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Im Fröbel-Kindergarten

 

Drei Kinder sitzen in einem offenen Schrank und lesen gemeinsam Bilderbücher, zwei Bücherständer mit weiteren Kinderbüchern stehen an den Schranktüren

Ein Schrank wird zum Lieblingsplatz: Hier entdecken Kinder ihre eigenen Welten voller Fantasie und Geschichten. ¹⁾

Eine besondere Kita

Ein umgebauter Schrank als Leseecke ist nur einer von vielen magischen Orten einer Frankfurter Kita. alverde ist Kindern und Betreuern einen Tag durch ihren bunten Alltag gefolgt.

Solche Riesenschnecken haben auch die meisten Erwachsenen noch nicht gesehen: Fasziniert und mit Respekt blicken die Kinder auf die Achatschnecken, die eine Erzieherin aus dem Terrarium geholt und vor ihnen auf den runden Tisch gesetzt hat. Die ostafrikanischen Riesenschnecken werden bis zu 30 Zentimeter lang. Julia Reisige, die Pädagogin und Expertin in diesem Bildungsraum, hatte den Kindern vorher mit Bildern vermittelt, wann und wie sie die Tiere in die Hand nehmen können. „Ihr könnt sie vorsichtig anheben, sonst ziehen sie sich in ihr Schneckenhaus zurück“, erklärt sie. 

Die Kinder befolgen den Rat und lösen die Panzer mit den glibberigen Körpern vorsichtig vom Tisch ab. Ein bisschen wie bei „Jugend forscht“ geht es im Weltentdeckerraum im Fröbel-Kindergarten „Am Hafenpark“ in Frankfurt am Main zu. Hier erfahren die Kinder viel zu den Themen Natur, Tiere und Forschen. Einen Tag haben wir uns in dem Kindergarten im Frankfurter Osten umgesehen, um zu erfahren, wie der Kita-Alltag hier aussieht. Welche Erfahrungen machen die Kinder im Laufe eines Tages, welchen Herausforderungen begegnen sie?

Leitbild ist das selbstbestimmte Kind

Der Fröbel-Kindergarten „Am Hafenpark“ bietet ihnen viele Möglichkeiten. Er gehört zur Fröbel-Gruppe, die mit mehr als 250 Krippen, Kindergärten und Horten einer der größten freigemeinnützigen Kita-Träger in Deutschland ist. Sein Name ist eine Referenz an Friedrich Wilhelm August Fröbel, den Erfinder der Institution Kindergarten. Der Pädagoge erkannte im 19. Jahrhundert, wie wichtig das freie Spielen und das selbstständige Gestalten für die frühkindliche Entwicklung sind. Auf diesem Leitbild baut auch der Fröbel-Kindergarten „Am Hafenpark“ auf. Die Kinder sollen hier selbstbestimmt aufwachsen. Das geht so weit, dass ein Dreijähriger entscheiden darf, von wem er gewickelt werden möchte. Die Kinder können sich jederzeit selbst aussuchen, womit sie sich beschäftigen möchten.

Drei Motive: links oben zwei Jungen betrachten Steine auf einem Tisch, links unten Teller mit Frühstückszutaten und Schälchen, rechts ein kleiner Junge sitzt mit dem Rücken zur Kamera am Klavier und sieht in ein aufgestelltes Bilderbuch

In der Spielzeugküche üben sich die Kinder als Gastgeber (oben). Im Weltentdeckerraum lernen sie Riesenschnecken kennen (unten). Im Raum der Talente sammelt ein Junge erste Erfahrungen am Klavier (rechts). ¹⁾

Während die einen Riesenschnecken erforschen, ziehen sich die anderen einen Kittel über und spielen Tierarzt, wieder andere bauen mit Klötzchen Hochhäuser. „Spielen nimmt eine Schlüsselrolle ein. Im freien Spiel ohne Leistungsdruck können Kinder ihre Fantasie entfalten, eigene Ideen entwickeln und Erlebnisse verarbeiten“, sagt Julia Riegelhuth, Leiterin des Kindergartens.

