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Hier sprießt Lebensfreude 

Im Grünen blühen Erinnerungen auf: Hier erleben Menschen mit Demenz die Natur mit allen Sinnen. © Ulrike Kreuer

Zu Besuch in den Demenzgärten

Der Wechsel der Jahreszeiten, der Duft der Blüten, das Summen der Insekten: Gärten sind tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. Davon profitieren besonders Menschen, deren Erinnerung sich immer mehr verabschiedet.

Demenzsensible Gärten zeichnen sich durch Barrierefreiheit und klare Wegführung aus: Kreuzungen, an denen Entscheidungen gefordert sind, gibt es ebenso wenig wie Einbahnstraßen, aus denen Menschen mit eingeschränktem Orientierungssinn womöglich nicht mehr herausfinden. Die Wege sind beispielsweise durch Kräuter eingefasst, eine Hecke umrundet die Anlage. Die Pflanzen sind der Region angepasst: „Stauden, die seit Jahrhunderten in unserem Land wachsen, lösen etwas anderes in uns aus, als eine Thujahecke oder ein Bambus“, sagt Gartenbauingenieurin Ulrike Kreuer.

Gärten geben Struktur und Orientierung

Seit über 20 Jahren legt sie Gärten für Menschen mit Demenz an. Auch wenn es anfangs nicht einfach war, dafür die passenden Fördertöpfe zu finden, inhaltlich musste Ulrike Kreuer keine Überzeugungsarbeit leisten. „Dass Gärten gesundheitsfördernd sind und bei alten Menschen Erinnerungen wecken, leuchtete unmittelbar ein“, sagt sie. Es beginnt mit scheinbar simplen Sachen, wie dem natürlichen Licht, dem Singen der Vögel in der Früh und den jahreszeitlichen Veränderungen der Vegetation. Sie geben Struktur in einer Welt, die für Demenzbetroffene oft schwer durchschaubar ist. Denn der Körper erinnert sich an Tages- und Jahreszeiten, auch wenn der Verstand sie nicht mehr fasst.

Ein mentales und körperliches Fitnessprogramm im Grünen

Gartentherapie verfolgt immer definierte Ziele, Mobilität zu fördern oder Erinnerungen aufleben zu lassen. Die Natur gibt die Impulse und durch die Beschäftigung mit dem Garten werden gesundheitsfördernde Prozesse in Gang gesetzt. „Ich mache immer das, was im Garten wirklich ansteht“, sagt Ulrike Kreuer. Ob Kartoffeln gesetzt, das Laub gefegt oder Äpfel geerntet werden – es sind Tätigkeiten, die sich für Menschen mit Demenz unmittelbar sinnhaft anfühlen. „Menschen, die im Pflegealltag immer der Empfänger von Hilfeleistungen sind, erleben Selbstwirksamkeit“, sagt sie. 

Im Grünen blühen Erinnerungen auf: Die Menschen mit Demenz erleben die Natur mit allen Sinnen.

Zusätzlich wird auch die Fitness gestärkt: Bei der Ernte kommt der Körper, der sonst oft gebückt am Rollator geht, leichter in eine aufrechte Haltung, das Zupfen von Kräutern für den Tee fördert die Feinmotorik, und eine Rose, an der man unbedingt schnuppern möchte, motiviert, von der Bank aufzustehen. Und selbst Menschen, die nicht mehr an der eigentlichen Gartenarbeit teilnehmen können, sind eingebunden: Ulrike Kreuer lässt sie einen Spaten halten, die Erde fühlen oder streicht ihnen mit einer weichen Woll-Ziest über den Arm. Wenn zum Abschluss eines Gartentages alle am Feuer sitzen, blickt die Gartentherapeutin in strahlende Gesichter: „Es ist eine Lebensfreude spürbar, die viele Angehörige lange nicht mehr mitbekommen haben. Und die eigene Trauer darüber, dass die Mutter einen vielleicht nicht mehr erkennt, tritt einen Moment lang zurück.“

Die Vision: Demenz-Bereiche auch in Parks

In Pflegeeinrichtungen steigt das Interesse an der Gartentherapie. Pro Jahr legt Ulrike Kreuer meist einen größeren Garten an und setzt bis zu vier kleinere Projekte um. In Weiterbildungen gibt sie ihr Wissen an Pflegefachkräfte weiter. Ihre Vision endet aber nicht an den Hecken der Einrichtungen. Die Garten-Enthusiastin wünscht sich in jedem öffentlichen Park einen demenzsensiblen Bereich. Ein Pavillon könnte zeitweise von verschiedenen Trägern der Altenhilfe genutzt werden. Angehörige können unkompliziert ins Gespräch kommen, während der Blick über Blumen, Vögel und raschelnde Gräser wandert.

Unsere Expertin Ulrike Kreuer

© Rendel Freude

Ulrike Kreuer ist Gartenbauingenieurin und Gartentherapeutin. Sie verband ihre gärtnerische Arbeit seit jeher mit sozialen Anliegen. Seit 2003 legt sie vor allem in Nordrhein-Westfalen Demenzgärten an, bietet Gartentherapie und Weiterbildungen in Pflegeeinrichtungen an.

Tipp – Naturmoment zu Hause 

Bringen Sie einmal pro Woche etwas aus der Natur mit: Holunderblüten, Gräser, Kräuter, Erdbeeren oder Tannengrün. Dinge, die duften und sich berühren lassen, tun Demenz-Betroffenen gut.