Wie viel Welt passt in die Kita?

Zwischen Spiel und großen Fragen: Spielerisch setzen sich Kinder mit Themen auseinander, die auch unsere Zukunft prägen. ¹⁾
Komplexe Themen können Kita-Kinder nicht verdauen
Ob Krieg oder Klimawandel: Große Themen erreichen auch kleine Kinder – manchmal nebenbei, manchmal als pädagogisches Projekt. Eine Zumutung oder ein Zutrauen in die Fähigkeiten der Kinder, unsere Welt mitzugestalten?
„Mach das bitte aus!“ Wenn im Auto die Nachrichten von Gewalt und Toten berichten, fühlt sich die sechsjährige Lola sichtlich unwohl und ihre Mutter Sarah Kernberger wechselt schnell den Sender. Medien begleiten heute den Alltag: Das Radio läuft, auf dem Social-Media-Feed tauchen Videos auf, Gespräche werden mitgehört. Kinder bekommen mehr mit als früher – auch dann, wenn Erwachsene es nicht beabsichtigen. Manche grenzen sich ab wie Lola, andere fragen nach oder verarbeiten die Eindrücke im Spiel. „Wichtig ist, dass Eltern und Kita-Mitarbeitende Kinder ernst nehmen. Zu sagen ‚Alles ist gut, mach Dir keine Sorgen‘, hilft nicht, denn die Sorgen sind ja da“, sagt Silvia van Geel. Die Sozialpädagogin arbeitet im Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) und hat sich intensiv mit Bildung für nachhaltige Entwicklung beschäftigt.
Keine kleinen Weltretter
Je unsicherer die Welt wirkt, desto wichtiger ist es für Kinder, sich als handlungsfähig zu erleben. Silvia van Geel erinnert sich an den Beginn des Ukraine-Krieges. Damals durchforsteten manche Kinder ihre Zimmer, um Spielsachen zu spenden. In Kitas gibt es regelmäßig Projekte, in denen Kinder konkret etwas für den Naturschutz tun können: ein Insektenhotel bauen oder ein Wildblumenbeet pflanzen. Lolas Karlsruher Kita nimmt regelmäßig an der städtischen Müllsammelaktion teil. Auch Mülltrennung gehört zum Alltag.
Damit ist man schon mittendrin in „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Die sei, so Silvia van Geel, kein Zusatzprogramm, das die Kitas noch irgendwo unterbringen müssten, sondern bereits im Alltag angelegt. „Kinder sind Teil der Gesellschaft“, sagt sie. „In einem verantwortungsvoll eng begrenzten Rahmen können und möchten sie einen Beitrag leisten.“ Dabei sei entscheidend, wie Themen vermittelt werden. „Die Botschaft an das Kind darf weder sein, dass alles ganz schlimm ist, noch, dass es für die Rettung der Welt verantwortlich ist.“ Nachhaltigkeit soll positiv, nicht bedrohlich erlebt werden.
Dass dieser Balanceakt immer gelingt, daran hat Anke Elisabeth Ballmann leise Zweifel. Die Pädagogin und Psychologin beschäftigt sich seit Jahren mit Bindung, Beziehung und den Grenzen früher Bildung. Auch sie hält Natur- und Umweltthemen grundsätzlich für wichtig – warnt aber davor, sie zu überfrachten: „Bildung in der frühen Kindheit heißt nicht, möglichst viel Weltwissen zu vermitteln“, sagt Anke Elisabeth Ballmann. „Kinder brauchen im Kitaalter vor allem Verlässlichkeit und Schutz, um später differenziert mit Problemen umgehen zu können.“ Komplexe Themen, die außerhalb der Lebenswelt von Kindern liegen, wie etwa der Klimawandel, hält sie nicht für kitatauglich. Für Silvia van Geel ist auch das eine Sache der Vermittlung: Die gestaute Hitze in einem Zelt im Sommer könne etwa den Treibhauseffekt erklären, ohne Klimamodelle zu bemühen.
Tiere als Empathieträger
Einig sind sich beide Expertinnen, dass das eigene Entdecken der Natur Priorität haben sollte: Tiere beobachten, mit den Händen in der Erde wühlen und die ersten fallenden Blätter aufsammeln. Auch in Lolas Kita gibt es regelmäßig Projektwochen zu einzelnen Tieren. „Kinder lernen über Tiere vor allem Empathie und Verbundenheit. Das ist eine wichtige Grundlage“, sagt Anke Elisabeth Ballmann. „Problematisch wird es, wenn über Tiere indirekt Bedrohungsszenarien transportiert werden.“ Also, „ja“ zur Biene im Apfelbaum, „nein“ zum Eisbären auf der schmelzenden Scholle.
Aber was ist, wenn für Erwachsene die Krisen mehr sind als Nachrichten im Radio? Etwa, weil Verwandte in Kriegsgebieten leben oder sie die Sorge um den Klimawandel umtreibt. Eltern und Kita-Fachkräfte dürfen authentisch sein, aber in einer reflektierten Form. „Die Verantwortung der Erwachsenen ist, sich ihrer Emotionen bewusst zu werden. Sich Überforderung einzugestehen und sich dann Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche“, betont Silvia van Geel. Kinder müssen nicht vor jeder Wirklichkeit geschützt werden. Aber sie brauchen Erwachsene, die wissen, was sie ihnen zumuten.