Hinter jeder Zimmertür eröffnen sich den Kindern neue Möglichkeiten. Im Raum der Wünsche stehen Koffer mit Verkleidungsoptionen. Eine weitere Tür führt in den Bauraum. Hier geht es zu wie in einem Architekturbüro oder auf einer Baustelle. Mit Kapla-Steinen, Plättchen aus Pinienholz, haben Kinder mannshohe Wolkenkratzer nachgebaut. Zwei Jungs sitzen am Boden und tüfteln an einem Stadion, dem von Eintracht Frankfurt, wie sie betonen. Nebenan, im Raum der Talente, klimpert ein Junge auf einem Klavier. Hier dreht sich alles um Musik und darstellende Kunst. In einem kleinen Raum baut der Facility Manager bereits an der nächsten Attraktion, einem Schiffsrumpf mit Ober- und Unterdeck.

„Kinder brauchen vor allem eines: einen Ort, an dem sie sich sicher und angenommen fühlen.“ – Julia Riegelhuth, Leiterin Kindergarten „Am Hafenpark“

Kreativ wie eine Kunstakademie

In den Gängen und in den Räumen ist überall Kreativität spürbar. An den Wänden hängen fantasievolle Bastelarbeiten, die einem besonderen Konzept folgen: Aus Industrieabfällen wie einer Plastikobstschale, einem Eierkarton, Eisstäbchen und Kabeln haben die Kinder und Fachkräfte Gesichter und Wörter gebildet. Remida heißt das in Italien entwickelte Konzept, das ursprünglich dazu diente, für Recycling zu werben. Anschließend wurde daraus ein Konzept für frühkindliche Bildung. Die Kinder lernen, dass es so etwas wie Abfall nicht gibt und dass Materialien aus Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe wunderbare Ressourcen für kreativ-künstlerisches Arbeiten sind. Dass immer genug Material zum Gestalten da ist, dafür sorgen die Kunstpädagogin Sigi Koch-Lessmann und die Grafikerin Oda Schnoor-Mudra. In einem Raum mit Kisten sammeln sie von Eierkartons bis zu Türknöpfen zahlreiche Fundstücke, die sich zum Recycling-Basteln eignen.

Bildung wird auch mehrsprachig angeboten

Erzieherinnen und Erzieher haben viel Gestaltungsfreiheit, um ihre Ideen umzusetzen. Eine Gruppe von Kindern hat sich in einem Leseschrank niedergelassen und tauscht sich über Bücher aus. „Die Kinder nutzen die Schränke eifrig“, sagt Julia Riegelhuth. „Sie laden auch zu Rollenspielen ein“, erläutert sie. Auf Bücher wird viel Wert gelegt. Beliebte deutschsprachige Kinderbücher lässt die Fröbel-Gruppe in Kooperation mit Verlagen wie Carlsen in andere Sprachen übersetzen, um Kindern verschiedener Herkunft gleichen Zugang zu Literatur zu ermöglichen. Umgekehrt können deutschsprachige Kinder eine neue Sprache lernen: Patricia Jimenez Martin, eine spanischsprachige Erzieherin, führt die Kinder mit Lernkarten und Büchern an ihre Muttersprache heran.

Neben dem Entdecken, Lernen und Gestalten brauchen Kinder seelische Unterstützung. Das beginnt oft schon am Morgen, wenn sie gebracht werden. Den einen fällt es leicht, den Eltern Tschüss zu sagen, andere kämpfen mit den Tränen. Dann ist es Aufgabe der Erzieher, das Kind zu trösten. An einem „Winkefenster“ können die Kinder ihre Eltern noch einmal grüßen. Julia Riegelhuth sagt: „Kita-Kinder brauchen vor allem eines: einen Ort, an dem sie sich sicher und angenommen fühlen. Geborgenheit entsteht durch verlässliches und gut ausgebildetes Fachpersonal, das den Kindern als feste Bezugsperson zur Seite steht. Klare Strukturen, wiederkehrende Rituale und ein überschaubarer Alltag geben Orientierung und Halt – gerade in einer Lebensphase, in der vieles neu ist.“

