigem Berggipfel vor Alpenpanorama, trägt Kappe und leichtes Schmuckstück am Hals

Innehalten: Eva Backes nimmt aus ihren Reisen das Tempo raus. © Eva Backes/privat

Drei alverde-Leserinnen und -Leser im Interview

Manche Reisen wirken weiter, auch wenn man längst wieder zu Hause ist. Weil man sich anders erlebt hat oder weil andere Menschen eine neue Perspektive eröffnet haben. Drei alverde-Leserinnen und -Leser berichten von Wegen, die ihnen Mut gemacht haben, etwas zu verändern, und von Momenten, die in Erinnerung bleiben.

Der Plan: kein Plan

Fernweh hat Eva Backes weit gebracht – das langsame Reisen aber noch viel weiter. Eine neue Art unterwegs zu sein, hat ihr Leben überraschend umgelenkt.

„In Neuseeland muss man unbedingt Backpacking machen.“ Von solchen ungeschriebenen Regeln habe ich mich leiten lassen, als ich jung war. Dabei waren Rucksackreisen nichts für meinen Rücken und als Introvertierte habe ich mich in Mehrbettzimmern nie wohlgefühlt. Mich zog es weit weg – USA, Kanada, Neuseeland –, dort habe ich versucht, alles abzuhaken, „was man gesehen haben muss“. Aber irgendwann merkte ich: Ich funktionierte auf Reisen genauso wie zu Hause. Ich kam zurück mit vielen Eindrücken, aber nie richtig erholt. 

Auf einer USA-Reise 2015 habe ich zum ersten Mal bewusst etwas verändert. Ich buchte Unterkünfte erst vor Ort, blieb, wo es mir gefiel, und machte mir keinen Druck, möglichst alle Sehenswürdigkeiten und empfohlenen Aktivitäten mitzunehmen. 

„Mich treiben zu lassen – das ist für mich das Schönste am Urlaub.“ – Eva Backes

Nach drei Wochen war ich entspannter als nach jeder perfekt organisierten Tour. Seitdem reise ich anders. Ich suche mir charmante Unterkünfte an netten Orten – nicht unbedingt Instagram-Hotspots. Die Nähe zum Wasser und Wanderwege sind mir wichtig. Ich streife viel mit meiner Kamera umher, das hilft mir, um anzukommen und das Besondere am neuen Ort zu entdecken. Mich treiben zu lassen, keine Termine und To-dos zu haben – das ist für mich das Schönste am Urlaub. Viele meiner Ziele liegen heute in Europa oder direkt in Nordrhein-Westfalen. Ein Wochenende im Sauerland kann mir genauso guttun wie eine Reise in den Süden. 

Durch das entschleunigte Reisen hat sich auch mein Alltag verändert. Mir sind 100 Ideen gekommen, die ich gerne ausprobieren wollte – aber ich wusste, dafür fehlen mir die Energie und die Zeit. Ich habe mir deshalb eine Teilzeitstelle gesucht und verwirkliche in der übrigen Zeit kreative Projekte: Ich zeichne, biete Fotoshootings mit Hunden an und habe einen Reiseblog. Ich habe gelernt, mit weniger Geld auszukommen, und habe dafür mehr Zeit. Und diese Freiheit fühlt sich nach genau dem an, wonach ich früher in jedem Urlaub gesucht habe.

Diese Dinge kommen in meinen Koffer

  1. Meine Kamera: Sie hilft mir, genau zu beobachten und wirklich da zu sein.
  2. Mein Journal: Um Aha-Momente und Ideen zu notieren.
  3. Ein Faszienball: An- und Abreisen stressen mich. Der Ball löst zuverlässig Verspannungen und Kopfschmerzen.

Web-Tipp: Auf Reiseheldin.de teilt Eva Backes ihre Reiseerfahrungen.

Familie im eigenen Rhythmus

Vier Monate waren Mona Brühl und ihr Mann mit den Töchtern (Baby und Dreijährige) 2023 in Südostasien unterwegs. Eine Erfahrung, die der Familie Leichtigkeit und Nähe gebracht hat – und die sie möglichst oft wiederholen möchten.

Wir fühlten uns im Alltag aufgerieben und träumten von einer Auszeit. Schicksalsschläge in der Familie hatten uns gezeigt, dass man Wichtiges nicht aufschieben sollte – und so wurden unserer Pläne, die Elternzeit für eine längere Reise nach Südostasien zu nutzen, schnell konkret. Unser Umfeld hat teilweise skeptisch reagiert: Die langen Flüge, das Klima, und was ist, wenn die Kinder krank werden? Mein Ansatz war aber schon immer, sich nicht von zu vielen Sorgen ausbremsen zu lassen. Natürlich haben wir uns vorbereitet, aber nicht jedes mögliche Szenario durchgespielt. 

Unterwegs hat sich mehr verändert, als wir geahnt hätten. Wir waren rund um die Uhr zusammen. Dabei haben wir gemerkt, dass im Alltag nicht die Kinder anstrengend sind, sondern die Verpflichtungen – Arbeit, Haushalt, Kita, Termine. Auf der Reise waren wir davon frei und haben ohne Wecker gelebt.