Zum Spielen gehört auch, in Rollen zu schlüpfen (links). Im Bauraum verwirklichen die Kinder mit Kapla-Steinen kühne Bauprojekte (rechts). ¹⁾

Gute Stimmung in der Kinderrunde

Zu den Ritualen gehört nach dem Frühstück die Kinderrunde – auch Morgenkreis genannt. Zwei Dutzend Kinder sitzen auf dem Boden im Kreis. Es herrscht ausgelassene Stimmung: Musikpädagogin Julia Hummel-Krabbe spielt am Klavier das Kinderlied „Die Räder vom Bus“, die Kinder singen mit. Ein Mädchen spielt nebenbei mit seinen Haaren. Singen macht den Kindern sichtlich Spaß. Dafür sorgt auch das Lied, in dem es darum geht, die Geräusche eines Busses nachzuahmen, vom Wischer über die Hupe bis zum Geplapper der Fahrgäste. Turbulent geht es auch zu, als der Raum später zum Bewegungsraum umgebaut wird. Hier herrscht nun auch die für Kinder dieses Alters typische Lautstärke. Sie toben auf den Turnbänken und Matten herum, balancieren auf einem Netz, ein Junge kraxelt eine Kletterwand hinauf. Wirkten die Kinder in den Bildungsräumen fast zu brav für ihr Alter, so werden sie hier auch schon mal übermütig. Der Betreuer passt auf, dass niemand zu viel riskiert.

„Im Spiel können Kinder ihre Fantasie entfalten, Ideen entwickeln und Erlebnisse verarbeiten.“ – Julia Riegelhuth

Kochlöffel dienen als Tickets fürs Mittagessen. Mit bunten Kugeln stimmen die Kinder darüber ab, ob ihnen das Essen geschmeckt hat. ¹⁾

Essen wird frisch gekocht

Um 11.30 Uhr sitzen erste Kinder beim Mittagessen, das sie sich an einem kleinen Buffet selbst auf den Teller legen. Laut Bundesamt für Kita- und Schulverpflegung wird in 70 Prozent der Kitas in Deutschland das Essen von Caterern zugeliefert. Im Fröbel-Kindergarten „Am Hafenpark“ wird täglich frisch vegetarisch gekocht. Am Eingang zur Küche ist, wie in manchen Szene-Restaurants, auf einer Schiefertafel das Tagesessen angeschrieben. An diesem Tag gibt es Perlgraupen-Reis-Mix mit Gemüse-Kokosmilch-Soße und Rohkost. Den Kindern scheint es zu schmecken. Mit bunten Kugeln können sie das Essen bewerten. Die meisten Kügelchen liegen in dem Hat-geschmeckt-Glas. Mitbestimmung ist auch im Nachbarraum zu sehen: Hier hat die „Demokratierunde der Eichhörnchenbande“ darüber abgestimmt, wo die nächsten Ausflüge hingehen sollen. Auf der Wunschliste stehen Trampolinpark, Kletterpark, Reithalle und Eis essen.

Nach dem Essen spielen einige Kinder im Garten, der umgeben ist von Wohnungen. „In der Corona-Zeit, als alle zu Hause waren, haben sich Anwohner über die Lautstärke im Garten beschwert. Jetzt kommen wir gut mit ihnen aus“, berichtet die Kita-Leiterin. Weitere Kinder haben sich in einen Ruheraum, den Snoezelenraum, zurückgezogen. Snoezelen ist eine therapeutische Methode zur Entspannung und Sinnesanregung in speziell gestalteten Räumen. Lichteffekte, Musik und Düfte helfen, Stress abzubauen, das Wohlbefinden der Kinder zu fördern und Ängste zu lösen.

Was Eltern nicht immer bewusst ist: Der hohe Geräuschpegel, soziale Interaktionen, Strukturen und viele neue Eindrücke fordern Kinder. Bevor die Eltern sie am Nachmittag abholen, können sich die Kinder auf der Liegewiese im Snoezelraum von einem erlebnisreichen, aber auch anstrengenden Kita-Tag ausruhen.

Julia Riegelhuth

Leiterin Kindergarten „Am Hafenpark“ ¹⁾