In Thailand saßen wir oft am Strand, während die Mädchen barfuß im Sand spielten. Aber wir haben auch Tempel besichtigt und kleine Wanderungen gemacht. Solange man Kinder nicht mit Programm überfrachtet und sich ihrem Tempo anpasst, kann man einiges unternehmen. In Asien ganz besonders. Die Kinderfreundlichkeit zeigt sich dort in kleinen Gesten: zum Beispiel bekommen die Kinder im Restaurant ihr Essen zuerst, damit sie gar nicht erst quengelig werden. 

Reisen hat unseren Blick geweitet. Wir haben gesehen, wie wenig man wirklich braucht, wenn man als Familie zusammen unterwegs ist. Seitdem miste ich zu Hause regelmäßig aus. Wenn unsere Töchter Geburtstag haben, bitte ich die Großeltern, lieber gemeinsame Unternehmungen zu schenken als Spielzeug. Längere Reisen sind seitdem unsere Priorität, weil es uns als Familie verbindet und stärkt. Auch diesen Winter haben wir in Asien verbracht. Wie es weitergeht, wenn unsere ältere Tochter eingeschult ist? Unsere Erfahrung zeigt, dass oft mehr möglich ist, als man denkt.

Diese Dinge kommen in meinen Koffer

  1. Silikonarmbänder für die Kinder: Darauf stehen ihre Namen und unsere Mobilnummer. Eine Sicherheitsmaßnahme, falls sie doch einmal verloren gehen.
  2. Faltbare Dosen, Besteck und Stoffbeutel: Darin ist Proviant perfekt aufgehoben und wir vermeiden Müll.
  3. Kleine Kopfkissen: Sie helfen uns, in fremden Betten, schneller anzukommen und besser zu schlafen.

Web-Tipp: Auf ihrem Instagram-Profil gibt Mona Brühl Tipps für Familien mit Fernweh: @MeerKinderReisen

Nähe auf Schritt und Tritt

Auf einer Gruppenreise mit blinden Menschen wurden die südindischen Tempel für Dirk Blondiau fast zur Nebensache. Sein eigentliches „Reisewunder“ war der intensive Kontakt mit seinen Mitreisenden, aus dem bleibende Freundschaften geworden sind.

Ich war immer viel und gern unterwegs. Als mir Bekannte erzählten, sie würden jetzt mit einer Gruppe von Blinden in die Mongolei fahren, war meine Neugier geweckt. Mein Vater war aufgrund einer Makula-Degeneration kurz vor seinem Tod fast erblindet. Blinde Menschen im Urlaub zu unterstützen, war für mich eine Möglichkeit, meinem Vater indirekt etwas zurückzugeben. Und als ich auf tourdesens.de eine Reise nach Südindien fand, war die Sache klar: Da wollte ich schon immer einmal hin. 

Das Konzept bei tour de sens ist einfach: Jeder Sehende begleitet jeden Tag eine andere blinde Person. Dabei ist man schon gefordert und darf nicht scheu sein: Die Blinden halten sich am Oberarm oder an der Schulter fest, manche möchten eine genaue Beschreibung der Umgebung, andere sich einfach unterhalten. Beim Essen führt man sie ans Buffet und in den Hotels erklärt man beim Ankommen, wo Bett, Steckdosen oder Handtücher sind. Dabei hat mich erstaunt und begeistert, wie hervorragend organisiert meine blinden Reisegefährten sind. Sie finden im Koffer ihre Sachen, vergessen fast nie etwas im Zimmer und merken sich jede Ansage des Guides. Als Sehender ist man viel schneller abgelenkt. In den Tempeln habe ich gelernt, geduldig zu sein – es dauert eben, bis jede Figur ertastet ist. 

Durch das Rotationsprinzip habe ich viele interessante Menschen kennengelernt. Man verbringt den ganzen Tag zusammen und die Unterhaltungen gehen oft in die Tiefe. In Südindien habe ich Freundschaften geschlossen, die bis heute bestehen. Wir besuchen uns gegenseitig, fahren zusammen Tandem. Und einmal im Jahr reise ich seitdem mit tour de sens. Nach Südindien 2023 kamen Ecuador, Marokko, und bald bin ich in Sri Lanka. Diese Reisen zeigen mir eine Welt, die mir vorher fremd war – eine, in der vieles selbstverständlich gelingt, obwohl die Voraussetzungen andere sind. Und genau das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Diese Dinge kommen in meinen Koffer

  1. Ohrstöpsel: Ich höre sehr gut – und ein brummender Kühlschrank kann mir die Nacht verderben.
  2. Ein Multifunktions-Taschenmesser: Es gibt immer etwas zu reparieren.
  3. Knabberkram: Im Reisebus werden immer Leckereien herumgereicht. Kürbiskerne und dunkle Schokolade sind mein Beitrag.

Die drei alverde-Leserinnen und -Leser im Überblick

  1. © Eva Backes/privat

  2. Der perfekte Sonnenuntergang war nur einer von vielen Glücksmomenten. © Mona Brühl/privat

  3. Gemeinsam ins Abenteuer: Dirk Blondiau und eine blinde Reisegefährtin auf der Rikscha. © Dirk Blondiau/privat

Ende der Auflistung